Ich bin Deutscher. Wie deutsch bin ich?

Was prägt uns, was wollen wir sein – Identitäten, auch nationale, sind Mischungen von Objektivem und Subjektivem und das Verhältnis in jedem Fall anders. Das spürt, wer die Identitätsfrage gründlich durchdenkt und ernsthaft an sich selbst richtet. Persönliche Überlegungen von Martin Kütz in Form einer Zielrede zum Ende des Symposions.


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Im Folgenden werde ich einige Überlegungen zu einer Frage vortragen, die uns alle angeht, nämlich, was uns als Deutsche ausmacht und ob es unabhängig von ideologischen Vereinnahmungen so etwas wie ein objektiv existierendes „Deutschtum“ gibt. Natürlich ist das, was ich vortragen werde, höchst subjektiv. Ich nehme dieses Thema sehr persönlich und kann also auch nur vortragen, wie ich das Thema sehe und welche Schlussfolgerungen ich für mich daraus ziehe. Ich erhebe also nur eingeschränkt Anspruch auf Zustimmung.

Meinen Betrachtungen möchte ich einige grundlegende Überlegungen voranstellen.

Erstens: Was deutsch ist, scheint klar zu sein, so lange man nicht darüber nachdenkt. Es wird umso schwerer fassbar, je konkreter man es greifen möchte. Natürlich könnte man es sich leicht machen und das Thema auf die Frage der Staatsbürgerschaft reduzieren. Aber dann hätte man die Frage zu klären, was ein deutscher Staat ist. Immerhin hatten wir ja bis vor gar nicht so langer Zeit zwei davon.

Zweitens: Deutsch-Sein muss sich im Lauf der Zeit ändern. Immerhin haben wir heute, 138 Jahre nach Gründung der ersten Vereine Deutscher Studenten, zwei große Kriege und eine friedliche Wiedervereinigung hinter uns. Das muss Spuren hinterlassen haben. Was ist heute anders als vor 138 Jahren? Was sind die Konstanten?

Volk und Nation

Drittens: Ich habe es schon angedeutet, dass sich

Deutsch-Sein natürlich nicht in der Staatsbürgerschaft erschöpfen kann, und wir werden auch über die deutsche Kulturnation sprechen müssen. Ich werde aber das Deutsche, das jenseits des Reisepasses liegt, auf die deutsche Sprache und die Menschen, die sie sprechen, reduzieren. Das liegt daran, dass ich beim besten Willen weder deutsche Musik noch deutsche Malerei noch deutsche Mathematik noch deutsche Technik erkennen kann. Ich verweigere mich auch solchen Vereinnahmungen grundsätzlich. Wohl gibt es deutsche Menschen, die hier Hervorragendes geleistet haben, und das bewundere ich auch. Aber würde ich die Musik von Johann Sebastian Bach hören und wüsste nichts über den Komponisten, so könnte ich eine Verbindung zu einem wie auch immer aussehenden Deutschland nicht herstellen. Der Null in der Mathematik sieht man auch nicht an, dass sie von indischen Kaufleuten erfunden wurde. Gleichwohl bin ich der Überzeugung, dass die Sprache letztlich auch diese nicht-sprachlichen Bereiche beinhaltet und abbildet. Schließlich sprechen wir dauernd über alles, was uns bewegt und berührt.

Ich will also über Territoriales und Sprachliches, über Vaterland und Muttersprache, letztlich auch über Volk und Nation sprechen. Dabei sollte ich vorausschicken, dass ich die Begriffe „Volk“ und „Nation“ in ihrer ursprünglichen Bedeutung meine. So ganz sauber unterschieden werden sie ja in der üblichen Diskussion nicht. Das Volk verstehe ich als „Gefolge“; der Begriff entstammt dem politischen Raum. Es geht hier um Macht und Vertrag, um die Bildung von Staaten. Die Nation hingegen ist die Gemeinschaft, die sich aus der Generationenfolge, aus Zeugung und Geburt ergibt. Wir wären vielleicht gut beraten, präziser von Staatsvolk und Kulturnation zu sprechen. Dass beides eng miteinander verwoben ist, darüber wird zu sprechen sein.

