Welch ein Leben!

Johann Wolfgang von Goethe war ein außergewöhnlicher Mensch mit vielfältigen Begabungen.
Als Dichter, Schriftsteller, Naturwissenschaftler und Politiker gab er seinem Leben Gestalt.
Rüdiger Safranski kommt ihm in seiner quellenreichen Biographie so nahe wie selten ein Biograph zuvor.
An Goethe können wir uns auch heute noch aufrichten, meint unser Rezensent Werner Kunze.


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Goethes Leben und Wirken sind vorbildlich dokumentiert, es liegt wie ein offenes Buch vor uns. Seine Biographen können aus dem Vollen schöpfen. In den Archiven ist eine Fülle von Briefen, Aufzeichnungen und Tagebüchern von Goethe selbst und seinen Zeitgenossen gelagert. Ganz abgesehen von Goethes Autobiographie „Dichtung und Wahrheit.“ Safranski hat sich diesen Umstand besonders konsequent zunutze gemacht. Sein Buch wirkt durch die zahllosen Zitate lebendig, authentisch und nahe am Zeitgeschehen. Damit bleibt das Ambiente, die Sprache und die Stimmungslage der Zeit Goethes immer bewahrt. Wer sich auf diese Weise in Goethe vertieft, macht sich nach Safranski „zu seinem Zeitgenossen.“ Die keinesfalls langatmigen Erläuterungen und Ergänzungen des Biographen erleichtern die Einordnung und Beurteilung der Lebensvorgänge.

Damit ist aber auch bereits an dieser Stelle ein ganz wesentlicher Aspekt angedeutet, um das außergewöhnliche Wesen und Wirken Goethes zu verstehen. Nämlich die ungewöhnlich enge Verflechtung von genialer Begabung, Lebensgestaltung und Werk. Diese drei Pole durchziehen gewissermaßen das Wirken Goethes in ganz eigentümlicher Art und Weise.

Rüdiger Safranski hat diese Tripolarität meisterhaft verarbeitet und aufgezeigt, wie Goethe die Fülle der Lebensmöglichkeiten in einer Person vorgelebt hat! Der Biograph schildert in großer, aber nicht ermüdender Ausführlichkeit sowohl die zahlreichen äußeren Ereignisse als auch die sie begleitenden Seelenzustände Goethes.

Schon wieder eine Goethe-Biographie?

Andere werden sich vielleicht spontan fragen: Schon wieder eine Goethe-Biographie? Haben sich nicht bereits Generationen von Germanisten und viele andere, von Goethe angezogene Menschen intensiv und vieldimensional über Goethes Leben und Werk ausgelassen?

Wir leben in einer Zeit, in der viele ihr Desinteresse an Goethe nicht verhehlen. Menschen also, denen eingeredet worden ist, oder die der Auffassung sind, die Lebensverhältnisse und Anforderungen unserer Zeit unterschieden sich so radikal von der Vergangenheit, dass Anregungen und Lebenserfahrungen von Repräsentanten aus früheren Zeiten nicht mehr hilfreich seien. Ich sehe in einer Haltung, die glaubt, uns herausgehoben und einzigartig machen zu können, einen bedauerlichen Irrtum. Wir brauchen schließlich gar nicht so viel zu abstrahieren, um zu erkennen, wie gleich der Mensch im Grunde genommen geblieben ist.

Safranski war von „der Gestalt dieses individuellen Lebens“ fasziniert, dies sei keine Selbstverständlichkeit, denn: „Heute sind die Zeiten nicht günstig für die Entstehung der Individualität. Die Vernetzung aller mit allen ist die große Stunde des Konformismus. Goethe war mit dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben seiner Zeit aufs innigste verbunden, aber er verstand es, ein einzelner zu bleiben, er machte sich zum Grundsatz, nur so viel Welt in sich aufzunehmen, wie er auch verarbeiten konnte.“ Eine nachahmenswerte Verhaltensregel für manche heutige Zeitgenossen, die vergessen zu haben scheinen, dass wir, wie auch Safranski bestätigt, „neben dem körperlichen auch ein geistig-seelisches Immunsystem“ haben.

