Was lehrt uns die Finanzkrise?

Als der Autor 2002 sein inzwischen berühmtes Buch „Was passiert, wenn der Crash kommt?“ (Olzog Verlag, München) vorlegte, wurde er deswegen fünf Jahre lang von Kollegen, Finanzwissenschaft, von Politikern und von den Bankern als Nebelkrähe und Spinner diffamiert. Inzwischen aber haben alle gewusst, dass die Krise kommt.


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Über 50 Experten, die an dem Crash-Buch mitgearbeitet haben, waren sich klar darüber, dass wir in einer Scheinblüte lebten und die Blase platzen würde. Wir wussten aber nicht, platzt sie zuerst im Finanzsektor oder zuerst im Sozialsektor. In beiden Sektoren wurden etwa 20 Jahre lang ungeheure Kapital- bzw. Sozialübertreibungen gesteigert, die irgendwann korrigiert werden mussten. Wir haben beide Krisengründe geschildert.

Die Übertreibungen im Finanzsektor waren am schlimmsten. Sie hingen damit zusammen, dass die US-amerikanische Federal Reserve Bank (FED) direkt 12 Mitgliedsbanken gehört, die wiederum indirekt den beiden größten Weltfinanzgruppen zuzuordnen sind. Die privaten Eigentümer haben praktisch die FED als Goldesel zu immer hemmungsloserer Geldmengenvermehrung benutzt. Die Geldmenge hat sich in den letzten 30 Jahren mehr als vervierzigfacht, die Gütermenge nur vervierfacht. Die Blase ist immer stärker aufgeblasen worden.

Da die Menschen nicht wussten, dass es sich praktisch um ungedecktes Papiergeld einer privaten Bankstergruppe handelt, haben sie Geldwerte für Realwerte gehalten und mit dem Kauf fauler oder gar wertloser Anlagepapiere geglaubt, wohlhabender zu werden.

Der Traum platzte zuerst mit der Hypothekenkrise in den USA, weil die Hauspreise nicht mehr wie bisher stiegen, sondern plötzlich sanken, die bis zu 120 % beliehenen Kredite nicht mehr gedeckt waren und die Anlagebanken sowie Anleger die ersten großen Verluste in Kauf nehmen mussten.

Dies wäre eigentlich ein Problem der Banken gewesen und geblieben, die mit ihrer falschen Anlagepolitik – wie jeder private Gläubiger – die Verluste hätten tragen oder untergehen müssen. Solche Bereinigung der Finanzmärkte wurde durch die größte Bankenhilfe der Geschichte auf Betreiben des amerikanischen Finanzministers Paulson (vorher 10 Jahre lang Chef der umstrittensten Banksterbank: Goldman-Sachs) verhindert, der Bankenschulden seiner Banker-Kollegen zu Schulden des Steuerzahlers gemacht hat. So wurden die Banken saniert, aber die Staatsverschuldung hochgetrieben – nicht nur in den USA, sondern global.

Erfolgreiche Rettung?

Damit konnten nicht nur Banken erhalten, sondern auch die schlimmsten Erwartungen der Krise vorerst verhindert werden. Sie wurden durch den Staatseingriff praktisch in die Zukunft verlagert.

Inzwischen ist aber nur weniger als die Hälfte der faulen und „toxischen“ Finanzprodukte korrigiert, steht also der größere Teil noch zur Korrektur an. Dazu haben sich manche Staaten mehr als erträglich überschuldet; steht also auch neben der privaten Finanzkrise die Staatsfinanzkrise an. In dieser Situation stehen wir heute.

Endlich nun haben unsere Politiker begriffen, dass im Bankensektor Sprengsätze liegen, die man entschärfen muss:

  • Man muss die private Federal Reserve Bank (FED) verstaatlichen, um sie dem Missbrauch ihrer Eigentümer zu entziehen.
  • Man muss die Geldmenge begrenzen, wie dies die Bundesbank früher vorbildlich getan hat
  • und man muss Bankster, die sich kriminell verzockt haben, auch Konkurs gehen lassen, statt deren Schulden auf den Steuerzahler überzuwälzen.