Biographische Zufälle

Und nun stellt sich die Frage, wie ich mich in diesem Umfeld verorte. Erlaubt mir daher einen kurzen Ausflug in meine familiäre Herkunft. Mein Vater war Rheinländer, meine Mutter Oberschlesierin. Dass sie sich kennenlernten, war eine Folge von Vertreibung und Ausbombung im Zweiten Weltkrieg. Aufgewachsen bin ich in der alten Bundesrepublik Deutschland, also den sogenannten „gebrauchten“ Bundesländern, meinen Lebensabend werde ich in meiner Wahlheimat Sachsen-Anhalt, also in einem der sogenannten „neuen“ Bundesländer verbringen. Ich habe innerhalb Deutschlands keine besondere regionale Verwurzelung und beherrsche auch keinen Dialekt.

Warum erzähle ich das? Nun, zunächst bin ich offenbar das Produkt einer Reihe biologischer und historischer Zufälligkeiten. Es hätte auch anders kommen können. Wären zum Beispiel meine Eltern, nachdem sie mich gezeugt hatten, ausgewandert – was nicht ganz unwahrscheinlich gewesen wäre –, dann wäre ich heute kein Deutscher. Ich hätte dann die Staatsbürgerschaft meines Geburtslandes bekommen. Ich wäre dort aufgewachsen und ein loyaler Bürger jenes Staates geworden, in dem dann meine Heimat gelegen hätte. Hin und wieder hätte ich sicherlich mit meiner deutschen Herkunft kokettiert, wenn das opportun gewesen wäre. Ich wäre aber wohl kaum nach Deutschland zurück-eingewandert, jedenfalls nicht unter normalen Umständen.

Wie wäre mein Verhältnis zur deutschen Sprache gewesen und geworden? Sicherlich hätten meine Eltern miteinander deutsch gesprochen. Ob sie darauf gedrungen hätten, dass auch wir Kinder deutsch sprechen, das kann ich nicht beurteilen. Ohne einen solchen Druck aber wäre für mich Deutsch allenfalls zur besonderen Fremdsprache geworden. Für meine Kommunikation mit Gleichaltrigen hätte es keine Rolle gespielt, in der Schule allenfalls eine Nebenrolle. Ich wäre in dieser Beziehung mit Sicherheit Opportunist gewesen. Wäre ich dann heute noch ein Deutscher? Nein! Ich würde mich dann nicht mehr als Deutscher empfinden.

Es hätte aber auch anders kommen können. Hätte ich nicht in meinem Umfeld Fuß fassen können, wäre von Gleichaltrigen (oder deren Eltern) als „der Ausländer“ stigmatisiert worden, dann wäre die deutsche Herkunft wahrscheinlich eine Art Rückzugsort geworden und ich hätte mir, vielleicht zusammen mit meinen Eltern, eine Art deutsche Diaspora aufgebaut. Denkbar wäre auch das. Wäre ich dann Deutscher geblieben? Ja, weil ich mich darüber identifiziert hätte.

Wir reden also über Identität und wie sie entsteht. Sicher ist sie etwas, in das wir zunächst hineingeworfen oder hineingeboren werden. Aber wir können und müssen dann eine Entscheidung treffen, ob wir sie annehmen oder eben auch nicht. Wir haben also nur eine partielle Freiheit. Und auch diese ist asymmetrisch. In der Regel entscheiden wir uns nämlich für die Variante, die uns und unserer Familie ein besseres Leben ermöglicht.

Vaterland und Muttersprache

Aber bleiben wir noch ein wenig bei der Staatsbürgerschaft. Ich bin deutscher Staatsbürger, also ein per Reisepass oder Personalausweis zertifizierter Bürger eines deutschen Staates. Dass ich auf einem bestimmten Territorium einer dort etablierten Territorialmacht unterliege oder mich ihr unterwerfe, ist der einfache Teil der Antwort. Wenn ich das nicht tue, muss ich mit den Konsequenzen leben … Was aber macht den jeweiligen Staat zu einem deutschen Staat (vielleicht einmal abgesehen davon, dass er es selber sein will)? Diese Frage lässt sich durchaus diskutieren, da wir ja bis vor gar nicht so langer Zeit zwei deutschen Staaten hatten. Und wieso gibt es dann einen österreichischen Staat, der sich, soweit ich das überschaue, bewusst nicht als deutscher Staat definiert? Und waren die Deutschen in den beiden deutschen Staaten dann unterschiedliche Kategorien von Deutschen?