Goethe wollte dem Leben den Charakter eines Werkes geben. Ein Werk rage „aus den Zeitläuften heraus, mit Anfang und Ende. Und dazwischen eine festumrissene Gestalt. Eine Insel der Bedeutung im Meer des Zufälligen und Gestaltlosen … Für ihn musste alles Gestalt haben. Entweder er entdeckte sie, oder er schuf sie … Goethe liebte das Lebendige und wollte so viel wie möglich davon festhalten und in irgendeine Form bringen.“

Die Biographie verweist immer wieder auf allgemein menschliche Züge im Leben Goethes. Bestechend an seinem Leben sind seine Auswege aus zu großer Innerlichkeit, aus Welt- und Lebensschmerz durch Pflicht und Tätigwerden. Goethe hat alle diese menschlichen Regungen, die Freuden, das Leid und den Schaffensdrang in ganz ungewöhnlicher Ausprägung und mit zahlreichen „Häutungen“ vorgelebt. Er war nicht nur ein dichterisches Genie, er war es auch bei seiner Lebensbewältigung.

Auch deshalb erscheint es mir empfehlenswert, wenn jede Zeit sich vor dem Hintergrund ihres eigenen Geschehens erneut mit Goethe beschäftigt. Wer auch nur ansatzweise erkannt hat, wie viele überzeitliche Einsichten und kluge Lebensbetrachtungen Goethe uns hinterlassen hat, wird zustimmen, dass gerade heutige Menschen mehr denn je Hilfreiches von ihm erfahren könnten. Goethe besaß nämlich die bemerkenswerte Eigenschaft und Fähigkeit, über seine Zeit hinauszudenken. Gerade weil er in einer Zeit lebte, in der anscheinend alles Bestehende sich in Auflösung befand. Nicht lange nach Goethes Tod forderte Karl Marx, „alles Stehende, alle Stände und alles Heilige muß verdampfen!“ Goethe und seine Zeit interessierten sich dagegen für den außergewöhnlichen Menschen, das auffallende Individuum.

An dieser Stelle wagt der Autor einen kühnen Ausblick auf die Problematik einer künftigen Kultur. Die Menschen seien dabei, „sich hinter gläserne Mauern in einen Palast einzuschließen. Der Glaspalast, die künstliche Welt, die man der Natur abgetrotzt, wird zum Ort der Bequemlichkeit. Aus der kraftvollen Selbstbehauptung gegen die Natur wird ein luxuriöses Erschlaffen. Es droht Dekadenz.“ Der Mensch werde „immer weicher und weicher“. Die Aufgabe der Kunst, die Natur zu überwinden, gerate mit dieser Entwicklung in Gefahr.

Ein gestaltetes, prall gefülltes Leben

Der junge Goethe erlebte noch im „Sturm und Drang“ und vor der Romantik, wie ihm nahestehende Menschen das Empfinden des Empfindens schätzten, ihre inneren Gefühle fühlten und in das Verliebtsein verliebt waren. Auch Goethe beteiligte sich mit leidenschaftlichem Eifer an diesen Emotionsausbrüchen. Vor allem mit seinen wundervollen Gedichten, dem „Götz“ und dem „Werther“. Bevor die Vernunft und der nüchterne Verstand die Bühne der Welt eroberten, scheinen die Menschen noch einmal ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und sie in vollen Zügen zu genießen. Goethe erlebt in frühen Jahren seine Rolle als Liebling der Gesellschaft und als bereits erfolgreicher Autor. Er war eine auffallende Erscheinung, groß, gutaussehend, charmant, schlagfertig, ein Frauentyp.

Im Überschwang der Gefühle entstand in dieser Zeit aber auch eine Neigung, die man mit „Lebensekel“ bezeichnete. Goethe widerstand ihm am Ende mit der nüchternen Einsicht: „… man sollte aus sich herausgehen und handeln, wie es die Weltverhältnisse erfordern. Die Pflichten des Tages erfüllen; mit übertriebenen Forderungen an sich selbst, bereitet man sich nur unaufhörliche Niederlagen und bringt sich um den Genuss des Lebens.“ Gegen den Lebensekel helfe nur „eine entschiedene Öffnung für das äußere Leben“.

Die dichterische und schriftstellerische Schaffenskraft, aus der heraus Gedichte, Dramen und Romane entstanden sind, begründete bekanntlich in erster Linie seinen Ruhm. Daneben verfolgte Goethe seine naturwissenschaftlichen Studien, vor allem die Farbenlehre, mit großem Engagement und Zeitaufwand. Und er führte einen überaus umfangreichen Schriftwechsel mit nahezu allen bedeutenden Zeitgenossen – einschließlich ihm nahestehenden Frauen. Nicht zuletzt erforderte seine bewusste Hinwendung zum tätigen Leben als Staatsminister des Herzogs und engster Vertrauter viel Energie und Einfühlungsvermögen. So war er sich nicht zu schade, sich unter anderem um die Verbesserung der Landwirtschaft, den Straßen- und Wegebau oder den Silberbergbau zu kümmern. „Nebenbei“ war er Theaterintendant, beaufsichtigte die Universität Jena, nahm aktiv am Hofleben teil, pflegte eine innige Freundschaft und einen regen Gedankenaustausch mit Schiller, war viel verreist, nicht nur in Italien, besorgte die Herausgabe seiner Werke und so weiter. Ein ungemein vielbeschäftigter und breit interessierter Mensch!

