Ich will nicht vergessen

Wende ohne Wandel? Zwanzig Jahre Wiedervereinigung – doch wie weit sind die Deutschen mit der inneren Einigung und der Verarbeitung der DDR-Vergangenheit wirklich? Rüdiger Rosowski, Jahrgang 1959, der in Berlin aufwuchs und in Westdeutschland studierte, wirft einen sehr persönlichen Blick zurück auf die Zeit der Teilung und der Wende.


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Herbst 1990

Gut gelaunt, freigestellt vom Arbeitgeber und im Auftrag der Bundesregierung fahre ich nach Thüringen. Der Auftrag lautet in etwa: Weiterbildung der staatlichen Verwaltung  über die Angleichung veterinärrechtlicher Vorschriften.

Leicht euphorisch als kleines Rädchen am Aufbau Ost mitwirken zu können, geht die Reise über Sömmerda, Kölleda nach „Wann-sind-wir-denn-endlich-da“ – die Älteren Leser wissen genau, was ich meine.

Schloss Beichlingen: vormals Veterinäringenieursschule, damals Akademie am nordöstlichen Rand der thüringischen Ebene grüßt es in erstaunlich gutem baulichen Zustand den Ankommenden. Direkt vis-a-vis stört ein quadratisch einstöckiger überdimensionierter Plattenbau, der sich später als Mensa entpuppen sollte, das idyllische Gesamtbild.

Am Ende der Tagung: gemeinsamer Abschiedsabend. Zwei Kollegen bitten einen vor die Tür, stellen sich als Vertreter eines Bürgerkomitees vor und berichten, dass sie größere Mengen beschlagnahmter Waffen des MfS unter Verschluss hielten und nun nicht wüssten, wie es weitergehen solle. Dem wohlmeinenden Rat, man solle diese den zuständigen Polizeibehörden anvertrauen, wurde lapidar mit den Worten „Dann können wir sie auch gleich selbst verkaufen“ für die damalige Zeit wohl zutreffend begegnet. Auf die Gegenfrage, warum denn die gesamte Mensa vollständig unterkellert sei, wurde kurz und knapp mit „war wohl als zentrales Internierungslager der Stasi gedacht“ geantwortet.

Die Euphorie war verschwunden. Hatte man zu vieles verdrängt? Manches gar vergessen?

Ich kann nicht vergessen.

1965 – Berlin

Meine ersten klaren Eindrücke erfuhr ich im Alter von 6 Jahren. Sozusagen zur Einübung einer ersten Urlaubsreise mit dem Auto bereiteten mich meine Eltern auf die zu erwartenden Ereignisse vor. Es ging in die U-Bahn, Linie U7. „Nüscht besonderes nich.“ Doch plötzlich, der Zug fuhr im gemäßigten Schritttempo, ein wenig, bläulich-diffus beleuchteter Bahnhof. Da, wo sonst Treppen waren, Bunker mit Schießscharten. Davor Sandsackbarierren mit aufgelegten MGs. Menschenleer – bis auf zwei, drei patroulliegehende Grenzer. Im ganzen Zug war es entgegen berlinerischer Art mucksmäuschen still. Dieser Vorgang wiederholte sich Bahnhof für Bahnhof, mit einer Ausnahme: zwischendrin hielt der Zug an einem beleuchteten Bahnhof mit altertümlichen Beschriftungen, wenige Passagiere, die ein- und ausstiegen und einem eigentümlichen – wie man später lernte – phenolischem Geruch – Berlin-Friedrichstraße. Das war also der Osten, wie man mir schließlich auf Westberliner Gebiet, wo die Stimmung schlagartig lebhafter wurde, erläuterte.

Das erste Auto, ein VW-Käfer, war gekauft, die erste familiäre  Urlaubsreise konnte beginnen. Nächtens auf der AVUS letzte Anweisungen des Vaters. Man möge sich möglichst ruhig verhalten, allerhöchstens mit ja oder nein antworten, und wenn mir die Grenzer etwas wegnähmen, sollte ich ruhig bleiben, man würde es mir später ersetzten. Meinen Teddybär knautschte ich in die letzte Ecke des VWs – nur den nicht!

