Wir kriegen euch

… oder drei Tage im Schatten des Führers

Was man alles erleben kann auf der Fahrt vom Inn an die Elbe. Eindrücke von André Richter über Spaziergänger und den großen Wiedergänger – oft man ihn findet anderswo, als man erwartet.


ALLE Artikel im Netz auf aka-bklaetter.de lesen und auch das Archiv?

Jetzt kostenlos

Anmelden


 

Als ich Salzburg verließ, lachte die Sonne. Das Herz noch weit vor der Schönheit wehender „Bindenschilder“ und stehender Berge, der Magen gefüllt mit Apfelstrudl und Haferl, die Tasche aufmunitioniert mit Mozartkugeln, wendete ich mich über die Staatsbrücke hin zur vignettierten Hauptverkehrsader, doch ach … nach ein paar Kilometern war Schluss mit lustiger sonniger Fahrt und die Wagenkolonnen formierten sich zu einer Wartegemeinschaft, der ich nur durch Abdriften Richtung Wien entkommen konnte. War das nicht auch die Strecke, die „ER“ nutzte, als er in die alte Kaiserstadt vordringen wollte, fuhr es mir durch den Kopf, aber, noch nicht ahnend, dass „Er“ mir kaum mehr von der Seite weichen sollte, nahm ich die Abfahrt Süd, um etwas weiter über die Landstraßen meinem Ziele entgegenzusteuern. Da ereilte mich die Nachricht, dass die bisher doch so unbegrenzt grenzenlosen Grenzen durch Grenzer begrenzt wurden. Das Alpenland sei dicht in Richtung Heimatland, damit die Heerscharen hehrer herrenloser Bedrängter, die das gelobte Land erreichen müssen, um menschenwürdig Mensch zu sein, gezählt würden, wie weiland auch Joseph und Maria zur Weihnachtszeit.

Geführt nach Braunau

„Chto delaet?“, fragte der Lenin in mir, und mein Navi zeigte den Ausweg weit, weit im Norden. So fuhr ich denn, dem himmlischen Satelliten vertrauend, die Landstraßen entlang, als ein drohendes Gewitter mit Donner, Blitz und Regen zur Umkehr mahnen wollte, aber zum „abpaschen“ war es zu spät. Tiefer und tiefer ging es durchs Land, die Bäume wurden zahlreicher und der Himmel öffnete doppelte Schleusen, als plötzlich im zuckenden Licht des Blitzes ein Schild auftauchte: „Braunau a. I. – 4 km“. So nahe der Geburtsstadt von „Ihm“? Vor Schreck wollte ich das Lenkrad schon lenken, als mein Blick auf das Navi zur Beruhigung beitrug – es war der rechte Weg … in die Heimat.

Braunau empfing mich im Nieselregen mit dem Hinweis, dass am 17. Oktober „Ü 30 LokParty“ im Lokschuppen ist. Schade, dachte ich, das war gestern, oder handelte es sich vielleicht doch um eine neue Wunderwaffe? „V-Eins“, „V-Zwei“, Ü-Drei-ssig“? Ich brauchte dringend eine Pause, um die Blasen in meinem Kopf in etwas geordnetere Bahnen zu lenken. Am Rathaus, Stadtplatz 28, fand sich die nötige Parklücke. Ein kleiner Spaziergang sollte mir ein letztes Lüftchen aus Österreich schenken und die gedärmten Winde nach außen locken. Neugierig auf Neues in der Stadt wandte ich mich den Aushängen zu, und sah … nichts. Tiefe Leere auf weißem Hintergrund, lies mich zweifeln, ob hier überhaupt noch Menschen wohnen. Doch schon ein nächstes Hinweisschild stimmte mich fröhlicher: „Die Grünen im Braunauer Gemeinderat“ verkündeten ein buntes Programm auf blauem Grund (Hatte „Er“ nicht auch blaue Augen?). Nicht weit davon warb der „OG Braunau“ für eine „Obst und Gemüse-Ausstellung“ (War „Er“ nicht Vegetarier?), die „Braunauer Warte“ für Anzeigendienste (Jaaa … anzeigen sollte man so was!), die „Braunauer Trachtenalm“ für „Braunauer Trachten“ (Trug „Er“ nicht auch so was Braunes?), das Braunauer Hotel am Platz für Gästezimmer „zur sicheren Verwahrung“ (Ohhh jeee…nix wie weg!) und der „Braunauer Bürgerservice“ für den… Führer…Schein. Als dann noch die „Österreichische Volkspartei Braunau“ in die ehemalige Braunauer „Volksbibliothek“ einlud, kurz auch das „Hitler-Haus“ genannt, schaute ich mich vorsichtig um und trat den Rückzug an.

