„Wichtig ist, was immer ist

In der nun vorgelegten „Autobiographie in Gesprächen“ beklagt der konservative Philosoph Robert Spaemann die Vulgarität der Gegenwart. Die der Vernunft zugängliche Wahrheit gründe, so Spaemann, einzig und allein in Gott.


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Ein junger Soldat stand Anfang 1944 vor der Haustür des Spaemannschen Hauses und schenkte dem sechzehnjährigen Robert, nach einer Nacht intensiver Diskussionen, zum Abschied ein unscheinbares Bändchen – Karl Jaspers „Die geistige Situation der Zeit“. Für Spaemann, der es anschließend geradezu verschlang, wurde dieses Taschenbüchlein eine Eröffnung philosophischen Denkens, das ihn bis heute umtreibt (vgl. Spaemann 2012, S. 46). Die geistige Situation der Zeit ist es schließlich auch, die ihn am Ende seiner Lebensreise durch die Philosophie bewegt. Zahllose Beiträge und Publikationen geben davon Zeugnis. Das konzentrierte Resümee indessen erschien im Frühjahr 2012, geführt und editiert durch den studierten Politikwissenschaftler und langjährigen Leiter des Kulturressorts des Magazins „Focus“, Stephan Sattler: Robert Spaemann: Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen. 

Erst einmal das Unspektakuläre: Robert Spaemanns Studienzeit trug zuweilen chaotische Züge. (Das kommt einigen von uns sicher nicht unbekannt vor.) Nicht dass es ihm an Fleiß und intellektueller Disziplin mangelte. Nein, vielmehr war es ein offenkundiger Mangel an luzidem Karrierewillen. „Meine intellektuelle Vita hatte immer etwas Traumwandlerisches. Trahit sua quemque voluptas. ‚Jeden reißt seine Leidenschaft fort.’ – Das gilt auf jeden Fall für mich. Die Entwicklung – ebenso wie mein Leben – folgte keinem Plan“ (Spaemann 2012, S. 95). So scheint auch Spaemanns Vita fast abenteuerlich: Spaemann der Pimpf – ohne Uniform, der RAD-Soldat – ohne Führereid, der Antifaschist – ohne Rachegedanken, der KPD-Delegierte – ohne Parteibuch, der „Linkskatholik“, der „Skeptizist“, der „Fundamentalist“, der „Konterrevolutionär“, der Protagonist einer Philosophie des Naturrechts und Apologet des „alten Gerüchts“ einer Vernünftigkeit (!) des Glaubens an Gott. „Ich war von Jugend auf skeptisch“, formuliert Spaemann fast beiläufig (ebd., S. 97) und zeigt damit seine Wesenshaltung, die auch heute noch im Wettlauf weltanschaulich-politischer Induziertheit sperrig ist und sperrig sein will. „Ich habe nie auf Trends gesetzt“ und „gegen das Vorurteil, bestimmte Bücher brauche man nicht mehr zu lesen oder bestimmte Dinge könne man nicht mehr sagen – habe ich mich immer gewehrt“ (ebd., S. 95). Eine solche Haltung hat Folgen. Für Spaemann selbst wurde es die philosophisch virulente wie turbulente Erkenntnisreise nach einer Wirklichkeit ohne ideologischen Schein und einer Wahrheit, die transzendental wirkenden „Dinge an sich“ (Kant) zur Sprache zu bringen, denn „(w)ichtig ist, was immer ist“ (ebd., S. 17, 32) – vernünftiger Glaube gegen abergläubige Empirie, elementares Selbst-Sein gegen virtuelle Wirklichkeits-Simulation (vgl. ebd., S. 58).

