Die Machtstellung der Junkerklasse

Dass Bismarcks Preußen eine Klassengesellschaft und Bismarck selbst ganz wesentlich ein Klassenpolitiker war, ist uns gedanklich fern, da wir nicht mehr in Klassenkategorien denken. Marxistische Geschichtsschreibung kann hier helfen. Zu Bismarcks 200. Geburtstag wurde nun die große Biographie des DDR-Historikers Ernst Engelberg in einer neuen Leseausgabe aufgelegt. Hartwig Thieme rezensiert.


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1985 erschien zeitgleich in Ost und West der erste Band einer großen Bismarck-Biografie des Leipziger Historikers Ernst Engelberg – eine Sensation. Das gewaltige Werk wurde allgemein als eine ganz hervorragende wissenschaftliche Leistung gewürdigt, die, auf gründlichem Quellenstudium beruhend, Bismarcks Persönlichkeit in ihren persönlichen Bezügen und gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen tief durchdrang. Jetzt hat der Sohn die beiden Bände (1985/1990; 1600 Seiten) zu einer einbändigen Leseausgabe ohne Anmerkungen, Quellen- und Literaturangaben zusammengefasst. Die Lektüre ist überaus reizvoll, zumal Engelberg neben die quellengesättigte umfassende Darstellung von Person, Leben und Politik eine durchgängige marxistische Analyse stellt.

Bismarck in seiner Epoche

Die Lektüre zeigt, was eine nicht ideologisch verzerrte marxistische Geschichtsschreibung zu leisten vermag. Bismarcks Handeln wird konsequent aus seiner Zugehörigkeit zur „Junkerklasse“ erklärt. Zeitlebens habe ihn die Furcht vor der Revolution bestimmt. Er wollte im Einvernehmen mit dem Großbürgertum die Herrschaft der Junkerklasse sichern. Und da er als deren Garant die preußische Monarchie ansah, wollte er diese stärken.

Engelberg schildert uns Bismarck in seiner Epoche. Dieser habe ein Gespür für den, nach marxistischem Verständnis, unaufhaltsamen historischen Fortschritt gehabt; das habe in seiner Zeit den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus bedeutet. Deswegen stellte er sich, obwohl konservativ, als Realist diesem zwangsläufigen Prozess nicht entgegen, sondern versuchte, und das mit großem Erfolg, in ihn einzugreifen und ihn zu gestalten. Bismarck erkannte, so Engelberg, dass die Verhältnisse in Deutschland in der Mitte des 19. Jahrhunderts einer revolutionären Umwälzung durch die nationalen und liberalen Kräfte entgegengingen. Um eine Revolution von unten zu verhindern und um auf diese Weise die Machtstellung der preußischen Junkerklasse zu sichern, ergriff er die Initiative zu einer Revolution von oben. 1864–1871 zerstörte er die Friedensordnung des Wiener Kongresses; er schob sämtliche Werte des Legitimismus beiseite, entthronte einige deutsche Fürsten und führte die anderen unter Ausschluss der Habsburger in einen Staatsverband unter preußischer Hegemonie. So wurde mit dem Deutschen Reich als Nationalstaat die Vollendung der Revolution von 1848/49 geschaffen. Bismarck gab dem auch dadurch Ausdruck, dass für den Reichstag das allgemeine gleiche Wahlrecht eingeführt wurde. Dadurch sei er dem Liberalismus weit entgegengekommen. Das bereitete ihm große Schwierigkeiten, als er sich Ende der 1870er Jahre von den Liberalen ab- und den Konservativen zuwandte. Im Reichstag entstand ihm zeitweilig eine starke Opposition.

Klassengegensätze

Er hatte bei der Reichsgründung auch die ökonomischen Interessen des aufstrebenden Bürgertums im Blick und entsprach dessen Erwartungen. Weniger oder gar nicht habe Bismarck zeitlebens die Interessen des „Volkes“ beachtet. Diesen Begriff benutzt Engelberg in merkwürdiger Unschärfe für alles, was weder Adel noch in seiner Begrifflichkeit Groß- und Kleinbürgertum ist. Engelberg bezieht in seine Darstellung die Entwicklung der Arbeiterbewegung in diesen Jahrzehnten ein, wobei er ihr große Bedeutung beimisst, denn sie sei eigentlich die gesellschaftliche Kraft gewesen, die Bismarck entgegenstand. Engelberg fügt immer wieder zeitgenössische Kommentare zu Bismarcks politischem Handeln ein, allerdings ausschließlich von Marx und Engels. Für den unbefangenen Leser muss dadurch der Eindruck entstehen, sie seien die bedeutendsten öffentlichen Kommentatoren jener Zeit gewesen.

In die allgemeine Darstellung bettet Engelberg gut den Aufstieg der Sozialdemokratie und die damit aufkommende Gefahr einer Revolution von unten. Diese habe Bismarck dann zu den Unterdrückungsmaßnahmen der Sozialistengesetze ab 1878 veranlasst, die er flankiert habe durch den Beginn der Sozialgesetzgebung (Kaiserliche Botschaft von 1881), um der Not der Arbeiter zu begegnen und dadurch der Sozialdemokratie das Wasser abzugraben. Eigentlich habe Bismarck keinerlei Verständnis für diese Menschen gehabt.

