Wilhelm von Humboldts Idee der Universität

Deutschland vergisst seine große Tradition -
Am Anfang war das Wort: Bildung durch Wissenschaft / Einheit von Forschung und Lehre. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat Wilhelm von Humboldt die Idee der deutschen Universität (und des deutschen Gymnasiums) formuliert.


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Die Kraft dieser Idee war so gewaltig, dass bis in die Zeit der Weltkriege hinein die deutsche Universität, die deutsche Ausprägung von Wissenschaft und die deutsche Wissenschaftssprache als Modell genommen worden sind für das Verständnis von Wissenschaft in der Welt schlechthin, nicht zuletzt (in nationalspezifischer Anverwandlung) durch die englischen Universitäten Oxford und Cambridge oder die bekanntesten Privatuniversitäten in den Vereinigten Staaten von Amerika: Harvard, Princeton, Yale.

Die Deutschen von heute, nicht zuletzt die Bildungspolitiker, scheinen diese Geschichte einer immensen und bis heute andauernden Wirkung nicht zu kennen.

Die Gesellschaft verlangt immer auch Ausbildung, zurecht, doch zunehmend verschwand und verschwindet hinter dieser Notwendigkeit die Idee der Bildung, d.h. die Voraussetzung für das freie, von Nützlichkeits- wie politischen Erwägungen freie Denken, das jeder Anwendung vorausgehen muss, um reflektierte Innovation erst möglich zu machen. Damit ist das Dilemma der heutigen Universität (im Zeitalter der Globalität) benannt.

„Globalität bringt uns mit immer mehr Wirklichkeit in Berührung, und es ist schwer, hier die Souveränität zu bewahren. Souverän wäre, wer selber darüber entscheidet, worin er sich verwickeln und was er auf sich beruhen lässt. Diese Souveränität setzt existentielle Urteilskraft voraus. Man muss nämlich ein Gespür haben für das, was einen wirklich angeht; muss Abstufungen der Dringlichkeit unterscheiden und Reichweite des eigenen Handelns erkennen können.“ (Safranski)

Dieses Unterscheidungsvermögen aufzubauen, hat der deutsche Idealismus der Bildung zugetraut. Sie ist nicht zweckhaft und dienstbar auf etwas anderes bezogen, sondern besitzt selbst souveräne Würde. Nicht unberührt von der Welt im Himmel der Ideale; Bildung setzt in der Auseinandersetzung mit der Welt das Maß. Das ist nicht leicht in der Welt, die heute vom Individuum unablässig Innovationsbereitschaft, Flexibilität, Effizienz, allseitige Öffnung, Ungebundenheit und pausenlose Kommunikationsbereitschaft (alles Leerformeln) fordert.

Ausbildung ist dem Wortsinn nach zweckhaft und dienstbar auf etwas bezogen, was in vielen Bereichen des Lebens seinen Sinn macht, beruht auf dem Prinzip der (arbeitsteiligen) Funktionalität. In den heutigen westlichen Gesellschaften wird die Universität vor allem nach dieser Funktionalität beurteilt. Gleichzeitig hat sich in den letzten 50 Jahren unter der Parole des „Bürgerrechts auf Bildung“ der Zugang zu den weiterführenden Schulen wie den Universitäten stark erweitert; sichtbarer Ausdruck dieses Prozesses sind zahlreiche Neugründungen von Universitäten. Die politische Forderung besteht (z.B. innerhalb der Europäischen Union), diesen Zugang noch weiter auszubauen. Es ist davon die Rede, dass von einem Jahrgang die Hälfte seiner Angehörigen in Zukunft eine Hochschulausbildung [sic!] durchlaufen solle. Das hat in der gesellschaftlichen Bildungsdiskussion das Selbstverständnis dieser Institutionen wie die Erwartungshaltung ihnen gegenüber nicht unberührt gelassen.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen, des Drucks der Globalisierung und der historisch ausgeprägten unterschiedlichsten Bildungsinstitutionen ist es nicht erstaunlich, dass europäische Wissenschaftspolitiker seit Jahren das Ziel verfolgen, in der Europäischen Union eine eigene differenzierte Hochschullandschaft zu etablieren, mit unterschiedlichen Schwerpunkten an unterschiedlichen Orten und doch einheitlichen und vergleichbaren Studienabschlüssen (Konferenz von Bologna, 1999). So würde es am Ende des Prozesses ein „neutrales europaweites Norm-Angebot“ geben (modularisiertes, leicht abprüfbares Wissen mit credit points) und auf der anderen Seite den Benutzer, der den Warenkorb nach Marktlage füllt. Nach dem Vorbild muss man nicht lange suchen.