Wir Heutigen sollten aus Goethes Hinwendung zum aktiven Leben aber auch keine falschen, nämlich extremen Schlussfolgerungen ziehen. Und glauben, die völlige Zuwendung zum „äußeren Leben“ sei die einzig richtige Wahl. Denn, so Safranski: „Die Literatur muss aushelfen, wenn die innere Leere droht. Sie hilft gegen den horror vacui. Wenn die Gefahr droht, wieder zu dem stumpfen kalten Bewusstsein zurückgebracht zu werden, dann greift man am besten nach einem Buch“. Ausgewogenheit also als übergeordnete Lebensregel.

Intellektueller und künstlerischer Realo

Als Goethe 1789 die Geburt der Moderne erlebte, war er wie seine Zeitgenossen vom Beginn einer neuen Zeit überzeugt. Obwohl er genügend Einblick in den Missbrauch feudaler Herrschaftssysteme besaß und ihn auch missbilligte, vertrat er die Ansicht, mit dieser Revolution würden die Probleme nicht gelöst, sondern verschärft.

Nun mag man von der Adelsherrschaft halten, was man will. Nicht in Abrede gestellt werden können aber ihre Verdienste um Kunst und Kultur. Die an ein Wunder grenzende geistige Hochblüte Deutschlands Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit einer so großen Zahl von Genies und hochbegabten Menschen konnte nicht ohne ein entsprechend günstiges geistiges Umfeld entstehen und sich entwickeln. Goethe ist ein besonders beredtes Beispiel dafür, wie diese Atmosphäre vom Adel gefördert und nur ausnahmsweise behindert worden ist.

Im Alter wurde es einsam um Goethe. Er überlebte fast alle ihm nahestehenden Menschen. Zu den wenigen, mit denen er noch korrespondieren konnte, zählte Karl Friedrich Zelter. Ihm vertraute er seine Ahnungen über kommende Zeiten an:

„Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen, Reichtum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahn, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in Mittelmäßigkeit zu verharren. –

Wir werden mit vielleicht noch Wenigen, die Letzten sein einer Epoche die so bald nicht wiederkehrt.“

Hier und mit weiteren Briefen kurz vor seinem Tode überrascht uns Goethe noch einmal, mit welcher Klarheit er bereits die Schwerpunkte der neuen Zeit erkannt oder erahnt hatte. Er verwendet darin Begriffe wie: Maschinenzeitalter, Mobilität, Beschleunigung, Vordringen der Massen, und er spricht vom Geist der Ökonomie, der sozialen Nützlichkeit und des praktischen Realismus.

Goethe war ein intellektueller und künstlerischer Realo, um es im schlichten Jargon unserer Zeit auszudrücken. Safranski nennt Goethe einen „genialen Überflieger.“ Der aber dennoch immer wieder das Bedürfnis empfand, Bodenkontakt zu suchen. Einerseits verkörperte er heute so verpönte vormoderne Denk- und Lebensweisen, andererseits war er offen für neue, selbst revolutionierende Ideen. Er sortierte sie allerdings in souveräner Freiheit danach aus, was ihm genehm erschien und was nicht.

Ich sehe das „Kunstwerk“ Goethes darin, wie es ihm gelungen ist, die jedem Menschen aufgetragene Aufgabe praktischer Lebensgestaltung und feinsinniger Veredelung in beispielloser Weise zu meistern. Mit ständigem, redlichem Bemühen war es ihm gelungen, prosaische und poetische Lebenselemente in eine am Ende überaus glückliche Verbindung zu bringen.

Ich schließe zustimmend mit einer Bemerkung von Rüdiger Safranski: „Goethe kann lebendiger und gegenwärtiger sein, als manche Lebenden, mit denen man sonst zu tun hat.“

Und von Goethe: „Willst du dich deines Wertes freuen / So musst der Welt du Wert verleihen.“


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Werner Kunze

geb. 1927, VDSt München, Autor zahlreicher philosophischer Bücher, u. a. „Philosophie für Neugierige“ (Grabert, 2006) und „Die Moderne. Ideologie, Nihilismus, Dekadenz.“ (Bublies, 2011).



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