Die Kunst im Kommerz

… oder was dem deutschen Fernsehen heute fehlt.
Betrachtet man Kunst als einen ästhetischen Mehrwert, der den Betrachter zur Reflexion einlädt, dann hätte das Fernsehen in den vergangenen Jahren immer „künstlerischer“ werden müssen. Doch innovative Erzählformen und ausgefeilte ästhetische Konzepte, wie sie das amerikanische Quality-TV schon seit einigen Jahren nutzt, prallen an den Anachronismen des deutschen Rundfunksystems ab. Beinahe jeglicher künstlerische Anspruch wird kaputtgespart.


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Schon immer beflügelten neue Technologien die Künste. Auch die audiovisuellen Medien bilden hier keine Ausnahme. Bestes Beispiel ist die Filmkunst, die technische Fortschritte regelmäßig und – viel wichtiger – auch breitenwirksam in eine neue Ästhetik und frische Denkansätze ummünzt. Warum betrifft das nicht auch das Fernsehen? Immerhin ermöglicht die moderne HDTV-Technik Seherlebnisse, die mittlerweile auch dem Kino das Wasser reichen können. Die immer größeren, schärferen und kontrastreicheren LED-Bildschirme bieten eine enorm gesteigerte Bildauflösung, während der weit verbreitete Dolby-Standard echten Raumklang garantiert. Für die Fernsehmacher ergeben sich so ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten, die sich vor allem für fiktionale Darstellungen eignen. Dass die Fiktion zweifelsohne eine ganz besondere gesellschaftliche Relevanz besitzt, begründet sich vor allem in der Fähigkeit, Geschichten zu verdichten. Durch die erzählerische Distanz zum Geschehen sind Spielfilme und Serien in der Lage, Ereignisse reflektierter darzustellen als Informationssendungen, die dem Zwang der Aktualität unterliegen. Das Fernsehen würde hierdurch also umso mehr zu einem kulturellen Forum, auf dem über die Gesellschaft diskutiert und debattiert wird. Doch statt dieses enorme künstlerische Potential zu nutzen, setzt man auf standardisierte Unterhaltungsformate im Stile von Rosamunde Pilcher. Insbesondere Scripted-Reality-Formate wie BERLIN TAG & NACHT (seit 2011) sind das Produkt der kompromisslosen Sparpolitik. Da sie extrem günstig zu produzieren sind, entsteht auch bei ausbleibenden Quoten kein finanzielles Risiko. Der deutsche Fernsehfilm, der regelmäßig ein um ein Vielfaches größeres Publikum als nationale Kinoproduktionen erreicht, wird hingegen auf unattraktive Sendeplätze mitten in der Nacht abgedrängt.

Das jähe Ende einer Erfolgsgeschichte

Die Geschichte des deutschen Fernsehens zeigt, dass die Einbindung von neuartigen Techniken des fiktionalen Erzählens zeitweise sehr erfolgreich war. Die großangelegte Kooperation mit dem Film durch das erste Film- und Fernsehabkommen (1974) ermöglichte nicht nur aufwendige Kinoproduktionen, die ohne die Investitionen des Fernsehens nicht denkbar gewesen wären, sondern brachte auch dem Fernsehen handfeste Vorteile. So führte der Austausch von Personal und Ideen zu einer komplexen, zeitkritischen Ausrichtung und einer ästhetischen Aufwertung der eigenen Produktionen. Ende der siebziger Jahre hatte sich mit dem kleinen Fernsehspiel ein Laboratorium für neue filmische Erzählformen und audiovisuelle Experimente herausgebildet. Das Ergebnis waren äußerst beeindruckende, künstlerisch und inhaltlich wertvolle Fernsehfilme, Reihen und Serien. Selbst aufwendige Projekte wie Edgar Reitz’ HEIMAT – EINE DEUTSCHE CHRONIK (1984) bekamen eine Chance. In elf Teilen spiegeln sich die weltverändernden Ereignisse des 20. Jahrhunderts in der Geschichte des kleinen Orts Schabbach im Hunsrück. Reitz’ monumentales Werk, auf das zwei umfangreiche Fortsetzungen folgten, besticht nicht nur durch seinen erzählerischen Umfang und seine inhaltlichen Details, sondern auch durch Gernot Rolls kunstvolle Kameraarbeit, die sich gleichermaßen an historischen Fotografien orientiert, wie sie die Vergangenheit zur Gegenwart erhebt. Geschichte wird zur Audiovision, die den Zuschauer aktiv einbezieht. Auch finanziell war HEIMAT ein Erfolg, die Reihe verkaufte sich in mehr als zehn Länder und gelangte sogar in den Kino-Verleih.