“For the United States the problem has always been one of too much diversity at university, rather than too little. […] American colleges and universities […] becoming academic superstores and the higher education system as a job readiness program, where students try to pick up something useful as they search for the exit.” (Nancy Kenny)

Angesichts der Tatsache, dass die europäischen Universitäten fast ausnahmslos in einer desolaten Verfassung sind (hohe Studienabbrecherquoten, chronische Unterfinanzierung, grotesk auseinanderlaufendes Verhältnis von Lehrenden zu Lernenden, wobei in Deutschland eine lähmende bürokratische Überregulierung dazukommt), erscheinen die Absichtserklärungen der europäischen Wissenschaftspolitiker sinnvoll, es sollte aber nicht übersehen werden, dass es in der Regel dieselben Politiker sind, die den desolaten Zustand der heutigen Universität zu verantworten haben. Traditionelle nationale Strukturen und unterschiedliche politische Abhängigkeiten sind nicht so ohne weiteres mit der Reform zu vereinbaren. Die Beschäftigung mit strukturellen Fragen verdeckt, dass dem Bologna-Prozess keine Idee der Universität, also eine philosophische Bestimmung ihrer Aufgabe jenseits des engen Nützlichkeitsdenkens, zugrunde liegt. Politiker erwarten das Heil von strukturellen Änderungen, wollen nach wie vor gegen jede Vernunft, denn die Bildungs- und Wissenschaftspolitik seit den siebziger Jahren ist letzten Endes gescheitert, inhaltliche Fragen über Strukturreformen lösen. Weiter zu denken sind Politiker nicht gewohnt. Es ist gerade von Deutschland aus zu fragen:

„Bleibt sie [die Reform] der humanistischen Substanz der europäischen Universitätsidee treu (Humboldt) oder gerät sie in den Sog einer umfassenden Ökonomisierung (McKinsey), an deren Ende nur ein zerklüftetes Trümmerfeld stehen könnte mit einzelnen von der Industrie abhängigen, hochdotierten und anwendungsorientierten Forschungszentren, einigen elitären ‚hohen Schulen’ und dem großen Rest provinzieller Colleges, deren Absolventen zwar einen ‚berufsbefähigenden’ Bachelor-Abschluss vorweisen können, aber mit dem wissenschaftlichen Studium nicht in Berührung gekommen sind?“ (Nida-Rümelin)

Dieses Defizit der nationalen wie europäischen Wissenschaftspolitik hat zu der unreflektierten Maxime geführt, möglichst viel von US-amerikanischen Universitäten zu kopieren. In Deutschland wird gerne von dem Modell ‚Harvard’ geredet, ohne im mindesten daran zu denken, dass die deutsche Wissenschaftspolitik weder willens noch in der Lage ist, die Voraussetzungen zu schaffen, die ein ‚Harvard’ erst ermöglichen. Es läge näher, sich die beiden englischen Universitäten Oxford und Cambridge zu besehen, wenn schon von Elite-Universitäten die Rede sein soll, die von der Ausstattung her mit einer deutschen Universität eher vergleichbar sind, sich aber als Gelehrtenrepublik ohne Einmischung der Politik selbst organisieren können. Sowohl mit dieser Struktur wie mit dem Ernstnehmen der Lehre – in den wöchentlichen tutorials sitzen sich Professor und Student 1:1 gegenüber – orientieren sich beide an den Idealen Humboldts, denen sie sich, angesichts der Dominanz der deutschen Universität, vor Beginn des Ersten Weltkriegs zunehmend geöffnet hatten. Es ist hinzuzufügen, dass auch die amerikanischen (Privat-) Universitäten der Ivy-League – Harvard, Princeton, Yale usw. – die deutsche Universitätsidee, die mit dem Namen Humboldt verbunden ist, in nationalspezifischer Anverwandlung übernommen haben und auch heute nicht daran denken, sie aufzugeben.

Zum Weiterlesen

Kenny, Nancy: What is education for? – In: Vorbilder. Sein und/oder Design?, hrsg. von Dieter Jakob, Iudicium Verlag: München 2006.

Nida-Rümelin, Julian: „Die Universität zwischen Humboldt und McKinsey. Perspektiven wissenschaftlicher Bildung.“ In: ders.: Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel. München 2006, S. 67-81.

Safranski, Rüdiger: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? München 2003.

Kenny, Nancy: What is education for? – In: Vorbilder. Sein und/oder Design?, hrsg. von Dieter Jakob, Iudicium Verlag: München 2006.

Nida-Rümelin, Julian: „Die Universität zwischen Humboldt und McKinsey. Perspektiven wissenschaftlicher Bildung.“ In: ders.: Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel. München 2006, S. 67-81.

Safranski, Rüdiger: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? München 2003.


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Dieter Jakob

geb. 1941, Anglist und Germanist, VDSt Erlangen.

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