Heil in meinem Volkswagen angekommen, querte ich den Inn über die Grenze und sah am Wegesrand braungestaltige erschöpfte Geschöpfe, die Braunau hinter sich lassend, der “Hauptstadt der Bewegung” entgegenströmten. „Warum gerade München?“ ging es mir durch den Kopf … .

Stadt der Bewegungen

Bewegung fand ich am kommenden Tag in meiner eigenen Stadt. Schon tags zuvor warnten einige davor. „Die Bewegung sei schädlich“, meinten sie, und andere wollten uns davor bewahren „hinterherzulaufen“. Man solle doch lieber „wegbleiben“ und sich nicht „einspannen“ lassen von „Rattenfängern“. Mmmmh, dachte ich mir, meinten sie damit jene bewegten Massen, die an den Stränden der Ägäis landend, sich durch halb Europa bewegen und ungewöhnliche Essgewohnheiten haben könnten? Aber warum dann einspannen? Könnte es sich also darum handeln, dass uns Schlepperbanden die sich Schleppenden unterjubeln wollen und damit vor ihren Karren stellen? Mitnichten, wie ich bald erfuhr, denn als ich mich am Spätnachmittag, neugierig geworden und mutig zivilcouragiert der „Gefahr für unserer Demokratie“ stellen wollte und in Richtung Theaterplatz lief, jubelten von der anderen Seite des Flusses schon fröhlich winkende Menschen mit Musik- und Sprechchöre dem Veranstaltungsort zu. Nur die anwesenden blauweißen Fahrzeuge und dick gepolsterten Männer mit Motorradhelmen irritierten ein wenig am Wegesrand. Sollte zur gleichen Zeit auch ein Bikertreffen anberaumt sein?

Eine kleine Schleuse schleuste mich und andere zum Versammlungsort auf dem schönen Platz vor jenem Haus, in dem, will man der öffentlichen Werbung glauben, schon immer nach Dresdner Art Bier gebraut wurde. Bier und andere alkoholische Getränke, so rief der Veranstalter zu Beginn in die Menge, seien aber nicht erlaubt. Schade, dachte ich mir, aber nüchtern betrachtet doch eine sinnvolle Sache bei so vielen Menschen. Auch der fröhlich winkende und rufende Menschenzug vom anderen Flussufer war inzwischen über die Brücke in die Nähe des Platzes gezogen. Allerdings stoppten Menschen in blauweißer Tracht und manche auch in dicken Polstern und Helmen den lebenslustigen Zug. Wieder schade, dachte ich mir, denn Platz war ja noch auf dem Platz. Doch plötzlich krachte es neben mir, und ein schwefliger Geruch machte sich breit. Dann gleich noch einmal an anderer Stelle. Nach einigen Schrecksekunden entdeckte ich zur Erleichterung, dass die freundlichen, überwiegend jungen Leute auf der anderen Seite ein paar nette Überraschungen vorbereitet hatten und diese nun überschwänglich an unsere Seite abgeben wollten. Dazu rief ein vielstimmiger Chor lautstark nach „Nazischweinen“. Ob die schmecken? Ich esse ja doch lieber Beef oder Hähnchenschnitzel. Die Bühne füllte sich, Grußworte wurden gesprochen, auf einen Jahrestag verwiesen und immer neue Sprecher begrüßt, ob aus Tschechien oder England, ob türkisch- oder ungarischstämmig, mit oder ohne Übersetzer; alle hatten etwas zu sagen zu Europa und zur Politik unserer Politiker und zu den Sorgen der Menschen hier und zu den Sorgen, die Menschen machen, wenn sie anderen Menschen Übermenschliches abverlangen, ohne sie zu fragen. Die Zuhörer hörten und klatschen und manchmal jubelten sie, und ich schaute mich um. Da waren Alte und Junge, Dicke, und Dünne, Sachsen und Nichtsachsen aus vieler Herren Länder. Ein dunkelhäutiger Iraker fragte mich nach dem Klo, ein Slowene nach der Uhrzeit, einer Rollstuhlfahrerin durfte ich über den Bordstein helfen, einem kleinen Mädchen mit russischer Fahne den Hund einfangen, zwei Amerikanern eben gesagtes übersetzen und eine alte Frau beruhigen, die sich sichtbar über die knalligen Liebesgrüße der anderen Seite erschreckt hatte. Dazwischen öffnete der anliegende Biergarten und verkaufte Würstchen, Glühwein und Bier fast kam Volksfeststimmung auf, als plötzlich Bewegung unter die Freunde auf der Brücke kam und uns die dick gepanzerten Männer in ihren Motorradhelmen aufforderten, den Ort des Labsal sofort zu räumen. Wieder schade, dachte ich, denn mein Bier war noch nicht alle.