Betrachten wir zunächst die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik vor der Wiedervereinigung. Auch wenn die offizielle westdeutsche Propaganda lange Zeit anderer Meinung war: Es waren zwei Staaten, denn auf ihrem Territorium hatten sie das Sagen (wenn auch in mancher Hinsicht vielleicht eingeschränkt …). Es waren deutsche Inseln, die sich stark voneinander abgeschottet hatten. Und obgleich diese Trennung nur etwa zwei bis drei Generationen dauerte, hat sie erkennbare Spuren hinterlassen. Bundesdeutsche mit BRD-Hintergrund und Bundesdeutsche mit DDR-Hintergrund unterscheidet mehr als

nur das Landsmannschaftliche. Da steckt eigene Geschichte in den sozialen Knochen. Und auch die Sprache hatte bereits begonnen, eigene Wege zu gehen. Ein markantes Signal dieser sprachlichen Separation ist für mich immer wieder und nach wie vor das „Team“ im Westen und das „Kollektiv“ im Osten. Hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben, so wäre das Verhältnis der beiden deutschen Staaten 2090 vielleicht ähnlich wie das zwischen Deutschland und Österreich heute … Wer weiß.

Was zeigen uns diese Überlegungen? Nun, deutsches Vaterland und deutsche Muttersprache sind hochgradig korreliert, also haben Staatsvolk und Kulturnation möglicherweise eine große Überdeckung, sind aber nicht identisch. Bei stabilen politischen Verhältnissen werden wir Konvergenz erwarten, einfach durch die Tatsache der überwiegend innerstaatlichen Partnerwahl und Generationenfolge. Dass das Band der Muttersprache zur Herausbildung eines Vaterlandes führen kann, haben wir in der deutschen Geschichte gesehen. Luthers Bibelübersetzung und Fichtes Reden an die deutsche Nation waren Meilensteine auf dem Weg zum Deutschen Reich, obgleich ich denke, dass ein Machtpolitiker wie Bismarck das Deutsche Reich nicht wegen der Deutschen geschaffen hat. Da ging es um Machtpolitik und das Deutsche war ein geeignetes Vehikel zur Bildung des Reiches. Es wurde instrumentalisiert! Und da wohl heute niemand die Vision hat, Deutschland und Österreich sollten wegen ihrer gemeinsamen Sprache fusionieren, sollten wir mit einer gewissen Gelassenheit konstatieren, dass die Welt auch hier nicht so einfach ist, wie uns das manche politische Gruppierung glauben machen möchte.

 

Amtsdeutsch

Umgekehrt müssen wir aber auch feststellen, dass ein Staat mithilfe seines Machtapparates die Muttersprache formt und verändert. Hochdeutsch ist Amts-Deutsch und Schul-Deutsch und wird auf dem Staatsgebiet mithilfe der Staatsmacht durchgesetzt. Wenn wir aber verschiedene Staatsgebiete haben, in denen Deutsch Amtssprache ist, dann konvergieren diese Groß-Dialekte nicht zwangsläufig. Im deutschen Sprachraum gibt es allerdings einen entsprechenden politischen Willen, der zum Rat für deutsche Rechtschreibung (RDR) geführt hat. Dieses Gremium befasst sich mit der deutschen Rechtschreibung von Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Liechtenstein und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens.

Darüber hinaus wird die Einheit einer Sprache vor allem durch den intensiven Austausch zwischen allen Menschen erhalten, die diese Sprache sprechen. Sprache ist ja nicht statisch; sie verändert sich laufend, wie auch immer jeder von uns einzelne Phänomene bewertet. Würde man aber die Staatsgebiete mit deutscher Sprache voneinander abschotten, so würden sich Sprachinseln entwickeln, wie wir das im Ansatz schon bei BRD und DDR gesehen haben. Es gibt auch hier Evolution – natürlich. Die Auswirkungen solcher Sprachinsel-Bildungen kennen wir von deutschstämmigen Bevölkerungsgruppen im Ausland ohne direkten Austausch mit dem sprachlichen „Mutterkontinent“. Sie haben zwar eine deutsche Sprache, aber diese empfinden wir manchmal als recht eigenartig …

Im Übrigen muss jeder Staat sich eine Amtssprache geben (zumindest eine sehr beschränkte Anzahl von Amtssprachen). Das ist wichtiger Bestandteil seiner Verwaltung und Element seiner Machtausübung nach innen. Er muss das auch durchsetzen, sonst wird er zum Beispiel Zuwanderung nicht erfolgreich „schaffen“. Gefährlich wird es allerdings, wenn man mit aller Gewalt (!) sprachlich homogene Territorien schaffen will oder Sprache sogar Instrument der Außenpolitik wird. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob der Nationalstaat, also der auf einer Geburtsgemeinschaft basierende Staat, nur positiv zu bewerten ist. Immerhin hat er uns in der jüngeren Geschichte auch den ein oder anderen Völkermord beschert.