Der normale Krisenablauf war immer in der Geschichte:

  • Erst die Finanzkrise bei Börsen, Finanzprodukten und Banken,
  • dann wegen sinkender Einnahmen und steigender Ausgaben – zur Zeit sogar wegen Schuldenübernahme der Banken – Krise der Staatsfinanzen.
  • Diese beiderseitige Finanzkrise setzt sich in der Regel in einer Realkrise fort, im Zusammenbruch von Unternehmen, die keine Kredite mehr bekommen, die Umsätze verlieren, deren Kosten über die Erträge steigen.
  • Diese Realkrise setzt sich in einer Sozialkrise fort durch Entlassungen, steigende Arbeitslosigkeit, Verarmung der Bevölkerung wegen ihrer Bankverluste, Rentenverluste, geringere Sozialunterstützung,
  • bis es schließlich zur Explosion kommt, zu Unruhen, zur Währungsreform.

Welche Lösungen gibt es?

Da die Bankster ihre größten Probleme verstaatlichen lassen, d. h. an die Steuerzahler abgeben konnten, muss jetzt vor allem bei den überschuldeten Staaten saniert werden. Die Staatsschulden müssen reduziert werden.

Dafür werden zur Zeit zwei Ziele empfohlen:

  • Drastische Sparmaßnahmen der Staaten (wie z. B. Griechenland)
  • und/oder Inflation.

Drastische Sparmaßnahmen sind sicher richtig, wo – wie im Falle Griechenlands – Übertreibungen wie Masseneinstellungen beim Staat, sechzehn öffentliche Gehälter, Frühpensionierungen ab dem 50. Lebensjahr u. ä. geschehen sind. Das Beispiel Griechenland zeigt aber, dass die Bürger selbst in den letzten Monaten mehr Kapital aus ihrem Land herausgeschafft haben, als sie vom Ausland als Hilfe bekommen können. Die Reichen erreicht der Steuerstaat ohnehin nicht. Er kann nur den Mittelstand ausbeuten und die Sozialleistungen kürzen.

Das Beispiel Griechenland wird uns aber auch lehren, dass in einer Demokratie echte Sparmaßnahmen praktisch nicht durchsetzbar sind. Belastet man den Mittelstand drastisch mehr, verliert er die Lust und fällt der Hauptleistungsträger einer Volkswirtschaft aus. Kürzt man dagegen die Sozialleistungen, führt dies zu Massenaufständen und Revolution.

Nur mäßige Verschuldung ist mit mäßigen Sparmaßnahmen zu bekämpfen. Eine ausgeuferte Verschuldung kann durch Sparmaßnahmen ohne Zusammenbruch des Staates und Revolution nicht mehr in den Griff bekommen werden. Im übrigen würden Sparmaßnahmen nicht kurzfristig, sondern nur mittelfristig wirken, also keine kurzfristige Lösung bieten.

Inflation?

Bleibt Inflation. Dieses war immer schon das beliebteste Mittel der Politiker, um stille Entschuldung und mehr Einnahmen für den Staat zu erreichen. Auch die Industrie nimmt gerne Inflation mit, weil dadurch die Gewinne (zumindest Scheingewinne) steigen. Die Gewerkschaften wollen Inflation, weil sie ihren Mitgliedern damit Lohnzuwächse (Scheinzuwächse) bieten können. Und vielfach haben in den vergangenen hundert Jahren die Staaten ihre Finanz- und Überschuldungsprobleme mit entsprechend hoher Inflation „bekämpft“ bzw. überstanden.

Eigentlich hätten die USA schon seit 40 Jahren wegen der ungehemmten Geldmengenvermehrung der FED dramatische Inflationsraten haben müssen, wenn es ihnen nicht gelungen wäre, faules Geld mit faulen Finanzprodukten und durch Druck als Währungsreserven an die übrigen Zentralbanken der Welt loszuwerden. In den USA wird deshalb am offensten über eine Inflation um oder über 5 % als Lösung des Überschuldungsproblems diskutiert.

In Europa dagegen ist die Europäische Zentralbank (EZB) in Nachfolge der soliden Bundesbank auf Geldwertstabilität verpflichtet worden. Allerdings kann durch die Regierungen eine höhere Inflation erzwungen werden.

Eine Inflation ist jedenfalls schon wegen der überbordenden Geldmenge angelegt und auch wahrscheinlich. Sie löst allerdings unsere derzeitigen Probleme nicht, weil sie nicht kurzfristig wirkt: Um 80 % der Schulden zu beseitigen, braucht man 8 Jahre lang mindestens 10 % Inflation. Würde man dies vervielfachen, wäre es praktisch eine Währungsreform.

Die beiden vorgenannten mittelfristig wirkenden Lösungswege führen also nicht aus der akuten Krise heraus. Wir brauchen kurzfristige Lösungen.

