Weise, tapfer, besonnen und gerecht. Platon und sein Staat

Konservative als politische Kraft treten erst im Gefolge der Französischen Revolution auf. Ihre Ideen freilich sind älter; wie man überhaupt in Europa wenig findet, das nicht in der griechischen Antike mindestens vorgedacht wurde. Viele konservative Gedankenlinien führen zurück zu Platon. Kaum ein Philosoph hat abendländisches Denken tiefer geprägt. Manuel Mackasare wirft einen Blick in den Staat.


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S114_Weise_4Der junge Platon war ein Schöngeist. Im Übergang zum Erwachsenenalter beschäftigte ihn nichts mehr als Dichtung; er plante wohl, in einem der großen Dichterwettstreite Athens anzutreten. Dazu kam es nicht. Eines schicksalhaften Tages stieß er auf eine Schar junger Männer, die ihren Lehrer umringte: Sokrates. Während der Zwanzigjährige dem Weisen lauschte, muss in ihm jene Ehrfurcht erwacht sein, deren Gefolge aus Zuneigung und Vertrauen junge, suchende Menschen nicht selten der unbedingten Autorität eines Älteren überführt. Platon warf seine Dichtungen ins Feuer, wurde ein Schüler des Sokrates und schließlich selbst Philosoph. Von der Verehrung seines Mentors ließ er seinen Lebtag lang nicht ab. Stets ist es Sokrates, den er in seinen Schriften an seiner Statt sprechen lässt. So auch im Staat.

Seele und Staat

Der Staatsentwurf ist ein Konstrukt, vom Menschen für den Menschen angefertigt. Folglich sollte, wer ihn wagt, sich zunächst die Beschaffenheit des Menschen vergegenwärtigen. Hierzu einige Bilder: Zunächst das eines vielgestaltigen Ungetüms, „das die Köpfe von wilden und zahmen Tieren ringsum trägt und sich verwandeln und alle diese Tiere aus sich heraus erschaffen kann“; dann das eines Löwen; schließlich das eines kleinen Menschen. Diese alle umschließend eine weitere menschliche Gestalt, so dass, „wer nicht ins Innere schauen kann“, bloß einen Menschen sieht. Tatsächlich aber besteht das menschliche Wesen aus drei Teilen: einem begehrenden, einem tapferen, einem verständigen (in neuerer Zeit wurden diese drei treffend zu Trieb- und Gefühlsleben, Wille und Verstand präzisiert). Innerhalb der meisten Menschen herrscht die übermächtige Bestie, reißt Löwen und Männlein mit sich fort; gleichgültig, ob sie gerade Schafs-, Bocks- oder Wolfsköpfe trägt. Dagegen die Besseren werden vom Löwen regiert; tapfer, ruhmdurstig und kampfeslustig, aber geistlos. Ideal ist es, wenn der Mensch das Szepter ergriffen hat; er ist dann so klein nicht mehr, sondern die Bestie ist geschrumpft und wird vom Löwen bewacht, der dem Kommando der Majestät gehorcht. Dieser Typus ist der Seltenste, der Gerechte. Gerechtigkeit herrscht, wenn alles in rechter Ordnung seine Aufgabe erfüllt: Der Mensch entscheidet und befiehlt, der Löwe folgt dem Geheiß und die Bestie wird bezähmt.

Analog hierzu verhält sich der Staat. Ein guter Staat ist „weise, tapfer, besonnen und gerecht“, wobei Weisheit die Herrschaft der Besten, Tapferkeit die Obhut eines Wächterstandes und Besonnenheit die Mäßigung der Masse durch die Herrschenden meint, womit eine gerechte Ordnung hergestellt ist. Wo das Wesen der meisten nur viehische Zustände zuließe, soll Platons Staat menschliche Verhältnisse einkehren lassen; „nicht etwa, weil wir glaubten, der Dienende werde zu seinem Schaden beherrscht […], sondern weil es für jeden besser ist, dem Göttlichen und Vernünftigen zu dienen, am besten freilich, wenn man es in seiner eignen Brust trägt […]!“