„Philosophie ist ja nur die intensivere und systematischere Fortsetzung des normalen Denkens“, formuliert Spaemann seine Herangehensweise (ebd., S. 21) und damit, so an anderer Stelle, eine „Verteidigung der intentio recta, der Unmittelbarkeit gegen ihre Aufhebung durch die Reflexion“ (ebd., S. 53). Denn jede Unmittelbarkeit geht durch eine Reflexion verloren, deren simulative Folge schon interpretiert und damit sekundären Interessenlagen aussetzt. In diesem Sinne steht für Spaemann jedes ontologisch ausgerichtete Deutungsverhältnis vor der Aufgabe, „eine Sache als sie selbst (zu) betrachten“ (S. 83). Das Selbst-Seiende indessen ist das, was uns zum Leben bringt und Leben „zwingt“. In jedem Lebewesen ist es, für Spaemann, teleologisch eingewebt durch Selbsterhalt und die „Tendenz aller endlichen Wesen, sich dem Göttlichen anzunähern“ (Aristoteles) (ebd., S. 149). Das, was wirklich ist, trägt sein Ziel schon in sich (Thomas von Aquin). Der Mensch indessen ist jenes Wesen, das vernunft- und wahrheitsfähig dies auch als Gedanken fassen kann. Spaemanns Credo gilt deshalb, an Hegel und seinen Lehrmeister Joachim Ritter anschließend, der „Vernünftigkeit des Wirklichen“ gegen die Totalitäten utopischer Ismen zum Ausdruck zu verhelfen (ebd., S. 84). Denn nicht das, was wirklich ist, ist in der Legitimationspflicht, sondern jene, die behaupten zu „wissen was gut sei“. Aber ist nicht gut, was vernünftig ist, und ist nicht die Vernunft überhaupt der Schlüssel zur Erkenntnis des Guten und Wahren (vgl. Spaemann 2009, S. 14)?

Ist die Vernunft der Schlüssel zur Erkenntnis des Guten und Wahren?

Vernunft, im unmittelbaren Vollzug von Wirklichkeit, ist für Spaemann erst einmal die Einsicht in das Notwendige des Lebens und darin zugleich normbildend und kulturschöpfend. Ihre erste Selbst-Erkenntnis bildete sich vor dem Hintergrund des Naturrechts, d. h. der Normalität und Normativität des „Natürlichen“. „Wenn ein Hase mit drei Beinen geboren wird, dann ist das für Aristoteles eine hamartia tes physeos, eine Sünde der Natur, denn eigentlich ist es die Natur des Hasen, vier Beine zu haben, weil er mit drei Beinen nicht überleben kann“ (Spaemann 2012, S. 167). Allein der moderne Naturbegriff verweigert sich diesem Verstehen und nimmt einfach das Gegebene für Natur. Dabei ist es doch gerade vernünftig, davon auszugehen, dass jedes Seiende einen Grund, ein Motiv hat und nicht, zufällig in die Welt geworfen, Sinn-losen funktionalen und mechanistischen Abläufen unterliegt.

Der Verlust dieses teleologischen Gedankens im neuzeitlichen Naturbegriff indessen und seine damit einhergehenden Implikationen einer Seins-Bestimmung des Menschen um seiner reinen Triebbefriedigung und Selbstverwirklichung willen, führten schnell zu Utopien der Selbstbefreiung des Menschen aus dieser seiner Wirklichkeit. Intellektuell wie praktisch forderte und fordert eine solche Entwicklungsdogmatik aber vom Menschen der „alten Welt“, seiner Würde zu entsagen und nur noch der Vision eines fiktional zugerichteten „neuen Menschen“ der Zukunft anzuhängen. Der Sinn menschlichen Handelns soll damit letzten Endes aus der Zukunft der Menschheit gewonnen werden – die Zukunft als „Opium des Volkes“. Diese Art der Transzendierung des Lebens in ein „besseres Morgen“ aber ist kein a priori, der einem Gedanken dient, sondern vielen Partikularinteressen – angefangen bei den Parteien der Französischen Revolution, über die ebenso hedonistisch ausgerichteten Restaurationsbewegungen bis hin zu den kommunistischen Strömungen und Umbrüchen des 20. Jahrhunderts.

„(S)elbsternannte Minderheiten, die sich zum Sachwalter des Volkes erklärten“, führen dabei das Zepter. (ebd., S. 105) Doch, so Spaemann aus eigener Erfahrung, „wenn Leute angeblich den Willen des Volkes exekutieren wollen, aber überall dort, wo sie auftreten, das Volk zum Schweigen bringen, dann kann das nicht richtig sein“ (ebd., S. 78).