Doch die Gründung privater Fernsehsender veränderte die Voraussetzungen der Programmgestaltung ganz grundlegend. Seit Anfang der neunziger Jahre versuchen vor allem RTL und Pro7/Sat1 mit aufwendigen Eigenproduktionen die Ästhetik und Erzählweise von Hollywood-Blockbustern nachzuahmen. Der Fernsehfilm verliert in diesem Modus den zeitkritischen Bezug und die ästhetische Eigenständigkeit. Umso schwerer wiegen die massiven institutionellen und ökonomischen Zwänge, denen die Film- und Serienproduktion mittlerweile bei den öffentlich-rechtlichen Sendern unterworfen ist. Die ohnehin begrenzten Möglichkeiten, am Set noch etwas auszuprobieren, werden durch die beständige Verknappung der Ressourcen und die Reduktion der Drehtage immer weiter beschnitten. Benedict Neuenfels, Kameramann und Grimme-Preis-Gewinner (2012), bemängelt vor allem die rigorose Umsetzung von Senderichtlinien und kommerziellen Auflagen. Bereits die Längenvorgaben der Programmschienen lassen wenig Raum für innovative Erzählformen. Das erkennen auch etablierte TV-Regisseure wie Dominik Graf, der die Quotenhörigkeit und die restriktive Finanzpolitik öffentlich kritisiert; sein Kollege Friedemann Fromm spricht gar von einer Politik der Ausbeutung. Nur ganz wenige Filmschaffende können sich diesen Zwängen widersetzen. Dabei wären gerade jetzt Kreativität und Mut zum Neubeginn gefragt.

Starke Konkurrenz aus dem Ausland

Das deutsche Fernsehen droht durch den anhaltenden ökonomischen Optimierungswahn den Anschluss zu verlieren. Zwar muss fairerweise angemerkt werden, dass die Budgets der Privaten tatsächlich durch den angeschlagenen Werbemarkt unter Druck geraten. Die Reform der GEZ-Gebühren sichert aber zumindest den Öffentlich-Rechtlichen eine solide finanzielle Grundlage, die genutzt werden sollte. Denn der Markt entwickelt sich mehr und mehr am deutschen Fernsehen vorbei. Amerikanische und neuerdings auch britische Quality-TV-Serien verkaufen sich hervorragend auf DVD oder werden aus dem Internet heruntergeladen. Lediglich RTL2 und Sat1 bewiesen mit der Ausstrahlung der Erfolgsserien GAME OF THRONES (seit 2011), SONS OF ANARCHY (seit 2008) und HOMELAND (seit 2011), dass sie trotz hoher Sendegebühren die Zeichen der Zeit erkannt haben. Die Bildung von engagierten Fan-Gemeinschaften zeigt, dass das Publikum sicher auch Interesse an innovativen deutschen Produktionen hätte. Die britische Serie SHERLOCK (seit 2010), eine Projektion der berühmten Detektivromane um Sherlock Holmes ins 21. Jahrhundert, demonstriert geradezu exemplarisch, wie erzählerische Raffinesse mit visueller Kunstfertigkeit Hand in Hand gehen kann. Die mediale Durchdringung unserer Alltagswelt – SMS-Nachrichten, Blogeinträge und Emails – wird einfach ins Bild eingeblendet, statt extra ein langweiliges Display oder einen Bildschirm zu zeigen. Die dynamische Kameraführung, die zügige Montage und der souverän darauf abgestimmte Ton ermöglichen ein mehrschichtiges Wahrnehmungserlebnis. Die Gedanken des Kombinationsgenies Sherlock Holmes werden direkt in die audiovisuelle Darstellung integriert. Indem uns die formale Gestaltung rasant von einem Hinweis zum anderen führt, macht sie uns glauben, wir würden den Fall selbst lösen.

