Die Vermessung des Glaubens

Der Autor, Ulrich Schnabel, geb. 1962, studierte Physik und Publizistik, ist Wissenschaftsredakteur der ZEIT. Das Buch ist das Ergebnis jahrelanger Auseinandersetzung mit dem Thema Glaube, Meditation und moderne Bewusstseinsforschung. Wie entsteht Glaube, und warum kann er Berge versetzen?


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Das Buch beinhaltet eine außerordentliche Fülle von Berichten von Wissenschaftlern und deren Forschungsergebnissen sowie von Erlebnissen von Einzelpersonen. Dennoch ist es sehr gut lesbar, teilweise geradezu spannend.

Schnabel berichtet über wundersame Genesungen aufgrund des Glaubens und über die Heilkraft der Erwartung. Das Kapitel „Die Medizin des Glaubens“ endet mit 10 Gretchenfragen zu „Und was glauben Sie?“

Dann werden die Gegensätze von Nächstenliebe und Fanatismus dargestellt, von Mutter Teresa über die Inquisition bis Bin Laden. Es wird begründet, warum religiös motivierte Terroristen brutaler und skrupelloser ihre Ziele verfolgen als weltliche Attentäter.

Ein psychologisches Experiment: Es wird mit 40 Theologiestundenten das Bibel-Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lucas 10, 29–37) besprochen. Danach müssen die Probanden möglichst schnell in ein anderes Gebäude. Da bemerken sie in einem Hauseingang einen zusammengesunkenen Mann, der jämmerlich hustet und stöhnt. Alle angehenden Theologen sind nur am schnellen Gang zum nächsten Gebäude interessiert, niemand kümmert sich um den kranken Mann.

In dem Buch gibt es weitgehende Erläuterungen, wie unser Gehirn arbeitet, wie Glücksgefühle entstehen oder wie das religiöse Denken sich entwickelt hat. Es wird auch die Arbeit der Schamanen dargestellt, wie sich Sektenverhalten auswirkt, was Rituale bedeuten.

Auch die Kontroverse „Darwin gegen Gott“ wird besprochen. Warum stirbt Religion nicht aus, z.B. in der Nazi-Zeit oder in der UDSSR? Religion ist wie ein Nagel: Je härter man draufschlägt, umso tiefer dringt er ein.

Eine bedeutende Darstellung gibt es zu Bewusstseins-Erweiterungen mithilfe von Meskalin, LSD und anderen Psychedelika; wie reagiert der Mensch, was erlebt er, wie wird es verarbeitet? Was geschieht mit außerkörperlichen Erfahrungen (out-of-body)? Wie könnte das Gehirn mit diesen Mitteln manipuliert werden?

Es wird über die unchristliche Totenfeier für Max Frisch in einer Kirche berichtet, über die Gespräche des glaubenskritischen Jürgen Habermas mit Papst Benedikt XVI. sowie über das Verhältnis von fides und ratio, von Glauben und Wissen, aber auch kurz über Hape Kerkelings Glaubenserkenntnisse anlässlich seiner Wanderung auf dem Jakobsweg.

Was ist „Seele“, ist sie messbar? Ist sie der „Atem des Lebens“? Ist sie die „Kontaktstelle zum Göttlichen“? Und im Resümee die Aussage: „Die Stärke der Religion besteht darin, dass sie sich eben nicht in einem Satz zusammenfassen lässt.“ Zum Schluss werden die Aussagen von Christian Hoppe zitiert:

Viele denken: Gott ist so abstrakt, dass man nicht darüber sprechen kann. Aber dem steht gegenüber: Gott ist so konkret, dass man nicht darüber sprechen kann. Ihm wird klar, dass der Satz aus dem Lukas-Evangelium „Das Reich Gottes ist mitten unter Euch“ evident einfach ist, das unmittelbar Nahe, der lebende Augenblick, das ist Gott. Das ist der Moment, in dem Zeit sich ereignet, in dem Leben stattfindet.

 

Die Vermessung des Glaubens, von Ulrich Schnabel, Karl Blessing Verlag, ISBN 978-3-89667-364-0 (Preis geb. 24,95 €, kart. 14,95 €)


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Dietmar Baumeister

geb. 1939, Dr. rer. pol., Finanz- und Steuerexperte, VDSt Köln.



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