Die Wahrheitsfähigkeit des Menschen auf Grund seiner Vernunft ist für Spaemann ein hohes Gut und verbindet sich damit, das Existenzielle zur Kenntnis zu nehmen, d. h. von der Normalität unserer allgemeinen Wahrnehmung des Lebens auszugehen. Diese unterliegt jedoch nicht einer menschengemachten Handlungsutopie, sondern entspricht der natürlichen Denkentwicklung eines jeden vernünftigen Menschen, also „einem allmählichen Sich-Klarwerden über etwas, das man in weniger klarer Weise schon vorher wusste“ (ebd., S. 54). Ihren Ursprung und ihr Ziel, das Vermögen, kraft dessen der Mensch seine Umwelt überschreitet und sich auf die Wirklichkeit bezieht, sieht Spaemann indessen in Gott begründet.

„Gott“ ist Spaemann nicht ein Begriff privater Glaubenshaltung, sondern Fundament menschlicher Ordnung. Es ist, aus seiner Sicht, schlechterdings nicht möglich, atheistisch-linken Utopien einer Gott-losen Selbstbefreiung des Menschen zu folgen, ohne in den Abgrund des Nihilismus zu fallen. Der „Gottesbeweis“ steht für Spaemann deshalb nicht nur als eine rein naturphilosophische Frage, sondern als Grund einer fundamentalen Entscheidung, die Menschen zu treffen haben, denn wer einer geradezu anarchistisch anmutenden Hypothrophie des Lebens zu frönen vermag, wer der ehernen Erinnerung an das „ewige Gerücht“ sein Ohr verweigert, muss, mit Nietzsche, konsequenterweise zum „Wolf“ des Mitmenschen werden (wollen). Kein Gut, kein Böse, keine Wahrheit, sondern allein die Frage, mit welcher Lüge wir am ehesten zu leben vermögen, gründet dann die letzte Epoche der menschlichen Zivilisation.

Was aber ist Wahrheit? Diese Frage stellt sich Pilatus im Angesicht Jesu (vgl. Spaemann 2007, S. 30) und kommt zu dem Schluss, dass selbst seine Macht gegenüber den Gegebenheiten eines rasenden jüdischen Mobs nicht fähig ist, sie durchzusetzen, denn sie findet sich nicht im religiösen oder politischen Eifer, sondern in der Vernunft des Erkennens von Zusammenhängen. Und der ihm diese Wahrheit offenbart, ist Jesus selbst: Du sagst es, spricht er zu Pilatus. Wahrheit führt zur Selbst-Erkenntnis. Wahrheit aber braucht einen Referenzboden. Wahrheit ist, wenn sie denn wahr ist, eine Kategorie des Ewigen und somit des Über-Zeitlichen. Aber als Referenz des Nicht-Zeit-Gebundenen bleibt uns allein, was wir „Gott“ heißen, denn wenn es eine Wirklichkeit und Wahrheit außer unserer sinnlich subjektiven und vergänglichen Wahrnehmung der Dinge gibt, wenn das „Ding an sich“ im kantischen Sinne existiert, dann ist Gott sein Ursprung. „Wenn wir Gott wegnehmen, wenn wir also so tun, etis deus non daretur, als ob es Gott nicht gäbe – dann bricht das Denken zusammen“ (Spaemann 2012, S. 62). Das Resultat wäre, mit Nietzsche, die Verzweiflung der Vernunft an sich selbst, die Auflösung jeder Wahrhaftigkeit und ein Szientismus, der mit Lenin behauptet, „uns ist alles erlaubt“ (Spaemann 2009, S. 18). Ihre Folgen: Tyrannei und Terror unter den selbst postulierten Emanzipationswerten einer subjektiven Freiheitsidee, ohne auf die normativ gegebenen Erhaltungsbedingungen menschlicher Gemeinschaft Rücksicht zu nehmen (vgl. Spaemann 2012, S. 112). Statt Schutz – Willkür, statt Individualität – Totalität, statt Rechtssicherheit – Rechtsbeugung.