Grenzübergangsstelle Drewitz – gleißendes Licht, grauuniformierte Grenzer, die einen mit komischem Idiom befehlsartige Anweisungen gaben. Spiegel auf Rollen wurden unter das Auto geschoben, im Tank herumgestochert, die Rückbank aus einem zweitürigen VW herausgezogen. Was machten die da? Was suchten die nur? Mehrere Stunden ruhige, fast flüsternde Gespräche, eine Autobahn, auf der man mit immer dem gleichen Tak-Tak-Tak fuhr, und schließlich noch einmal die gleiche Prozedur.

Der Teddy verschwand, die Autos wurden größer, die Reisen häufiger, nur eines blieb: die ewig gleichen Prozeduren auf dem Transitweg nach Westdeutschland. Und ich glaube, noch heute werde ich instinktiv leiser, wenn ich im Vorbeifahren die Gedenkstätte Marienborn passiere.

1975 – Berlin

Der beschriebenen Sensibilisierung folgte die politische Einordnung, auch Meinungsbildung genannt. Beispielhaft hierfür nenne ich die Lektüre von Wolfgang Leonhardt „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, in der er autobiographisch die Exiljahre seiner Mutter in Moskau inklusive Haft und seine eigene kommunistische Eliteerziehung schildert. Diese Erziehung in einer Komintern-Schule lässt ihn zu einem der zehn Mitarbeiter der Gruppe Ulbricht werden, die schließlich maßgeblich die stalinistische Umbildung der SBZ in die DDR ausführt. Seit 1950, nach seiner Flucht über Jugoslawien, arbeitet er in Westdeutschland als Publizist und auf Grund seiner intimen Kenntnisse als sogenannter Kreml-Astrologe.

Neben der erschütternden Beschreibung des Innenlebens einer Diktatur berichtet er ausführlich über die Methoden zur Beeinflussung und Übernahme der Bildungssysteme noch nicht kommunistischer Länder, was das Buch nochmals besonders interessant macht.

Schließlich erscheinen 1976 im Westen – schon der Titel ist ironisch zu verstehen – Reiner Kunzes „Die wunderbaren Jahre“, eine ätzende Kritik der intellektuellen Lebensumstände in der DDR.

Man konnte also wissen, was einem gegebenenfalls in der selbständigen politischen Einheit Westberlins bevorstand, zumal wenn man regelmäßig die DDR-Medien verfolgte. Beispielhaft genannt sei der „Schwarze Kanal“ im Fernsehen, in dem Eduard von Schnitzler regelmäßig Hasstiraden gegen diejenigen verlas, die aus Sicht des Politbüros dem einmal eingeschlagen Weg der friedliebenden DDR widerstanden.

Konstruktiver war da schon das Jugendradio DT64, welches direkte Handlungsanweisungen für alle wohlwollenden Menschen erteilte, welche dann auch prompt Tage später in Flugblattform durch Mitschüler der SDAJ verteilt wurden.

Nützliche Idioten hatten wir genug …, hätte Wilhelm von Humboldt gesagt.

Emanzipiert wie man war und dank tätiger Mithilfe der ZVS verließ ich nunmehr die Stadt, deren Westteil einen zunehmenden Verlust der bürgerlichen Mitte aufwies, deren verbliebene Bürger mit Subventionen und Steuervergünstigungen – auch Zitterprämie genannt – zum Verbleiben animiert werden sollten, und die sich, zumindest zeitweilig, zur drittgrößten türkischen Metropole entwickelte. Und die nicht zuletzt, in Folge ihres entmilitarisierten Status, ein Sonderbiotop für Wehrdienstverweigerer, alternativ orientierte, bunte Vögel sowie Querulanten und politische Phantasten aller Couleur, die sich dem bundesdeutschen Alltag nicht unterordnen konnten oder wollten wurde.

