Zerbrechende Geschichte

Wenn Imperien untergehen und neue entstehen, verändert sich auch das Geschichtsbild, ein scheinbarer Endpunkt der Geschichte löst den anderen ab. Das Urteil über die Vergangenheit ist immer auch eine Frage des Datums.


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Im antiken Geschichtsdenken verlief alle Historie zirkelförmig. Kulturen wuchsen zu Größe hinauf, überstiegen ihren Zenit und sanken wieder herab ins Dunkel ihrer Anfänge. Völker und Kulturen, die das Weltgeschehen bestimmten, wechselten, doch der Geschichtsverlauf blieb naturgesetzmäßig gleich.

Das Christentum ersetzte den Kreis durch eine Linie. An die Stelle der verschiedenen, im Kern aber gleichförmigen Kulturgeschichten war eine universale Heilsgeschichte gerückt. Seit der Weltenschöpfung führt eine lineare Entwicklung durch verschiedene Zeitalter zu Apokalypse und anschließender Ewigkeit. Allen historischen Ereignissen wies die christliche Geschichtsschreibung einen Platz in dem großen göttlichen Plan zu.

Die Säkularisierung hat heute göttliches Wirken aus der Geschichtsschreibung verbannt. An seine Stelle ist das Fortschrittsdenken getreten. Wir entwickeln uns weiter. Besseres und längeres Leben, gerechtere Gesellschaftsordnungen, mehr Humanität, Triumph der Technik über die Natur. Der leidvollen historischen Erfahrung folgt die Verbesserung.

Seit im 18. Jahrhundert die Geschichtsschreibung verwissenschaftlicht wurde, herrscht selbst hier Fortschrittsglauben. Neue Historikergenerationen merzen falsche Auffassungen ihrer Vorgänger aus und nähern sich so immer weiter der Wahrheit an.

Die Beschaffenheit linearer Geschichtsbetrachtung

Lineare Geschichtsbetrachtung unterliegt einer einheitlichen Grundform: Sie kennt je einen Ausgangs- und Endpunkt, die vom historischen Geschehen als rotem Faden verknüpft werden. Wie die Perlen einer Kette verbindet dieser die einzelnen historischen Ereignisse zwischen Anfang und Ziel.

Der Endpunkt ist immer idealischer Natur. Wer sich an ihm orientiert, nimmt eine teleologische Weltanschauung an. Was den heutigen westlichen Gedankengebern internationaler Wohlstand und demokratische Staaten sind, war den Kommunisten ein klassenloser Weltstaat und den Nationalsozialisten eine rassische Völkerordnung. Die Moderne hat das christliche Schema adaptiert. Der Unterschied: Wo einstmals Gott wirkte, wird jetzt der Mensch zur Verantwortung gezogen. Sein Handeln soll den ersehnten Endpunkt herbeiführen helfen.

Die Renaissance erlöste uns vom finsteren Mittelalter. Sie brach Aufklärung, Französischer Revolution und Industrialisierung samt allen Folgewirkungen Bahn. Mit dem Fall der großen totalitären Systeme ist der Weg für eine globalisierte Menschheit frei. So sich denn der gefallene Riese Russland und die aufsteigenden Mächte Indien und China für den westlichen Weg entscheiden. Und wir kleine Querulanten, insbesondere in der islamischen Welt, von diesem überzeugen können. Notfalls mittels militärischer Intervention.

Geschichte und historisches Ereignis gehen ein wechselseitiges Verhältnis ein: Nicht nur erfasst die Geschichtsschreibung vergangenes Geschehen, sondern das ihr zugrundeliegende Weltbild beeinflusst die Taten der Zeitgenossen und damit kommende Ereignisse.

Lineare Geschichte als politisches Konstrukt

Politik verfügt stets über eine historische Dimension. Gottesgnadentum, Kommunismus, Nationalsozialismus, westliche Demokratie: Die jeweilige Herrschaftsform ordnet sich entweder in positiver Weise in das lineare Geschichtskonstrukt ihrer Zeit ein oder entwirft gleich ihr eigenes. Der Fürst von Gottes Gnaden akzeptiert die Lehre des göttlichen Heilsplanes, nimmt aber für sich in Anspruch, darin eine positive – gottgewollte – Rolle zu spielen. Genau umgekehrt deutet der Kommunismus kurzerhand alle Geschichte in eine Geschichte der Klassenkämpfe um und ernennt sich selbst zum Wegbereiter der klassenlosen Gesellschaft. In beiden Fällen wird Herrschaft historisch legitimiert.

Im jeweiligen System erfahren historische Ereignisse dann eine Wertung; gut ist, was bejahend auf den Jetzt-Zustand zuläuft. In diesem Sinne konnotiert die bundesrepublikanische Geschichtsschreibung die demokratischen Ansätze der Weimarer Republik ganz überwiegend positiv, die eiserne Kanzlerschaft Bismarcks zumeist negativ. Der Nationalsozialismus interpretierte letztere als Führertum, also positiv, die Weimarer Zustände dagegen als schwächliche Plutokratie, also negativ.