Europa-Staat?

Und nun haben wir die Europäische Gemeinschaft. Mit dem ein oder anderen, der sie wieder abschaffen oder zurechtstutzen möchte. Und zum Beispiel ein Europa der Vaterländer, also eine stärkere Separierung der Mitgliedsstaaten will. Können wir solche ideologischen Ansätze verübeln? Machen wir uns nichts vor. Wer einen europäischen Staat will, muss auch ein in der Machtausübung homogenes Gebilde wollen. Das wird aber nur gehen, wenn die alte Vaterlands-Identität abgeschwächt wird und ein europäisches Vaterland entsteht. Die Staaten Europas müssen sich dabei auf eine Art Super-Bundesland reduzieren lassen.

Niemand kann aber auf Dauer Diener zweier Herren sein. Was wird in einem solchen europäischen Vaterland die Muttersprache? Es muss nicht zwangsläufig Deutsch sein. Nach aktuellem Stand aber auch nicht Englisch … Wir kennen diese Problematik in der Bundesrepublik aus den Verspannungen zwischen Bund und Land, Land und Kreis, Kreis und Kommune. Hier wie dort geht es um Macht und ihre Durchsetzung; es geht um das Entstehen und Vergehen von Identitäten.

Was heißt das aber nun für mich persönlich und vielleicht auch für die Vereine Deutscher Studenten?

Mein Deutschsein, sprachlich wie staatlich, ist mir zugefallen. Ich habe das nicht selbst gewollt. Aber ich habe und hatte keine Gründe, mein Vaterland zu verlassen oder meine Muttersprache abzulegen, ebenso wie ich meinen Vater und meine Mutter, die ich mir auch beide nicht ausgesucht habe, nicht verleugne. Ich weiß, dass die deutsche Sprache ein wesentlicher Teil meiner persönlichen Identität ist. Ich spreche deutsch, also denke ich so! Wäre ich in einen anderen Kontext hineingeboren, würde ich diesen anderen Zustand als ebenso natürlich empfinden wie meinen tatsächlichen Zustand. Das sollte mich Menschen mit anderen Biographien gegenüber tolerant und gelassen machen. Denn unser Verhalten ist, ob wir es wollen oder nicht, opportunistisch. Wir geben dem Cäsar, was des Cäsars ist. Weil und so lange es uns das Leben erleichtert.

Kampfbereitschaft?

Es bleibt aber die Frage, ob es Dinge gibt, für die ich kämpfen sollte oder kämpfen muss. Mit dem Vaterland habe ich einen Vertrag, den ich von meinem Vater geerbt habe, und der muss von beiden Seiten eingehalten werden. Den Vertrag kann oder muss ich gegebenenfalls kündigen. Das ist meistens lebensgefährlich. Und Bürgerkriege sind auch nicht lustig. Und ob es wirklich ehrenvoll ist, fürs Vaterland zu sterben, das können allenfalls unsere Nachfahren, wenn wir sie denn noch zeugen konnten, entscheiden. Gleichgültig, ob ich in Rossoschka bei Wolgograd am deutschen Mahnmal stehe und mir klar mache, dass dort 150.000 deutsche Männer in Kampfhandlungen und anschließend noch einmal 100.000 deutsche Männer in Kriegsgefangenschaft sterben mussten, oder in meinem Dorf am Kriegerdenkmal die Namen meiner Nachbarsfamilien wiederfinde, ich komme immer wieder zu dem Schluss, es müsse doch ehrenvoller sein, fürs Vaterland zu leben als dafür zu sterben.

Aber sollten wir für unsere Muttersprache kämpfen? Auch das kann tödlich sein. Wie wir es bereits festgestellt haben, ist die (Mutter-) Sprache wesentlicher Teil unserer persönlichen Identität; sie prägt uns stärker, als wir es vielleicht wahrhaben wollen. Wahrscheinlich werden wir irgendwann feststellen, dass die Muttersprache sogar in unser Erbgut eingeht. Von daher müssen wir einsehen, dass Muttersprache eine Art Lebens­elixier ist. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass wir sie lesen, hören und sprechen können, aber auch, dass jeder andere, dem sie Muttersprache ist, sie lesen, hören und sprechen kann. In einem Vaterland mit deutscher Amtssprache ist das wohl kein Problem und liegt an uns.

