Der europäische Student

Der Bologna-Prozess sollte die Studiengänge europaweit harmonisieren. Auf den Weg dorthin ist ein Stück zu gehen. Doch nicht nur die Hochschulsysteme liegen weit auseinander. Auch die soziale Zusammensetzung der Studentenschaft und ihre Lebensweise ist in den europäischen Ländern nach wie vor sehr verschieden.


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Wollen wir nach Finnland oder in die USA – oder lieber doch nach England? Fest steht: Südkorea wäre dann doch etwas zu viel des Guten. Vielleicht liegt es in der Natur des Deutschen, sich in die Ferne zu träumen, um dort Glückseligkeit zu finden. Kommt es wirklich von dort – das Glück? Für unsre Kinder? Oder zumindest der bestmögliche Start ins Leben?

Ganz nüchtern wird der Blick hier auf uns selbst gerichtet, um ein größeres Bild aufzubauen, als bloße Klischees. Beim Streit um die besten Köpfe, oder wie man diese dazu macht, tritt leicht in den Hintergrund, wer denn diese Köpfe überhaupt sind. Europa prägt uns, zwei Drittel der Arbeit für unseren Gesetzgeber stammen von dort, es soll ein einheitlicher europäischer Hochschulraum geschaffen werden. Nach jahrelangen Diskussionen sehen die europäischen Minister nun die Stärkung der sozialen Dimension als einen Hauptpunkt der europäischen Hochschulreform und erklärten ihn sogar zum Wettbewerbsvorteil.

Seit langem schon versucht man mehr junge Menschen an der Hochschulbildung zu beteiligen, da diesen in einer auf Wissen basierenden Gesellschaft eine bedeutende Rolle bei der Gestaltung der Gesellschaft und des Arbeitsmarkts zukommt. Diese Entwicklung führte aber weder zu einer allgemeinen Überqualifikation der Gesellschaft, noch zu einem Überangebot an Absolventen. Der Zustrom an die Universitäten veränderte aber die Erwartungshaltung innerhalb der Gesellschaft und des Arbeitsmarkts. Bedarf und Kosten müssen daher effizient eingesetzt werden, um eine effektive Hochschulbildung zu gewährleisten. Dazu zählen die Sicherung einer adäquaten Beteiligung, der gerechte Zugang und gute Rahmenbedingungen, die den erfolgreichen Studienabschluss unterstützen. Hohe Abbruchquoten sind Ausdruck eines Systemfehlers, denn entweder gelangen nicht geeignete Kandidaten in das Hochschulsystem, oder geeignete scheitern an schlechten Rahmenbedingungen.

Um aber überhaupt eine Diagnose erstellen zu können, ist eben eine genaue Analyse notwendig. Leider muss eine solche in schlagwortartig geführten Debatten, die so typisch für die Bildungspolitik ist, zu kurz kommen. Daher wird nun versucht, sich an die Frage anzunähern, wer dieser europäische Student nun ist.

Der Demograph beschreibt ihn als durchschnittlich zwischen 21 und 27 Jahren alt, wobei er je nach Land mit 19 bis 26 zu einem werden kann. In Italien oder Portugal findet man ihn stets allein, feste Partner hat er in der tschechischen Republik, in Deutschland, Rumänien und Slowenien. Doch eigenen Nachwuchs weist er auch dort nicht auf. Ungewöhnlich ist auch nicht, dass er bereits vor der Aufnahme des Studiums erwerbstätig war.

