Die Harmonie des Abendbrotes

Frei von Kitsch und Pathos, aber mit wohlwollender Ironie und auch mit Zuneigung haben Thea Dorn und Richard Wagner sich an einer Anatomie der deutschen Seele versucht. Mit Erfolg, meint Stephan Kusch.


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„Lieber Leser, sei gewarnt! Dies ist ein Buch, in dem du nicht gewarnt wirst vor dem Deutschen.“ Dieser erste Satz des Vorwortes beschreibt sehr treffend, was den Leser in den vielen folgenden Kapiteln nicht erwartet: Eine Warnung. Eine Anklage. Eine Verurteilung. Ganz im Gegenteil haben die Autoren versucht, herauszufinden, was „deutsch“ überhaupt bedeutet; nicht im lexikalischen, sondern im empathischen Sinne. Haben sie dieses ambitionierte Vorhaben einlösen können?

Bevor der Leser in den Genuss des engagierten Vorwortes kommt, wird ihm zunächst ein Block von Inhaltsverzeichnis serviert; wenig akkurat, dafür alphabetisch geordnet, präsentieren sich die 64 Kapitel; allein diese Liste mag das erste Schmunzeln mit Titeln wie „Abendbrot“, „Kitsch“, „Rabenmutter“ und „Wurst“ entlocken. Es empfiehlt sich ausdrücklich nicht, die Kapitel in alphabetischer Reihenfolge zu lesen; viel eher sollte man sich von der aktuellen Gemütslage und seinen Interessen leiten lassen.

„German Angst“

Selten verleitet die Vertiefung in ein nach wissenschaftlichen Maßstäben verfasstes Sachbuch, so man es denn als ein solches betrachten will, dazu, laut aufzulachen. Süffisant schreibt Thea Dorn über das Thema „Abendbrot“ unter anderem: „Idealerweise entsprechen Form und Größe der Käse-, Schinken- und Wurstscheibe Form und Größe der Roggen-, Roggenmisch- oder Vollkornbrotscheibe. Nur so entsteht die Harmonie, die ein echtes Abendbrot auszeichnet.“ Für das Kapitel „Bierdurst“ verfasst sie ein Gedicht, das in vielen Strophen eine Reise durch die deutsche Bierlandschaft ist, ungezwungen und mit wenig Versmaß. Man merkt der Autorin den Spaß am Schreiben förmlich an. Humor ist aber nur eine Facette ihres Stils; mir prägte sich folgende Äußerung zu einer typisch deutschen Neurose, der „German Angst“, besonders ein: „Der Satz ‚Ich habe Angst’ gilt hierzulande als Argument, und zwar nicht als irgendeines – er besitzt die Wucht einer Letztbegründung.“ Eine starke Formulierung, die präziser nicht sein könnte.

Richard Wagner wählt seinen Zugang zur „Deutschen Seele“ häufig „klassischer“: Er findet einen geeigneten Aufhänger und baut peu à peu auf einer Kette von historischen Fakten, Interpretationen und Zitaten seine Schlussfolgerungen auf. So heißt es in „Wiedergutmachung“, nachdem er für die politischen Strömungen der Nachkriegszeit das Befinden nach und den Umgang mit dem Dritten Reich erklärt, zum Schluss: „Es geht nicht darum, den Antisemitismus immer wieder zu seinen Wurzeln zurückzuführen und mit dem Finger auf Bayreuth zu zeigen, sondern ihn in seinen heutigen Erscheinungsformen zu erfassen. Aus der Vergangenheit lernt man für die Gegenwart, oder man lernt gar nichts.“ Dass er auch anders kann, zeigt sich im Kapitel „Wurst“. Hier nutzt er ein harmloses Thema, um eine urdeutsche Eigenheit, die Unfähigkeit zur inneren Einheit, die Zerrissenheit, zu offenbaren – ohne jegliches Pathos und in kurzen, aneinander gereihten Hauptsätzen – und mit viel Raum zum Nach- und Weiterdenken.

Klischee und Wahrheit

Beide Autoren finden ihre Nischen, ohne sich stilistisch zu versteifen. Dabei hatte ich anfangs den Eindruck, dass die Dorn eine spontanere und Richard Wagner eine historischere Form übt. Das ist nicht der Fall. Beide demonstrieren literarische Vielseitigkeit, beide können mit harten Fakten argumentieren und beide zeigen ebenso, dass sie mit viel Herzblut bei der Sache sind, dass sie es ernst meinen, wenn sie im Vorwort schreiben: „Wir machen uns keine Sorgen, dass Deutschland sich abschafft. Wir sehen nur, dass es sich herunterwirtschaftet. Sein Gedächtnis verliert.“ Die Autoren spielen mit gern zitierten Klischees und vermögen es, diese engagiert mit Leben und Wahrheit zu füllen und schlussendlich zu Eigenschaften, Charakterzügen der Deutschen zu entwickeln. Hier geschieht kein simples, aber leider immer noch weit verbreitetes Draufhauen auf alles Deutsche, aber beileibe auch keine Überhöhung oder Verherrlichung; hier zeigen zwei Autoren sehr feinfühlig, dass man es anders machen kann.

Es herrscht überwiegend ein einfaches Bild von Deutschland in der Welt: Finstere Vergangenheit, mittlerweile eine der solidesten Demokratien der Welt, wirtschaftlicher Global-Player, eher zurückhaltend in der Weltpolitik. Das ist aber nicht einmal die halbe Wahrheit – dieses Buch kann zumindest einen Teil der anderen Hälfte füllen. Deutsch zu sein ist mehr als ein geographischer, politischer oder historischer Fakt. Das größte Verdienst der Deutschen sind ihre kulturellen Errungenschaften, die auch Jahrhunderte später noch begeistern können. Dieses Erbe lohnt sich, bewahrt zu werden.

Kulturnation Deutschland

„Die Deutsche Seele“ unterscheidet sich bisweilen erheblich von Büchern über „Deutschland“ oder „Die Deutschen“, es ist auf seine Art und Weise einzigartig im positiven Sinn. Als Deutscher habe ich ein Buch vor mir, das mir viele Dinge, die ich nicht in Worte zu fassen vermag, erklärt und näher bringt und in vielerlei Hinsicht aus dem Herzen spricht. Für Nicht-Deutsche mag es immer noch eine großartige Möglichkeit sein, den nur oberflächlich bekannten, vielleicht bewunderten, vielleicht gefürchteten Nachbarn, der mehrfach Schrecken über ganz Europa und die Welt gebracht hat, in seinem Innersten zu begreifen. Ich möchte so weit gehen zu sagen, dass dieses Buch Ausdruck einer neuen deutschen Befindlichkeit ist, die Vergangenheit als unverzichtbaren Teil des Selbstverständnisses zu erkennen, Europa als eine Gemeinschaft von Freunden und die eigene Kultur als wertvolle Bereicherung zu betrachten. Kurzum: ein lesenswertes Buch.

 

Zum Buch und den Autoren
Thea Dorn/Richard Wagner: Die Deutsche Seele. Knaus Verlag 2011, 560 Seiten, 26,99 Euro
Thea Dorn, geb. 1970 in Offenbach, Theater- und Krimiautorin, auch erfolgreiche Essayistin, ist als medienpräsente Public Intellectual eines der bekannten Gesichter der deutschen Kulturszene.
Richard Wagner, geb. 1952 im Banat, gehört wie die Nobelpreisträgerin Herta Müller zur Riege der deutsch-rumänischen Schriftsteller und lebt heute in Berlin.


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Stephan Kusch

geb. 1986, Chemiker, VDSt Clausthal.



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