Geschichtsschreibung muss in diesen Bahnen verlaufen, möchte sie im wörtlichen Sinne politisch korrekt sein. Je enger ein historisches Ereignis an die aktuelle Politik geknüpft ist, desto mehr ist seine historische Erfassung politisch determiniert. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht freilich problematisch.

Zerbrechende Geschichte

Die Krux linearer Geschichtsschreibung: Ihr Endpunkt ist prophetischer oder prognostischer Natur. Eine höchst unsichere Konstante also, die aber als absolut gesetzt wird. Wann immer ein System offensichtlich scheitert, wird seine Geschichtsprognostik einer harten Probe unterzogen. Immerhin glaubten die Zeitgenossen ja, sich auf dem besten Weg zum idealischen Endpunkt zu befinden – der jetzt unter Umständen selbst in Frage steht.

Was ist von der Weltmachtsverheißung der germanischen Herrenrasse noch zu halten, wenn die slawischen Untermenschen plötzlich in Berlin stehen? Hitler blieb seiner Weltanschauung treu: Laut seinem Testament haben sich die Slawen als überlegen erwiesen, der Germane ist dem Untergang geweiht. Wieder eine falsche Prognose, wie die Unterlegenheit des sowjetischen Regimes gegenüber der westlichen Welt, die in kein NS-Rassenraster passen will, erweisen sollte. Im gleichen Zuge dienten auch die Kommunisten aus; der klassenlose Staat stellte sich gegenüber seinen Untertanen repressiver und mörderischer dar als irgendein kapitalistisches System. Sowohl Nationalsozialismus als auch Kommunismus sind sozusagen empirisch widerlegt. Mit ihnen ist auch ihre Geschichtsschreibung, zumindest hinsichtlich der behandelten Gegenstände, uninteressant geworden. Sie ordnet das historische Geschehen in einer Weise, die heute keinen Wert mehr hat.

Man könnte sagen: Jenes Endpunkts beraubt, an den er sich knüpfte, findet der rote Faden keinen Halt mehr. Er gleitet herab, gibt alle an ihm aufgefädelten Ereignisse frei und wilder Unordnung anheim. Ein Geschichtsbild zerbricht – es hat sich als willkürliches menschliches Konstrukt erwiesen.

Aus dem Kalten Krieg ging der Westen als Sieger hervor. Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama glaubte damit das „Ende der Geschichte“ gekommen; westliche Zivilisation würde rasch den ganzen Globus umfassen und damit die Fragen der Machtverteilung dauerhaft lösen. Aber die westlichen Völker selbst kommen ihren Idealen – allgemeiner Wohlstand, stetes Wirtschaftswachstum, individuelle Freiheit – höchstens noch schleppend näher. Eher werden diese ad absurdum geführt, indem man sie Völkern aufzuoktroyieren sucht, die dafür nichts übrig haben – und dabei scheitert. Mittlerweile ist Samuel Huntingtons These gegenüber der seines Fachkollegen dominant: Ein „Kampf der Kulturen“ droht. In dem Maße, in dem der Westen Einfluss verliert, gewinnen andere Kulturen Raum. Es ist anzunehmen, dass auch uns historische Brucherfahrungen bevorstehen.

Brüche als neue Formgeber

Die christliche Heilsgeschichte hat sich aus der Welt in die Transzendenz zurückgezogen. So überdauerte sie bislang erfolgreich die wechselnden Herrschaftsformen. An ihre Stelle sind Weltanschauungen getreten, die das jeweilige politische System selbst konstruiert. Darin nimmt es stets eine absolute Rolle ein. Ein Symptom menschlicher Hybris: Man ist zeitweiliger historischer Sieger und glaubt, es auf alle Ewigkeit zu bleiben. Sobald sich das Gegenteil erweist, zerbricht ein Weltbild.

Vielleicht muss die neuzeitliche Geschichte noch einige Male brechen, um sich neue Betrachter zu formen. Solche, die im vermeintlichen Chaos eine Ordnung erkennen: Das scheinbar Lineare ist wieder zum Kreis gebogen. Anfangspunkt, Endpunkt, roter Faden: Stets Fiktionen, und wer Geschichte nach ihnen ordnet, der schafft ein Konstrukt mit sehr begrenzter Lebensdauer.

An den Historiker stellt diese Erkenntnis den Anspruch, das einzelne historische Ereignis in seiner Zeit zu betrachten. Zu prüfen, wie es das Handeln der Zeitgenossen beeinflusste – und tunlichst teleologische Gebilde zu vermeiden.

Und der Politiker sollte sich dem konkreten Problem zuwenden, es undogmatisch zu lösen versuchen – immer eingedenk der Tatsache, dass es abseits der greifbaren gesellschaftlichen Fragen kein Betätigungsfeld für ihn gibt.

Wie alle Natur folgt die Menschheitsgeschichte den Kreisen organischen Lebens. Kulturen wachsen, altern und verfallen. Alle geistigen und technischen Errungenschaften können diesen Kreislauf nicht durchbrechen; sie sind nur neue Formen alter Gedanken. Geschichte entwickelt sich nicht weiter.


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Manuel Mackasare

geb. 1985, Historiker, VDSt Breslau-Bochum.

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