Tyrannei der  politischen Korrektheit

Spaemann weiß, wovon er spricht, denn seine Erkenntnisprozesse sind grundsätzlicher Natur und autobiographisch unterlegt: „So etwas wie Rechtssicherheit hatte im Dritten Reich nicht existiert. (…) Die wiedergewonnene Freiheit hatte (deshalb) zunächst ein einfaches Gesicht, nämlich das der Rechtssicherheit und der Geltung von inhaltlich nachvollziehbaren Paragraphen“ (ebd., S. 51). Dass dieses hohe Rechtsgut, wie auch der freie, vernünftige (!) Gedankenaustausch in unserer Gegenwart immer wieder neu verteidigt werden muss und keineswegs (mehr) selbstverständlich ist, macht er an einigen Stellen des Buches sichtbar. Denn bedrohlich wird es dort, wo von den Modetönen einer Epoche (Kant) durchdrungene, dogmatisch proklamierte Diskursformen und Wertehaltungen für unicus sanctus erklärt werden. „Heute (etwa) ist es bedroht von den sogenannten ‚Werten’, durch die so etwas wie politische Korrektheit definiert wird. Jeder falsche Zungenschlag kann heute kriminalisiert werden“, so Spaemanns kritische Spiegelung. Und er fährt fort: „Wenn nun oft von Europa als einer ‚Wertegemeinschaft’ die Rede ist, dann erinnert mich das an die Wertegemeinschaft, die wir zwölf Jahre hatten und die an die Stelle einer Rechtsordnung getreten war. Alle Totalitarismen des 20. Jahrhunderts proklamierten die Überordnung der Wertegemeinschaft gegenüber dem Staat, der auf diese Weise natürlich aufhörte, eine Rechtsordnung zu sein. Aber auch Demokratien sind nicht gefeit gegen die Tyrannei der politischen Korrektheit, eine Tyrannei der Werte. (Denn) (d)ie Tugend der Liberalität kann auch durch eine obligatorische ‚liberale’ Weltanschauung bedroht werden“, die nicht mehr nur die Einhaltung von Rahmenbedingungen fordert, sondern schon straft, wo „Ketzertum“ des Geistes ruchbar wird und abweichende Gedanken präventiv zu unterbinden sucht (ebd., S. 51 f.).

Die Konsequenz der Philosophie Spaemanns wird also auch zur Konsequenz seiner gesellschaftspolitischen Haltung. Wer der „Vernunft des Wirklichen“ auf die Spur kommen will, muss auch selbst in der Wirklichkeit des Lebens bleiben. In dieser Hinsicht sind die prägenden Spuren seines Elternhauses und sein darin gewachsener konservativ-katholischer Glaube sichtbar, denn „(w)enn man tief überzeugt ist, dass das ewige Leben, dass die Gottesbeziehung das Wichtigste im Leben ist, dann erzeugt das eine gewisse Standfestigkeit, eine Haltung“ (ebd., S. 34). Haltung beweist Spaemann, der ja selbst als „linkskatholischer“ Student seine akademische Laufbahn begann, in den unruhigen 68er Jahren, als es „den ‚Linken’ (gelang), eine allgemeine Bedrohung der Bürgerfreiheit und die Gefahr des Faschismus an die Wand zu malen“ (ebd., S. 187) und links-marxistische Studentengruppen im AStA-Verbund Lehrveranstaltungen zu stören beginnen. „Ihre Verachtung der rechtsstaatlichen Institutionen beruhte letzten Endes auf ihrer Emanzipations-ideologie“, so Spaemann. „Der ‚Mensch wie er geht und steht’ (Karl Marx), galt ihnen als unmündig und erst zu emanzipieren. Als Unmündiger kann er (nämlich) noch keinen Anspruch darauf erheben, als vollgültiges Mitglied der Rechtsgemeinschaft anerkannt zu werden. Wer aber als mündig zu gelten hat, das bestimmt derjenige Teil der Gesellschaft, der sich für emanzipiert hält“ (ebd., S. 193). Deutlich werden in dieser Anschauung die totalitären Muster einer vom „Telos des Ewigen“ befreiten und dem Wind der Zeitströmungen ausgesetzten zweckrationalen Utopie sichtbar. Das gegenwärtige Leben hat hier keinen Ewigkeitssinn in sich, sondern nur als Ergebnis einer Zurichtung auf die Utopie selbst. Spaemann verneint diese Position energisch und radikal (vgl. ebd., S. 192 f.), bleibt aber mit den Anführern der Unruhen im Gespräch und „wird von ihnen wegen seiner klaren, für jeden nachvollziehbaren Diktion geachtet“ (Sattler 2012, S. 9). Diese Achtung indessen erhielten andere Kollegen nur, wenn sie sich einem „herrschaftsfreien“ Emanzipationsdiskurs unter brachialmarxistischem Duktus unterwarfen – und sie taten es mehrheitlich; ein Zustand, der Spaemann (vielleicht auch in Bezug auf die Berufsbiographie seines Lehrmeisters Joachim Ritter) an die Zeit von 1933 erinnert und ihn, nach dem verzweifelten Selbstmord eines Kollegen ob solcher Lehrbedingungen, veranlasst, seinen Lehrstuhl in Heidelberg aufzukündigen (vgl. ebd., S. 195 ff.). In Retrospektive auf diese Zeit formuliert Spaemann: „Sie haben eine Ideologie freigesetzt, die noch heute nachwirkt. Deren Kern ist (wie schon erwähnt) ein bestimmter Begriff von Emanzipation. Dabei wird eine Vorstellung von Freiheit propagiert, nach der sich Menschen von Gegebenheiten emanzipieren müssen, die sie nicht selbst eingerichtet haben. Alles, was zu den Traditionsbeständen gehört, was man Sitten nennt, muss verabschiedet und alle Selbstverständlichkeiten müssen aufgelöst werden. (…) Spätfolgen dieser Emanzipationsidee erkennt man daran, dass heute von vielen die Geschlechtszugehörigkeit als Naturgegebenheit abgelehnt wird. Die Gesellschaft habe dafür zu sorgen, dass die Frage seines Geschlechts von jedem Menschen frei entschieden werden kann“ (ebd., S. 199 f.). Jede andere Position gilt nun als „reaktionäres Vorurteil“, die Natürlichkeit heterosexueller Orientierung eingeschlossen.

