Wieder Schule der Nation?

Über die Bildungsangebote der Bundeswehr referierte der Präsident der Helmut-Schmidt-Universität zu Hamburg im Wintersemester beim örtlichen VDSt. Über den Vortrag berichtet Arne Jacobsen.


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Auf der letztjährigen Verbandstagung in Hamburg wurde im Verband die Entscheidung zu einem Profilthema angeregt, für das der Titel „Bildungsstandort Deutschland“ gewählt wurde. Der Senior des Wintersemesters Arvid Hilscher hat sich bemüht, dieses umzusetzen, und so fand sich Herr Prof. Dr. Seidel, Präsident der  Universität der Bundeswehr in Hamburg, der nach ihrem Initiator benannten Helmut-Schmidt-Universität, Mitte Januar auf dem Haus des VDSt Straßburg-Hamburg-Rostock ein, um seine Sicht auf die Zukunft der Bildung, insbesondere die Rolle der Bundeswehr in ebendieser, darzulegen.

Wie man am Zungenschlag sofort erahnen konnte, ist der Referent geborener Münchner, wo er auch die anspruchsvolle Wissenschaft der Mathematik studiert hat.

Bildung in der Bundeswehr

Idealerweise ist Wissenschaft als Selbstzweck zu sehen, jedoch wird in der heutigen Gesellschaft spezieller Nutzen gefordert. Eine Abwägung an allen Universitäten ist also unumgänglich. Bei der Bundeswehr sieht diese wie folgt aus: Es studieren Offiziere, die sich zum großen Teil für 13 Jahre verpflichtet haben. Das Studium dauert vier Jahre. Ergo bleiben der Bundeswehr zur militärischen Verwendung ihres Führungspersonals nur circa zwei Drittel der (durchgehend besoldeten) Dienstzeit, wobei die militärische (also eigentlich die für den Offiziersberuf wichtigere Ausbildung) ebenfalls in dieser erfolgen muss. Um aufzuzeigen, warum es trotzdem das Studium bei der Bundeswehr gibt, holte Prof. Seidel aus.

Während der Wiederbewaffnung der BRD in den 50ern herrschte große Skepsis in der Bevölkerung, daher wurde die Armee nicht nur der strikten parlamentarischen Kontrolle unterworfen, sondern auch das Konzept „Staatsbürger in Uniform“ eingeführt. Dies erforderte entsprechende Bildung. In den auf die späten 60er folgenden Jahren hatte die Bundeswehr neben massiven Personalproblemen mit viel Kritik aus den eigenen Reihen, insbesondere die innere Führung betreffend, zu kämpfen. Infolgedessen setzte der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt eine Kommission zu Neustrukturierung des Bildungswesens der Bundeswehr ein. Ergebnis war u. a. die Errichtung der beiden Universitäten in Hamburg und in München. Die Anforderung an das Studium dort war eine deutliche zivile Nutzbarkeit der vermittelten Kenntnisse und die Gleichwertigkeit zu einem herkömmlichen Hochschulstudium. Die Studienzeit muss allerdings verständlicherweise möglichst kurz gehalten werden. Folglich studieren Offiziere bzw. Anwärter in Trimestern und haben somit mit einer deutlich höheren Belastung zu kämpfen. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht ergeben sich heute erneut schleichend Personalprobleme, auch durch den demographischen Wandel bedingt. Die Bundeswehr muss sich folglich im Konkurrenzkampf mit Industrie und Wirtschaft behaupten.

Zivile Anschlussverwendung

Das Hauptziel der Bildung in Armeen ist deshalb die zivile Anschlussqualifikation. Aus militärischer Sicht wird laut Redner durchaus die Frage gestellt, ob ebendiese nicht zu stark betont wird; und ob das Studium nicht besser als Qualifikation für den Offizier im Einsatz dienen sollte. Diese umstrittene Kompetenzorientierung könnte allerdings zum Qualitätsverlust der akademischen Ausbildung führen. Die Bundeswehrsoldaten genießen jedenfalls bereits jetzt international ein hohes Ansehen wegen ihrer guten Bildung, insbesondere auch bei Auslandseinsätzen, versicherte Prof. Seidel.

Ein spezielles Problem der Bundeswehruniversitäten ist, dass die Forschung für das Hauptziel der Personalgewinnung in den Hintergrund rückt. Und dabei wird auch an diesen Universitäten der klagende Ruf der Lehrenden laut, die Studienanfänger seien häufig für das Hochschulstudium (noch) nicht geeignet.

Letzteres erfordert zusätzliche Bildungsangebote, die aber besonders mangels Zeit schwierig in das derzeitige System zu integrieren sind. Als Lösungsansatz für die finanziellen Aspekte würde sich der Präsident wünschen, dass die Bundeswehr Aufträge nicht mehr teuer in die zivile Wirtschaft auslagert, sondern an die eigenen Universitäten vergibt. Eine andere Möglichkeit sei auch der Ausbau der Universität zur NATO-Uni, was allerdings durch englischsprachigen Unterricht ebenfalls großen Aufwand erfordern würde.

Bevor er sich zur Diskussion bei einem kühlen Weißbier an den Tresen begab, schloss Herr Prof. Seidel seinen sprungreichen Vortrag mit dem Zitat von Herbert Achternbusch: „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“


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Arne Jacobsen

geb. 1990, VDSt Straßburg-Hamburg-Rostock.

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