So jedenfalls Platon, der eigentlich Aristokles hieß und um 428 v. Chr. als Spross höchsten Athener Adels geboren wurde. Seine Zeit war von politischen Wirren geprägt. Zunächst erlebte er die schwächliche Frühphase der Athener Demokratie, dann die restaurative Herrschaft der Dreißig Tyrannen, schließlich die Wiedererrichtung der Volksherrschaft. Unter den Erfahrungen, die ihn gegenüber realpolitischer Tätigkeit schon früh resignieren ließen, dürfte wohl die Hinrichtung des Sokrates die einschneidendste gewesen sein. Verfügt worden war sie von den Demokraten Athens, die sich auf diese Weise unter Vorschiebung fadenscheiniger Anklagepunkte eines unliebsamen Denkers entledigten. „[E]s ist ja so, als ob ein Mensch unter wilde Tiere fiele; weder will er zusammen mit den anderen Unrecht tun, noch kann er allein all den Wilden standhalten“, lässt Platon seinen Sokrates über die gegenwärtige Gesellschaft resümieren. Sein zentraler Ordnungsgedanke dürfte in dieser Einschätzung den Ursprung haben.

Platons Staatsentwurf

S113_Weise_2Den drei Seelenteilen gemäß soll es drei Stände im Staat geben: Im unteren, bei weitem größten gehen die Begehrenden den wirtschaftlichen Tätigkeiten nach, im mittleren übernehmen die Tapferen Kriegs- und Polizeiaufgaben und im oberen herrschen die Verständigen. Die Wirtschaft reguliert sich weitgehend selbst; der untere Stand empfängt von den beiden übergeordneten Ständen Schutz und Gesetze, stellt dafür deren Versorgung mit Grundgütern sicher und ist ansonsten von wenig Interesse. Zentral ist der Wächterstand, dessen Kennzeichen die Güterlosigkeit ist: Von den Mahlzeiten über die Wohnräume bis hin zu den Geschlechtspartnern wird alles geteilt, jeglicher persönliche Besitz unterliegt einem strengen Verbot. Grundgedanke ist, den eigennützigen Trieb zu minimieren. Indem alles geteilt wird, haben alle „ein gemeinsames Ziel und sind so weit wie möglich in Leid und Freude eines Sinnes“. Um dabei die Ordnung und die Leistungsfähigkeit der Wächter aufrechtzuerhalten, wird den Herrschenden ein Instrumentarium an Manipulationsmechanismen an die Hand gegeben. Geschlechtspartner werden nur scheinbar durch Los bestimmt, de facto festgelegt, Kriterien der Zuchtwahl folgend. Die frühestmögliche Gemeinschaftserziehung der Kinder einschließlich einer gezielten Vernebelung der Blutsverwandtschaftsverhältnisse dient auch dazu, für den Wächterstand untauglich befundenen Nachwuchs aus den Reihen der Wächter zu entfernen.

Kriterium für die Standeszugehörigkeit ist die jeweils passende seelische Anlage, wie sie als individuelle Bewährung zutage tritt. Somit ist die Gesellschaftsstruktur durchlässig, nicht nur zwischen den Ständen, auch zwischen den Geschlechtern: „Es gibt also keinen öffentlichen Beruf, der nur für eine Frau oder nur für einen Mann geeignet wäre, sondern die Anlagen sind in beiden Geschlechtern gleich verteilt […].“ Dies gilt ausdrücklich auch für das Militärwesen und die obersten Herrschaftsämter.

Erziehung spielt im Staat eine grundlegende Rolle. Die gemeinschaftlich aufwachsenden Wächterkinder erfahren musische und gymnastische Bildung, um „besonnen und tapfer“ zu werden. Dabei sind sie steter Prüfung unterworfen, die ihren Wert feststellen soll. Es gilt, „schwere Aufgaben“, „Schmerzen und Wettkämpfe“ zu meistern; abwechselnd werden die Heranwachsenden „in furchterregende Lagen“ und wieder „zu Vergnügungen“ geführt, um ihre Widerstandskräfte gegen Schrecken und Verführung zu schulen und zu erproben. Später tritt eine wissenschaftliche Ausbildung hinzu, bis zum dreißigsten Lebensjahr.