Problematisch wird es für Deutsche, die nicht in einem deutschsprachigen Vaterland leben. Auch und gerade dann, wenn wir das Recht eines Staates auf eine Amtssprache akzeptieren, sollten wir dem Staatsbürger auch das Recht zugestehen, dass er seine kulturelle und historische Identität über eine Muttersprache sichert, die nicht zwingend die Amtssprache ist. Es möge sich daher jeder fragen, ob er das Recht, das er für den deutschen Auswanderer fordert, nicht auch dem Einwanderer nach Deutschland zubilligen muss … Natürlich müssen wir dann akzeptieren, dass es auf deutschem Boden Sprach- und Kulturinseln anderer Muttersprachen gibt. Aber ist das so schlimm, wenn die fremden Deutschen Patrioten ihres neuen Vaterlandes werden? Ich denke, dass deutsche Kultur und deutsche Sprache in der Vergangenheit durch Integration fremder Elemente nicht gelitten haben, im Gegenteil.

Wettbewerb der Kulturen

Sprache lebt von Kommunikation und Austausch. Wenn wir uns als „deutsche Studenten“ verstehen, dann können und sollten wir hier Angebote machen. Früher hieß das Grenzlandarbeit! Natürlich besteht die Gefahr, dass so etwas für machtpolitische Zielsetzungen instrumentalisiert wird, aber das Grundanliegen, anderen Mitgliedern der eigenen Kulturnation zu helfen, ihre kulturelle und damit letztlich auch persönliche Identität zu wahren, ist legitim, und vielleicht haben wir im VDSt, nicht zuletzt nach der Wiedervereinigung von BRD und DDR zur „neuen“ BRD, hier eine alte, neue Aufgabe.

Allerdings sollten wir auch dann, wenn wir (richtigerweise) nicht mehr dem Wahn verfallen, am deutschen Wesen solle die Welt genesen, nüchtern sehen, dass wir Menschen innerhalb der Evolution leben und nicht wie im Zoo vor dem Gehege stehen und interessiert zuschauen. Das „survival of the fittest“ gilt überall und auch für uns. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass Kulturen oder Sprachen aussterben. Das kann durch Katastrophen wie Kriege oder Völkermord passieren, aber auch schleichend und friedlich. Den Wettbewerb der Kulturen gibt es! Und ob ein Kulturraum, zum Beispiel der deutsche Kulturraum, überlebt, hängt davon ab, ob seine Mitglieder das wollen. Wenn sie sich nicht darüber identifizieren, wird er sterben. Diesen Wettbewerb sollten wir annehmen. Jeder von uns! Das können wir nicht auf „die da oben“ abschieben.

Was heißt das nun alles für mein persönliches Deutsch-Sein?

 

Ich bin in einem deutschen Staat geboren und aufgewachsen, habe die deutsche Staatsbürgerschaft. Der deutsche Staat, in dem ich lebe, bekommt nicht nur meine Steuern, sondern auch meine Loyalität. Hätte er mehr verdient? Würde die Bundesrepublik Deutschland morgen annektiert, würde ich dann Widerstandskämpfer? Könnte ich und könnte meine Familie so weiterleben wie bisher, dann wohl eher nicht.

Meine persönliche Identität ist viel stärker mit der Muttersprache verbunden. Würde man mir die verbieten, wäre das eine Art Amputation. Wer hier eingreift, geht an meinen Kern. Und darauf würde ich wie auch immer reagieren, ja sogar reagieren müssen. Ich möchte eben nach meiner Façon selig werden können und dazu gehört die Freiheit, meine Muttersprache zu sprechen.

So lange nun aber die Amtssprache des Vaterlandes und die Muttersprache übereinstimmen, ist das Leben recht übersichtlich. Sind sie verschieden, führt das zu Spannungen. Aber die müssen wir aktiv bewältigen. Dass das möglich ist, zeigen viele Beispiele. Vielleicht sollten wir uns insgesamt vom Konzept des (sprachlich homogenen) Nationalstaates wieder verabschieden. Ethnische Säuberungen, wie auch immer sie vonstattengehen, verbessern nichts. In einer modernen, internationalen Welt muss es möglich sein, Staatsräume und Kulturräume (wieder) zu entkoppeln. Ist nicht genau das ein zentrales Element der europäischen Idee?


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Martin Kütz

geb. 1953, Professor für Wirtschaftsinformatik, VDSt Braunschweig.

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