Alpträume

Nach 1871 war Bismarck auf die Sicherung des Reiches nach innen und außen bedacht. Nach innen bedeutete das für ihn eben die Abwehr einer revolutionären Gefahr. Auch deswegen bemühte er sich um einen Ausgleich zwischen agrarischen und industriellen Interessen, um dem Reich innere Festigkeit zu geben und zwischen dem bürgerlichem Wirtschaftsstreben und der Adelsherrschaft zu vermitteln. Auch beim Ausbau des Reiches zu einem modernen Industriestaat sollte diese nicht in Frage gestellt werden.

Die Aktivitäten zur Sicherung des Reiches nach außen waren bestimmt von Bismarcks Furcht vor einem Bündnis zwischen Russland und Frankreich. Engelberg macht in einer minutiösen Darlegung der diplomatischen Vorgänge nach 1871 deutlich, wie Bismarck ängstlich darauf bedacht war, das fragile politische Gleichgewicht der europäischen Mächte zu erhalten, um die Sicherheit des Reiches nicht zu gefährden. Diese Politik wurde bekanntlich von seinen Nachfolgern nicht fortgeführt, was ganz wesentlich zur Katastrophe von 1914 beitrug. Bismarck hatte sich allen Versuchen widersetzt, Deutschland zu sehr an die Interessen Österreich-Ungarns zu binden. Er ahnte die verhängnisvolle Konstellation von 1914 voraus.

Prägungen

Engelberg geht es aber nicht in erster Linie darum, die politische und gesellschaftliche Entwicklung darzustellen, sondern dem Leser ein Bild des Menschen Bismarck zu vermitteln. Er greift weit über die politische Persönlichkeit hinaus. Der Autor erzählt in seinem farbigen und anschaulichen Stil von Bismarcks Kindheit, Jugend und Leben vor dem endgültigen Eintritt in die große Politik – der Berufung zum preußischen Ministerpräsidenten am 11. 9. 1862 in einer inneren Krise des Staates. Damals war Bismarck 47 Jahre alt. Deutlich wird, wie sich sein Charakter und seine Überzeugungen entwickelten. Wie im gesamten Buch streut Engelberg auch hier ausdrucksvolle Schilderungen der Menschen ein, mit denen Bismarck, sei es privat, sei es politisch in nähere Beziehung trat. Ein ganzes Kapitel ist „Grundzügen in Bismarcks Denken und Handeln“ gewidmet, die sich in diesen Jahren herausbildeten.

Engelberg schildert ausführlich Bismarcks Beziehung zu dessen Ehefrau Johanna, geb. v. Puttkamer, die für Bismarck zeitlebens wohl die wichtigste Bezugsperson war. Deswegen geht der Autor im gesamten Buch immer wieder darauf ein. Sie entstammte pietistischen pommerschen Landadelskreisen: dort bekam Bismarck einen inneren Zugang zum Christentum. Engelberg allerdings hat kein Verständnis für Bismarcks christlichen Glauben. Er versucht, ihn rationalistisch zu erklären, ja sogar als taktisches Mittel bei der Brautwerbung zu verstehen. Bismarck las seit seiner Bekehrung in Pommern zeitlebens die täglichen biblischen Losungen der Brüdergemeine, oft notierte er sich Gedanken dazu. Da diese Hefte erhalten geblieben sind, sehen wir, dass diese Randnotizen in Zeiten politischer Krisen besonders häufig sind.

Bismarck war in seinen jungen Jahren von Persönlichkeiten und Überzeugungen des Hochkonservativismus geprägt. Sein Royalismus ging soweit, dass er im Revolutionsjahr 1848 mit seinen Bauern von Familiengut Schönhausen in der Altmark nach Berlin ziehen wollte, um dem König beizustehen. Erst allmählich löste er sich von den hochkonservativen Ansichten und gewann ein realistisches Verständnis der gesellschaftlichen Kräfte seiner Zeit. Das dadurch spannungsreiche Verhältnis zu Wilhelm I. thematisiert Engelberg immer wieder. Bismarck nahm schließlich eine solche Machtstellung als „Majordomus“ ein, wie Engelberg formuliert, dass der Monarch einmal stöhnte: „Es ist schwer, unter Bismarck König zu sein.“

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Reich entwickelte Persönlichkeit

Engelberg fasst seine Sicht von Bismarcks politischem Handeln selbst am besten zusammen: „Bismarck vollstreckte 1864–1871 durch seine Revolution von oben nicht allein das nationalstaatliche Testament der deutschen Revolution von 1848/49, sondern bewegte sich auch im Strom der allgemeinen Geschichte seiner Zeit. Man zog damals die politischen Konsequenzen aus der industriellen Revolution … Nach 1871 betrieb Bismarck eine Politik des europäischen Gleichgewichts, beruhend auf der territorialen Saturiertheit des neugegründeten Reiches … Er warnte vor einer ‚Weltpolitik’. Auf der Negativseite im historischen Wirken Bismarcks blieben seine Feindschaft gegenüber allen demokratischen Kräften, insbesondere in der Arbeiterbewegung, und sein eingefleischter Royalismus, der ihn am Ende lähmte gegenüber Willhelm II. … Das bedeutendste politische Erbe Bismarcks, Umsicht im europäischen Kräftespiel walten zu lassen, wurde schlechterdings vertan. Diese Tragik einer reich entwickelten Persönlichkeit wurde zur Tragik der deutschen Nation.“ (S. 848)

 

Das Buch

Ernst Engelberg: Bismarck. Sturm über Europa. Herausgegeben und bearbeitet von Achim Engelberg. München 2014, Siedler, 864 S.,€ 39,99


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Hartwig Thieme

geb. 1931, promovierter Historiker, VDSt Straßburg-Hamburg-Rostock.



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