Die sich bis dahin am besten bewährt haben, die Verlässlichsten, Mutigsten, Edelsten, Ernstesten, Klügsten, Lernwilligsten, wenn möglich Schönsten, werden dann der Königin der Wissenschaften zugeführt: der Dialektik. Es handelt sich um die Lehre des rechten Denkens, der es möglich ist, mittels logischer Operationen und ohne Empirie hinter die Scheinwelt der Objekte in den Bereich wahren Seins vorzudringen; „sie zieht das Auge der Seele, das in Wahrheit in einem barbarischen Schmutz begraben ist, ruhig hervor“. Nach fünf Jahren dialektischer Schulung liegt ein fünfzehnjähriger Staatsdienst vor den Besten. Anschließend, ab ihrem fünfzigsten Lebensjahr, steht ihnen die freie Wissenschaft offen; aber gleichzeitig obliegt ihnen die Pflicht, zur Übernahme der obersten Herrschaftsverantwortung bereitzustehen. Die Herrschaftsgewalt liegt damit in den Händen von Philosophen, die nebenbei bewährte Kriegs- und Staatsmänner sind – als oberste und wichtigste Voraussetzung eines gerechten Staatswesens. „Wenn nicht die Philosophen in den Staaten Könige werden oder die Könige […] und Herrscher echte und gute Philosophen und wenn nicht in eine Hand zusammenfallen politische Macht und Philosophie […], gibt es, mein Glaukon, kein Ende des Unglücks in den Staaten“, teilt Sokrates seinem Gesprächspartner mit.

Platon-Kritik

Es fällt nicht schwer, mit Karl Popper in Platon den Stammvater totalitärer Ideologien zu sehen. Die durchreglementierte Gesellschaftsstruktur mit ihrer völligen Aufhebung der Grenze zwischen Staatlichem und Privatem, aufrechterhalten durch Manipulationen der Obrigkeit; die Zensur der Dichtkunst, nur „Hymnen auf Götter und Loblieder auf gute Menschen“ gestattend; die absolute Besitzlosigkeit; die Zuchtwahl – all das erinnert fatal an die düstersten Kapitel der neueren Geschichte. Jedoch verliert viel dessen, was uns heute anthropologisch verkehrt oder ethisch verwerflich erscheint, in seinem historischen Kontext an Schärfe. Etwa spiegelt sich im Verhältnis der Geschlechter die Geringschätzung zwischengeschlechtlicher Partnerschaften im alten Griechenland wider; in der Zuchtwahl die logisch scheinbar korrekte Anwendung eines aus der Viehzucht bekannten Prinzips; in der Behandlung des als untauglich erachteten Nachwuchses eine durchaus humanisierte Form des gesellschaftlich üblichen Brauchs (der für die Athener in Aussetzung, für die Spartaner in Tötung bestand).

Dagegen ein echter, ein dialektischer Fehler ist das Verhältnis der Herrscher zur Wahrheit. Einerseits haben sie als Philosophen „[f]rei zu sein von Trug: nie freiwillig eine Unwahrheit an sich heranzulassen, sondern sie zu hassen und die Wahrheit zu lieben“; andererseits sollen ihnen Lüge und Trug erlaubte Herrschaftsmittel sein. Letzteres ist eine Konzession an das absolut Notwendige: Wer herrschen will, muss das Übergewicht der Beherrschten auf seiner Seite wissen, und die Masse ist nun einmal dem rationalen Argument kaum, der Selbstkritik nicht zugänglich. Dass aber die Besten bei der Staatsführung ein Stück ihrer Güte einbüßen, geht eben nicht mit Platons Weltbild zusammen.

Insgesamt wird man schwerlich zu einem anderen Schluss kommen, als dass beinah alle konkreten Vorstellungen Platons, wie ein optimales Staatswesen auszusehen habe, vom heutigen Standpunkt aus unbrauchbar geworden sind.