Erneut ganz Ohr, vernahm ich gleich freundliche Töne von „lieben Freunden“ und „lieben Demokraten“: „Der Polizeiführer hat sich doch noch Mal gemeldet“, sagte die freundliche Stimme. „Er versucht jetzt die Situation unter Kontrolle zu bekommen und die Menschenfeinde und Rassisten so’n Stück zurückzudrängen. Deswegen auch die Bitte an Euch, lasst euch nicht provozieren und macht eure Ablehnung von diesem Hass deutlich!“

Guuut, dass das Mal einer sagt, dachte ich mir, denn gerade bin ich doch wegen dieser Drängeleien auf der anderen Seite von meinem Hopfengetränk ausgeschlossen worden. Unglaublich, diese Menschenfeinde und Rassisten. Stellen Sie sich Mal vor, die hätte es geschafft und die schreckhafte alte Frau, und das kleine russische Mädchen, Tschechen, Slowenen, Amerikaner, Ungarn, Türken und die Gruppe von Rollstuhlfahrerinnen, von den andern gar nicht zu reden, wären gefährdet worden, dachte ich mir. Gut, dass das Mal einer sagt! Und wie zur Bestätigung war plötzlich auch Hass in den Rufen der anderen Seite zu hören. Eine junge Frauenstimme schrie ins Mikrofon und ein vielstimmiger Männerchor stimmte ein: „Faschistenpack. Wir hauen euch die Glatzen platt“. Trillerpfeifen konzertierten, allerdings nicht immer in der richtigen Tonlage. Demgegenüber versuchten sich die Teilnehmer der Veranstaltung auf unserer Seite hymnisch und sangen das Lied der Deutschen in seiner dritten Strophe. Das klang auch nicht immer besonders virtuos, aber regte die freundlichen Menschen an der Brücke nun vollends auf. Wie kann man auch so ungeübt singen, dachte ich mir, denn erneut machte sich drüben der Hunger auf „Schweine“ breit, die man unbedingt „kriegen“ wollte … So ein Appetit aber auch, dachte ich mir, wenn man die ganze Zeit herumsteht. Aber auch „Glatzen“ brauchten sie plötzlich zum „platzen“, dabei waren die meisten, die ich sah, doch ziemlich gut behaart auf dem Kopf.

Auf dem Theaterplatz lichteten sich die Reihen. Nur auf der anderen Seite skandierte einen einsame Stimme unter ein paar Trillerpfeifen erneut den freundlichen Hinweis, dass man dem „Faschistenpack“ die „Glatzen platt“ hauen würde, diesem „Drecksvolk“.

Wie gut, dachte ich mir, dass ich auf der richtigen Veranstaltung war und unter In- und Ausländern für mehr „Herz statt Hetze“ eintreten konnte … oder?

ER ist wieder da

„Wir sind das Volk“, tönt es im Kinosaal und „ Er“ denkt sich: „Mit diesem Potenzial lässt sich schon was anfangen“. Komisch, dachte ich mir, da war ich doch gestern auch dabei und sollte „Ihn“ übersehen haben? „Er“ ist größer, als ich bisher annahm, und hat seine sprichwörtlich stahlblauen Augen gegen bräunliche ersetzt, aber was will man auch nach einer Zeitreise von 69 Jahren erwarten. Schneidig wie eh und je und nicht verlegen, erobert er fast jede Papier-Festung wie im Sturm. Manchmal im Kinosaal ein befreiendes Lachen, manchmal Stille, wenn echte Menschen ‚vorgeführt’ werden und sagen, was sie denken. Voyeurismus? Es wird kühl im Saal, denn ich spüre plötzlich den „Hass der Anderen” im Raum. Gleich rechts neben mir; ein junger Mann mit Rastafari kann sich kaum halten und zischt durch die Zähne leis’, doch hörbar: „Wir kriegen euch, alle!“.


...mehr Lesen in den akademischen Blättern oder ganze Ausgaben als PDF?


Jetzt hier kostenlos Anmelden

André Richter

geb. 1965, Dr. phil., Pädagoge, VDSt Greifswald.

... alle Beiträge von diesem Autor