Weitaus aussagekräftiger stellen sich die Unterschiede im Hochschulzugang dar. In England/Wales, Schottland, Estland, den Niederlanden und Slowenien liegt der Anteil am nicht-traditionellen Weg zwischen 10 % und 15 %, wohingegen in Bulgarien, der Tschechischen Republik, Frankreich, Italien, Lettland, Rumänien, der Slowakei und der Türkei niemand auf andere Weise als mit einem Abitur oder Entsprechendem an die Hochschule kommt. Es ist also nicht überraschend, wenn die Systeme in ersteren Ländern als vergleichsweise offen für Studenten mit einer niedrigen sozialen Herkunft sind, während letztere – unter ihnen auch Deutschland – sich als recht geschlossen erweisen. Dabei ist soziale Selektivität keinesfalls nur eine Frage der Kapazität und spiegelt sich nicht in den Studienanfängerquoten wieder. Zwischen der Gliederung des Schulsystems in der Sekundarstufe und dem Zugang zur Hochschule besteht hingegen ein deutlicher Zusammenhang. So gelangen in Ländern mit stark gegliederten Systemen eher wenige Schüler aus hochschulfernen Elternhäusern an die Universitäten.

Ebenfalls klar in zwei Gruppen trennt sich Europa bei der Frage nach der Wohnform seiner Studenten. Über zwei Drittel Norwegens, Finnlands, Deutschlands, Österreichs und Schwedens wohnen in einer eigenen (Miet)Wohnung. Eher bei den Eltern leben hingegen die Studenten aus den südlichen Ländern, dem Baltikum, der Tschechischen Republik, Rumänien, den Niederlanden und Frankreich. Die Wohnform kann je nachdem als indirekte Form der finanziellen Unterstützung angesehen werden. Aber auch sonst fällt die Spanne zwischen den monatlichen Einkommen der Studenten innerhalb eines Landes sehr unterschiedlich aus. In Irland, Spanien und der Tschechischen Republik sind die Unterschiede am größten, in Schweden, Deutschland und den Niederlanden am geringsten. Besonders bedenklich zeigen sich Irland, Spanien und Frankreich, in denen das monatliche Einkommen der ärmsten Studenten weit unter der Grenze des jeweiligen gesetzlichen Mindestlohns liegt (bis zu 83 % darunter). Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Jobben neben dem Studium in ganz Europa weit verbreitet ist. Allein in der Türkei macht das zusätzliche Geld dadurch weniger als ein Fünftel des Gesamteinkommens aus. Besonders hervorzuheben sind Skandinavien, die Niederlande und Großbritannien, da dort der Staat zwischen 40 und 63 % zum monatlichen Einkommen beisteuert (Deutschland lediglich 14 %).

Interessanterweise ist die Zusammensetzung des Budgets nicht von der sozialen Herkunft der Studenten abhängig. Die geringste Rolle spielen soziokulturelle Merkmale in Skandinavien und Schottland aufgrund der hohen staatlichen Beteiligung. Insgesamt betrachtet liegen die Einkommen der ärmsten Studenten in den meisten europäischen Ländern unterhalb des Mindesteinkommens der jeweiligen Gesellschaft. Anscheinend spielt die Offenheit zum Hochschulsystem dabei eine wichtige Rolle, da in den Ländern mit einem relativ offenen System auch der Durchschnittsstudent mit wenig mehr als dem Mindesteinkommen auskommen muss. Wichtig dabei ist, dass in den meisten europäischen Ländern Studenten aus bildungsferneren Elternhäusern über ein höheres Einkommen verfügen als Kinder aus bildungsnäheren. Deutschland ist eines der wenigen Länder, bei denen es kaum einen Unterschied gab.

Demgegenüber stellen die monatlichen Wohnkosten mit bis zu 45 % in Schweden den größten Posten bei den Ausgaben dar. Auch bei den übrigen Lebenshaltungskosten stechen die skandinavischen Länder, zusammen mit der Schweiz, England und den Niederlanden, mit über 1.000 € monatlichen Ausgaben hervor (Deutschland etwa 770 €). Ausgaben in einzelnen Städten können diesen Wert noch übertreffen, doch handelt es sich eben um einen Durchschnittswert. Studiengebühren fallen in den meisten Ländern an, wobei sie in der Türkei, in Bulgarien, Portugal, Litauen und Estland anteilsmäßig am höchsten sind und bis zu einem Fünftel der Einnahmen ausmachen.