Darüber hinaus markiert Poppers Platon-Kritik eine zentrale weltanschauliche Frage: Sollen Staat und Politik vor allem Katastrophenprävention betreiben oder vor allem an der Entfaltung menschlichen Potentials mitwirken? Poppers „offene Gesellschaft“ zielt mitnichten auf eine Gesellschaftsutopie ab, sondern soll in erster Linie Schutz bieten vor totalitären Kräften und jenen Verfolgungen und Ausmordungen, an denen das 20. Jahrhundert so reich war. Platon dagegen geht es um die Schaffung eines Zustandes, in dem die wenigen Besseren vor der Domestikation durch die zahlreichen Schlechten bewahrt werden und sich den göttlichen Wahrheiten annähern können. Dabei ist ihm bewusst, dass auch diese beste Staatsform nach seinem Entwurf „nicht ewig bestehen“ kann, „sondern vergehen“ muss; sein Geschichtsbild ist ein zyklisches, in dem der Aristokratie bzw. Monarchie (Herrschaft der bzw. des Besten) die Timokratie (Herrschaft der Ruhmreichen), die Ochlokratie (Herrschaft der Reichen), die Demokratie (Herrschaft aller) und die Tyrannis (Herrschaft eines Infamen) folgen. Die Demokratie, eine scheinbar „angenehme, herrenlose und bunte Verfassung, die ohne Unterschied Gleichen und Ungleichen dieselbe Gleichheit zuteilt“, widerspricht Platons Gerechtigkeitsbegriff diametral. Hier herrscht uneingeschränkt das vielköpfige Tier, noch dominiert von seinen harmloseren Häuptern; es ist jedoch nur eine Frage der Zeit, bis es seine Bestialität hervorkehrt. Vor den Schlechtesten, jenen, die von „Trieben und Leidenschaften rasend“ sind, liegt ein geebneter Weg. In diesem Sinne steht nicht nur Poppers Wort gegen Platon, sondern auch Platons Wort gegen Popper: Die „offene Gesellschaft“ würde mit Platon in den Bereich jener Versuche fallen, die dem Bösen, indem sie es mit Menschenklugheit aus der Welt schaffen möchten, gerade alle Tore aufstoßen.

Objekte und Ideen

S113_Weise_1Der Staatsentwurf bleibt ohne sein spirituelles Fundament unverständlich. Gemäß Platons Ideenlehre ist die Welt der sichtbaren Objekte nur halbwahr; sie verweist auf dahinterstehende Ideen, die göttlichen Ursprungs, ewig, unwandelbar und als eigentliche Wahrheiten nur dem geistigen Auge zugänglich sind. Dies ist der oberste Auftrag der Menschen, namentlich der Philosophen: eine Annäherung an das Göttliche auf dem Wege der Dialektik. Hierin liegt alles wahre Erdenglück, für den einzelnen Guten wie für die ihm folgenden Massen, hierin auch die Hoffnung für die unsterbliche Seele des Menschen. Platons Lehre des Jenseits und des Göttlichen ist der des Christentums frappierend ähnlich, hat sie maßgeblich vorbereitet. Auch deshalb hat seine Lehre in der Geistesgeschichte des Abendlandes eine Wirkmacht entfaltet, die kaum groß genug eingeschätzt werden kann. Ist es unsere kulturelle Prägung, die so vieles aus der Lehre Platons ungebrochen aktuell erscheinen lässt? Oder sind es anthropologische und spirituelle Kernwahrheiten, die vor beinah zweitausendfünfhundert Jahren ausgesprochen wurden?

Da wäre Platons Seelenlehre, die das Wesen des Menschen noch immer treffender beschreibt als rein biologische und neurowissenschaftliche Ansätze. Da wäre die Dialektik als Grundlage nicht nur wissenschaftlichen, sondern allen Denkens; dass sie kein Gegenstand des Schulunterrichts mehr ist, dass einige moderne Ansätze sogar demonstrativ die Abkehr von logischen Operationen inszenieren, hat lediglich zur Folge, dass sie in verunschärfter und nicht selten bis zur Beliebigkeit zerredeter Form, kurzum unreflektiert angewandt wird. Da wäre der ewige Trost, dass das eigene Heil nicht von äußeren Umständen abhängt, da wären Möglichkeit und Auftrag, selbst unter vertierten Zuständen und bei äußerer Ohnmacht einen gerechten Staat einzurichten – im eigenen Inneren.

Platon starb mit einundachtzig Jahren, friedlich an Altersschwäche. Die Besonnenheit seiner Lebensführung verbürgen seine Zeitgenossen. Mut bewies er, als er den Tyrannen Siziliens als das bezeichnete, was er war, und dafür in die Sklaverei ging; an seinem Verstand ließ er jene, die es wollten, teilhaben – in seiner Schule, die im Hain des Akademos lag und daher ihren Namen empfing, unter dem sie bis heute bekannt ist. Die dramatische Kunst, einst von Platon geliebt und später von seinem schärfsten Bannspruch getroffen, gelangte durch das Wirken seines Schülers Aristoteles im Abendland zu dauerhaftem Ruhm. Dies geschah auf dem Wege der Dialektik. Platon würde wohl innerlich gelächelt haben über die eigene Fehlbarkeit und sich bestätigt gesehen haben in seinem Glauben, dass, wo redliches Bemühen und rechter Verstandesgebrauch walten, eine immer größere Annäherung an die Wahrheit möglich ist.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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