Andere Medien auf der Überholspur

Obwohl auch das Kino (wieder einmal) in der Krise ist und sich mit zahllosen Comicverfilmungen, Franchises und Fortsetzungen im Blockbuster-Spektakel zu verlieren droht, wird es zur immer gefährlicheren Konkurrenz für das Fernsehen. Formate wie der Dokumentarfilm, filmische Essays oder überlange Erzählexperimente sind in den wieder wachsenden Arthouse-Sektor zurückgekehrt. DIE ANDERE HEIMAT (2013), Edgar Reitz’ vierstündiges Prequel zu seiner monumentalen TV-Reihe, ist nun ein Kinofilm. Die vielgescholtene Digitalisierung, die auch vor der Technik im Kinosaal keinen Halt macht, ließ die Kosten für die Produktion und den Verleih eines Films rapide sinken. Für junge Regisseure, die etwas Neues wagen wollen, ist das die große Chance – während dieselben Talente vom deutschen Fernsehen verschmäht werden.

Der neueste und zugleich gefährlichste Konkurrent ist hingegen das Internet. Längst sind die großen Streamingdienste auch zu Produzenten geworden. Das deutsche Fernsehen kann von Glück sagen, dass der weltweit größte Anbieter, Netflix, bisher kein Interesse am europäischen Markt hat. Schließlich revolutionierte der Newcomer mit niemand Geringerem als Kevin Spacey und einem Budget von 100 Millionen Dollar mal eben so die Politserie. HOUSE OF CARDS (seit 2013) zeigt in bisher dreizehn Folgen kluge, ironische und zum Teil auch zynische Einblicke in den von Intrigen, persönlichem Machtstreben und politischen Winkelzügen geprägten Alltag des amerikanischen Kongressabgeordneten Francis J. Underwood. Zeitrafferaufnahmen und ausgedehnte Kamerafahrten lassen schon im Vorspann das Machtzentrum Washington D.C. als lebendigen, niemals schlafenden Organismus erscheinen. Der eigentliche Kunstgriff liegt jedoch in der doppelbödigen Inszenierung der Serie: Underwood blickt immer wieder direkt in die Kamera und lässt den Zuschauer an seinen Gedanken teilhaben, nur um ihn dann mit der Verwirklichung eines ganz anderen Plans zu verblüffen.
Auch in der von Edgar Reitz geprägten deutschen Vorzeigedisziplin, dem filmischen Erzählen von Geschichte, sind nun andere Nationen tonangebend. Die kanadisch-irische Serie VIKINGS, die die Abenteuer des legendären Wikingers Ragnar Lodbrok thematisiert, lebt von ihrer mutigen, stilisierenden Ästhetik und der souveränen Darstellung einer völlig fremdartigen Weltsicht . Ohne viel zu erklären, werden die archaischen Moralvorstellungen der heidnischen Krieger in die Erzähllogik übernommen. Dass der Zuschauer ernst genommen wird, zeigt auch die mit Auslassungen und Zeitsprüngen arbeitende Dramaturgie, die noch nicht einmal vor einem offenen Ende zurückschreckt. Trotz des international großen Erfolgs hat sich bisher kein deutscher Fernsehsender der Serie angenommen, stattdessen profitiert der Online-Streamingdienst Lovefilm von der beständig wachsenden Fangemeinde.

Ein Appell an das deutsche Fernsehen

Nur mit Mut zum Risiko, mit Mut zur Investition und zum künstlerischen Erzählen kann das deutsche Fernsehen auf lange Sicht bestehen. Die internationalen Beispiele zeigen, dass selbstproduzierte, innovative TV-Serien und Filme einen Mehrwert bieten, der sich nicht nur in einer ansprechenden oder experimentellen Ästhetik, sondern auch in der Möglichkeit zum Mitdenken, zur kritischen Reflexion, äußert. Sollte das auch weiterhin nicht berücksichtigt werden, wird das deutsche Fernsehen über kurz oder lang seinen Status als das hierzulande wichtigste „mediale Lagerfeuer“ verlieren. Onlinedienste wie Netflix stehen bereits in den Startlöchern, während eine neue Zuschauergeneration umworben werden möchte, die mit den Angeboten und Möglichkeiten der digitalen Medien bereits aufgewachsen ist. Interaktive Schnellschüsse oder billig produzierter Ramsch in YouTube-Ästhetik kann jedoch per se nicht diejenigen überzeugen, die als Digital Natives ernst genommen werden wollen. Das Fernsehen sollte sich wie der Film auf seine Stärken besinnen. Immerhin gibt es erste Lichtblicke: Der deutsche TV-Mehrteiler UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER (2013), der differenziert, multiperspektivisch und qualitativ hochwertig die Geschichte einer Handvoll junger Leute im Zweiten Weltkrieg erzählt, lässt zumindest hoffen.


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Rasmus Greiner

geb. 1983, Dr. phil., Medienwissenschaftler, VDSt Marburg.



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