Wie bereits erwähnt, arbeitet ein großer Teil aller europäischen Studenten neben dem Studium. Die Bedeutung ist jedoch sehr unterschiedlich. Während das zusätzliche Geld in einigen Ländern nur den Lebensstandard anheben soll, kommt ihm beispielsweise in der Tschechischen Republik, in Spanien und der Slowakei eine enorme Bedeutung zu, da mehr als drei Viertel des Einkommens dadurch generiert werden. Dass darunter das Studium leidet, ist nur folgerichtig. Im Vergleich zu Studenten, die wenig oder überhaupt nicht jobben, wenden Studenten, die zwischen 11 und 15 Stunden wöchentlich arbeiten, in Deutschland und Rumänien sieben Stunden weniger für ihr Studium auf.

Geisteswissenschaftler sind davon besonders betroffen, da sie mehr neben dem Studium arbeiten als Studenten der Ingenieurwissenschaften. Da sie ebenfalls in den meisten Ländern etwas weniger für ihr Studium an Zeit aufwenden, bleibt die Frage offen, welcher der Faktoren sich wie in Abhängigkeit voneinander befindet. Die durchschnittliche Arbeitsbelastung durch das Studium und die Arbeit schwankt in den einzelnen Ländern ebenfalls deutlich zwischen 34 Stunden wöchentlich in Irland bis zu über 60 Stunden im Baltikum.

Eine Forderung, die laut den Bildungsministern der Länder jeder Student erfüllen sollte, ist die Auslandserfahrung. Doch sind die Studenten weitaus weniger mobil, als man ob dieses Appells erwarten könnte. Lediglich in der Hälfte der Länder geht jeder Zehnte während des Studiums ins Ausland. In den meisten neuen Mitgliedsländern liegt die Rate sogar darunter. Nach einzelnen Ländern aufgeteilt liegen Norwegen und Deutschland mit 19 bzw. 17 % an der Spitze. Aber auch bei diesem Merkmal muss man zwischen den Fachrichtungen unterscheiden, da Ingenieurwissenschaftler teils deutlich weniger mobil sind als die Kommilitonen aus den Geisteswissenschaften. Allein in Deutschland, aber auch im Baltikum und der Slowakei, ist der Anteil dreimal so hoch. Zwar spielen direkte finanzielle Faktoren auch eine Rolle, doch liegt die Hauptursache wieder in der verschiedenen sozialen Herkunft begründet. In Bulgarien, Portugal, Rumänien, Italien, Slowenien und der Türkei ist der Anteil von Studenten aus hochschulfernen Elternhäusern im Gegensatz zu aus hochschulnahen stammenden drei Mal geringer.