Zur kurzfristigen Lösung einer Finanzkrise gibt es eigentlich nur zwei:

  • eine Währungsreform
  • oder einen Krieg.

Amerikanische Währungsreform?

Immer wieder sickern Gerüchte durch, dass in den USA bereits neue Banknoten gedruckt worden seien, für den Dollar z. B. den „Amero“. Die USA sollen auch China für dessen riesige Dollarreserven nicht nur eine Silbergarantie, sondern auch eine Amero-Garantie gegeben haben zu einem Kurs von 2,5 Dollar = 1 Amero. Tatsächlich kommen die USA wohl um eine Währungsreform überhaupt nicht herum, weil das Vertrauen in die faulen Dollars erschöpft ist und die Dollarmenge drastisch reduziert werden muss. Da im übrigen fast 80 % der faulen Dollars in der ganzen Welt als Zentralbankenwährungsreservenguthaben oder in Spekulationsanlagen verstreut sind, wäre es eine einmalige Chance für die USA, die ausländischen Gläubiger durch Abwertung des Dollars zu betrügen.

Eine solche Dollarabwertung würde auch die übrigen freien Währungen in Zugzwang bringen, schon um der Exportsituation willen, und es könnte deshalb nach einer Dollarabwertung eine Abwertungswelle auch durch die übrigen Währungen der Welt gehen.

Damit würden die Schulden entsprechend zusammengestrichen, aber die Staatsfinanzen erst saniert, wenn gleichzeitig Steuererhöhungs- und Sparmaßnahmen zumindest die laufenden Staatshaushalte wieder ins Gleichgewicht bringen könnten.

Krieg?

Häufig in der Geschichte haben Regierungen und Länder, die finanziell mit dem Rücken an der Wand standen, zu einem nicht mehr friedlichen Mittel gegriffen: dem Krieg. Ein Krieg könnte auch heute möglich werden; beispielsweise im Nahen Osten, wo zwischen dem Iran und Amerika (und Israel) seit langem kritische Spannungen bestehen, die leicht zum Ausbruch gebracht werden können.

Ein Krieg löst aber kein Problem, sondern vertagt es nur. Die Schulden bleiben. Die Zentralbanken finanzieren allerdings im Krieg jede Kriegsproduktion in der Hoffnung, dass dann nachher der Verlierer zahlen muss.

Ergebnis

Von den vier Lösungswegen scheiden also aktuell die beiden mittelfristigen des Sparens und der Inflation aus. Von den beiden kurzfristig wirkenden Lösungen ist eine Währungsreform zumindest des Dollar wahrscheinlich, könnte aber durch einen beginnenden Krieg noch überrollt werden.

Dennoch sollte unsere Regierung nicht tatenlos warten, sondern als Lehre aus der Krise eilig handeln,

  • nämlich den Banken alle Derivategeschäfte, Leerverkäufe u. a. verbieten (Derivate sind den deutschen Banken erst durch Eichel als Gegenleistung für die Finanzierung eines Jahresdefizits wieder erlaubt worden).
  • Es darf grundsätzlich keine Staatshaftung für Bankenfehler mehr geben, sondern die verzockten Banken müssten im ordentlichen Insolvenzverfahren abgewickelt werden (unter Sicherung der Kleinsparer).
  • Auch das Risiko von Staatskrediten müssen die Banken selbst tragen, ohne dass die Steuerzahler dafür zur Kasse gebeten werden. Es ist schon deshalb notwendig, weil alle deutschen und ausländischen Großbanken sowieso keine nationalen Banken mehr sind, sondern überwiegend in ausländischer Hand.
  • Um die Wirtschaft von Bankkrediten unabhängig zu machen, sollte –  wie dies Ludwig Erhard getan hat – eine generelle Steuerstundung von im Betrieb verbleibenden Gewinnen wieder eingeführt werden, damit die Firmen sich wieder selbst finanzieren können. So ist damals ohne Bankenkredite das Wirtschaftswunder entstanden.
  • Dies enthebt allerdings die Staaten nicht der Notwendigkeit, zur Entlastung ihrer Leistungsträger die Zahl der Transferleistungsempfänger und die Transfersumme drastisch zu begrenzen. Gesund wird man nur, wenn man aus einer Transfergesellschaft wieder zur Leistungsgesellschaft wird.

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Eberhard Hamer

geb. 1932, Professor für Finanzwissenschaften, Gründer des Mittelstandsinstituts Niedersachsen, VDSt Bonn.



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