Eine Entzweiung des Menschen zwischen Tradition und Moderne (wechselweise auch Post-Moderne genannt) macht sich breit, die Spaemanns Lehrer, Joachim Ritter, noch als überbrückbar verstand, denn der „Gedanke der Freiheit, der Emanzipation des Subjekts (sei) im europäischen Denken von Anfang an angelegt (…) und nicht als neuzeitliche Entgegensetzung zur Tradition aufzufassen“ (ebd., S. 89). Damit unterscheide sich die europäische Tradition geradezu von anderen Kulturen, denn zu ihrer fundamentalen Vision gehöre die Befreiung des Menschen. Indessen konnte der klassische Begriff von Emanzipation noch genau benennen, „von welchem Zwang man sich befreien will und wann die Befreiung stattgefunden hat“ (ebd., S. 200). Der moderne Emanzipationsbegriff hingegen ist aggressiv und unerbittlich gegen jedes Gegebene. Nicht die Frage nach der Bedeutung von Überkommenem, von Tradition, Wertehaltung, Norm und Gesittung ist Gegenstand der Auseinandersetzung, sondern allein ihre möglichst radikale Negierung. Emanzipation bedeutet nun nur noch möglichst uneingeschränkte subjektive Freiheit, Veränderung wird telosfreier Selbstzweck anarchistisch anmutender Wertecollagen. Resultat dieses „Fortschritts“ ist Nihilismus, denn er verkennt, dass Fortschritt immer auch ein Zurückkommen auf Früheres ist und damit die vorherigen Schritte in sich tragen und zur Geltung kommen lassen muss (vgl. ebd., S. 134 ff.).

Spaemann hat den Gedanken teleologischer Einsicht (dem „Erfassen des Gewordensein(s)“; ebd., S. 164) und den Gedanken einer telosfreien, an den Zwecken des Menschen orientierten konsequenzialistischen Weltauffassung als bipolare, geradezu antagonistische Interessenlagen des Menschen formuliert. Beides, so sagt er, sind legitime Interessen. Der Mensch kann nicht überleben ohne ein gewisses Maß der Naturbeherrschung. Aber wenn er die ganze Welt entteleologisiert, dann bleibt nichts als das Schweigen unendlicher Räume eines sinnlos wirkenden Universums (vgl. ebd., S. 217 f.).