In summa summarum betrachtet, stellt sich der europäische Hochschulraum zwar als sehr diversifiziert dar, doch stößt man immer wieder auf gleichgeartete Probleme – allen voran der Chancengerechtigkeit. Es ist nicht neu zu fordern, jedem eine Hochschulbildung unabhängig von der sozialen Herkunft zu ermöglichen. Die Lösung ist jedoch äußerst schwierig. Einen Grund stellt einfach die Schwierigkeit dar, gute Kandidaten herauszufiltern, die für ein Studium geeignet wären. Es bedarf daher Eigeninitiativen von den Hochschulen, die mehr Kriterien umfassen als die schulischen Leistungen, da diese selbst eine soziale Verzerrung aufweisen. Als entscheidendes Rückmeldekriterium muss die Abbruchsquote gesehen werden. Eine gewisse Verringerung wird von Seiten der Hochschulen häufig akzeptiert, doch ist diese Auffassung völlig unangemessen. Schließlich liegen die Ursachen nicht nur in unzureichenden Leistungen, sondern auch in ungeeigneten Studienbedingungen. Zwar gelang es den Zugang zur Hochschulbildung insgesamt zu verbreitern, was in einigen Ländern zu einer höheren Heterogenität führte, doch erhöhten sich gleichzeitig die Kosten durch die Einführung von Studiengebühren. Es muss den europäischen Hochschulpolitikern daher gelingen, die unterschiedlichen Lebensbedingungen zu berücksichtigen. Mit wenigen Ausnahmen, wie etwa in Norwegen und Schweden, werden die Studenten in einer Übergangsphase zwischen Abhängigkeit von den Eltern und zukünftiger finanzieller Unabhängigkeit gesehen. Daher bieten sich zwei Fördermöglichkeiten an. Einerseits das Prinzip der finanziellen Abhängigkeit der Studenten von ihren Eltern, und zum anderen das Prinzip der finanziellen Unabhängigkeit. Wie gesehen, fällt die Unterstützung der Eltern für Studenten aus hochschulfernen Schichten geringer aus, so dass sie neben dem Studium vermehrt arbeiten müssen. Die daraus entstehenden Wechselwirkungen betreffen vor allem die ost- und südosteuropäischen Länder. Dort haben Engpässe der öffentlichen Finanzierung (u. a. wegen der Zunahme der Hochschulbeteiligung) zur Einführung von Studiengebühren und zur Abschaffung geförderter Wohnungen und Ernährung geführt. Während der absolute Wert der Studiengebühren eher gering ausfällt, ist ihr relativer Anteil an den Gesamtkosten extrem hoch. Um dem zu begegnen, wurden Studiendarlehen eingerichtet. Psychologisch stellen sich diese aber vermutlich eher als Risiko für Studenten hochschulfernen Hintergrunds dar und sie bevorzugen den Selbsterwerb.

Wichtig wäre es daher, die staatliche Förderung umzustellen, so dass sie nicht mehr in indirekter Form an die Eltern geleistet wird, sondern direkt an die Studenten. Die staatliche Hilfe verlor dadurch ihre Sichtbarkeit und wird häufig als Beihilfe der Eltern empfunden. Deshalb kann diese Art kaum Anreize setzen, um die Entscheidung zum Studium zu beeinflussen.

Allein reichen die Maßnahmen zur Erweiterung des Hochschulzugangs dennoch nicht aus. Auch die tatsächlichen Studienbedingungen müssen so ausgelegt sein, um einen erfolgreichen Abschluss zu sichern. Auch die OECD warnt davor, dass es keinen automatischen Zusammenhang zwischen Hochschulbildung und höherer Chancengerechtigkeit gibt. So kann es sein, dass Studenten mit einem hochschulfernen Hintergrund zwar studieren können, doch keine Gleichheit beim Erwerb von Abschlüssen besteht.

Gleichermaßen wichtig ist die Zurverfügungstellung angemessener beruflicher Möglichkeiten. Zwar gibt es keinen direkten Zusammenhang mit sozialen Kriterien, da er mit der gesamten Entwicklung im Hochschulwesen verbunden ist und ein Abschluss nur ein Faktor unter mehreren ist. Dennoch ist es wichtig, den Nutzen der Hochschulbildung auf spezielle Studentengruppen zu fokussieren. Deutlich wird dies dadurch, dass der durchschnittliche finanzielle Ertrag zwar vom Bildungsabschluss abhängt, doch dass dieser Gewinn bei einem Teil der Absolventen minimal ist. Beispielsweise verdienen 12 % der norwegischen Hochschulabsolventen mehr als das Doppelte des Durchschnittseinkommens, während andere 12 % maximal die Hälfte dessen verdienen.

Als Fazit kann man nun ziehen, dass die europäischen Länder ihre jeweiligen Rahmenbedingungen hinterfragen sollten. „Comprehensive national strategies are, therefore, difficult to implement because of the transversal nature of such a topic area, which cuts across different systems and the responsibilities of different institutions, including ministries; but they are essential.“ (Eurostudent III 2005-2008)


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Philipp Haug

geb. 1984, Ethnologe, VDSt Bonn.



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