Das Wunschbild einer liberalen Gesellschaft, in der alle Gewissheiten diskreditiert und alle normativ tradierten Ansprüche verschwunden sind, ist zivilisatorisch ein Desaster, denn es entkleidet sich seines immanenten Erhaltungsrahmens und hinterlässt den Nachgeborenen eine normative Wüstenlandschaft. Doch die natürliche Vernunft des Menschen widerspricht einer Fahrt auf dieser hedonistischen Achterbahn, davon ist Spaemann mit Blick auf das Verhalten, „was die Menschen billigen“, überzeugt (ebd., S. 238). Im Anschluss an Nietzsche macht er dies u. a. in den Anthropomorphismen des Alltagsverstehens fest, denn die „anthropomorphe Sicht entspricht dem Interesse des Menschen an Beheimatung in der Natur“ (ebd., S. 221). Die Bedingungen der Erhaltung des Daseins sind für den Menschen konstitutiv, um „fortschreiten“ zu können. Das Wissen darum ist für Spaemann schon im Verhalten von Kleinkindern sichtbar (vgl. S. 239). Es ist geradezu natürlich, denn der Selbsterhalt ist das indikative Ziel jeder Lebensform. Darüber hinaus jedoch ist der Mensch als wahrheitsfähiges Wesen zur Erkenntnis seines Geschöpfseins fähig und damit durch die Gewissheit einer Observanz Gottes geschützt. Wichtig ist, was immer ist!

Ich habe mit wachsender Sympathie versucht, eine kritische Essenz des Spaemannschen Denkens zu formulieren, dessen hermeneutischer Charakter sich vor allem mit seinen Aussagen zu aktuellen Bezügen verbindet. Unerwähnt blieben die Gabelungen und Wegkreuzungen Spaemanns. Auch hier ist er in einer sublimativen Weise Grenzgänger; liest Ernst Jünger, dessen Schriftgut er in NS-Zeiten verachtete, nähert sich Carl Schmitt, der ihm zuvor als Nuntius der Nationalsozialisten galt, taucht in die marxistische Gedankenwelt ein und klüger wieder auf, lernt philosophische, literarische und politische Größen der Nachkriegszeit und frühen Bundesrepublik hautnah kennen und manchmal auch schätzen, um letztendlich selbst zu einer, auch von seinen Gegnern anerkannten, philosophischen „Eminenz“ unserer Zeit zu werden.

 „Ich habe mir nie überlegt, was für ein ‚Jemand’ ich sein will”

Unerwähnt bleiben auch die kurzen Texte und Anekdoten, die Spaemanns autobiographischer Essenz ein Mehr an Würze und entspannender Selbstironie verleihen. Etwa: „Meine Abneigung gegen Reflexionen über meine Person erstreckt sich auch darauf, dass ich mir eigentlich nie überlegt habe, was für ein ‚Jemand’ ich sein will. Ich liebe das Wort von Karl Kraus: ‚Ich interessiere mich nicht für meine Privatangelegenheiten’“ (ebd., S. 117). Oder jener Dissens zwischen Carl Friedrich von Weizsäcker und Spaemann in Bezug auf die Beteiligung der katholischen Kirche an einem ökumenischen Weltkonzil in der heißen Phase der Friedensbewegung. Hierzu vom damaligen Bundespräsidenten und Bruder des Kontrahenten, Richard von Weizsäcker, angesprochen, formuliert Spaemann: „Ich sagte ihm, ich hätte seinen Bruder unlängst gesehen, sei aber nach wie vor der Meinung, dass bei einem solchen sogenannten Konzil eigentlich nichts herauskommen könnte. Der Bundespräsident gab daraufhin die lakonische und machiavellistische Antwort: ‚Herr Spaemann, dass nichts dabei herauskommt, ist die Bedingung dafür, dass es stattfindet.’“ (ebd., S. 266). Honi soit qui mal y pense – ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

 

Zum Weiterlesen

Jaspers, Karl (1932):

Die geistige Situation der Zeit.
G. J. Göschen’sche Verlagshandlung.

Spaemann, Robert (2012): Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen. Klett-Cotta Verlag

Spaemann, Robert (2009):
Moralische Grundbegriffe. C. H. Beck Verlag

Spaemann, Robert (2007):
Der letzte Gottesbeweis. Pattloch Verlag.


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André Richter

geb. 1965, Dr. phil., Pädagoge, VDSt Greifswald.

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