Eine Stadt also, deren Ostteil trotz Vier-Mächte-Status die Hauptstadt der DDR wurde, in der trotz Entmilitarisierung regelmäßig Truppenparaden der NVA durchgeführt wurden und deren Wachregiment den Ehrentitel „Feliks Dzierzyński“ trug – man schlage einmal nach, wer das war!

Ich will nicht vergessen.

Herbst 1977 – Hannover

Ich studiere an einer kleinen, überschaubaren, fast idyllischen Hochschule – der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Nette Kommilitonen und die unausweichliche Frage „Woher kommst du eigentlich – West oder Ost?“ Ich versuche es mit der Gegenfrage nach der Wahrscheinlichkeit. Und siehe da, es klappt doch.
Monate später, des ewigen Fragens überdrüssig, fällt mir der Trick mit dem Personalausweis ein. Die bundesdeutsche Variante: Bundesadler und Personalausweis Bundesrepublik Deutschland auf grauem Einband – meine Variante: ohne Staatssymbol und behelfsmäßiger Personalausweis auf grünem Einband. Verwunderung macht sich breit, die noch dadurch gesteigert wird, wenn man beide Pässe aufschlägt. Der Inhaber des Ausweises mit Adler ist „Deutscher“, der ohne Adler „Deutscher Staatsangehöriger“.

Welchem Staat gehöre ich denn nun an? Die Nachfrage bei einem Völkerrechtler bringt einen auch nicht weiter. In Abhängigkeit von der juristischen Auslegung scheint die Staatsangehörigkeit Preußens, die Staatsangehörigkeit des Deutschen Reiches sowie der Selbständigen Politischen Einheit Westberlins denkbar. Irgendwie ist man verwaltungstechnisch der Bundesrepublik assoziiert, ggf. auch Bürger des United Kingdom – weil man in dessen Sektor wohnhaft ist.

1978 – Hannover

Hochschulwahlen stehen an. Man könnte ja mal kandidieren. Doch die Suche nach einer geeigneten Gruppierung gestaltet sich schwierig. Schließlich finden sich ca. 12 interessierte Mitstreiter unter dem visionärem Namen „Demokraten 80“ zusammen gegen den MSB Spartacus.

Wie nicht anders zu erwarten, verschwinden die mit Passfoto versehenen und biographischen Daten ergänzten genehmigten Wahlaushänge der Gruppe schon nach kürzester Zeit. Eine entsprechende Intervention beim Rektorat ergibt zunächst nicht viel.

Die Wahlen – bei desaströser Wahlbeteiligung – enden mit einer knappen Mehrheit für das bürgerliche Lager. Auf der konstituierenden Sitzung des Studentenparlaments kommt es folglich auf jede Stimme an. Die Spartacisten, demokratisch legitimierter Wahlvorgänge wohl nicht vollends mächtig, versuchen nachträglich ihre falsche Stimmabgabe zu korrigieren. So etwas nennt man versuchten Wahlbetrug und so nannten wir es auch.

Die Quittung erfolgt wenige Tage später. Gerichtsvorladung der Vertreter der „Demokraten 80“ vor das Oberlandesgericht Hannover wegen Verleumdung des MSB Spartacus. Oberlandesgericht – dies bedeutet einen Streitwert im fünfstelligen DM-Bereich. Die Spartacisten haben leichtes Spiel, werden sie doch von Anwälten der DDR finanzierten „Roten Hilfe“ vertreten. Das war’s!! Nicht ganz. Die entscheidenden Tipps erfolgen von der Hochschule. Wenn ich näheres über die Hintergründe erfahren wolle, soll ich mich in der Polizeidirektion Hannover melden. Dort angekommen, erklärt mir ein freundlicher, namenloser Herr, dass die entwendeten Wahlaushänge selbstverständlich von den MSB-Genossen zu einer Kaderschulung nach Magdeburg mitgenommen und dort ausgewertet worden waren und darüber hinaus seitens des MfS Internierungslisten bestünden, auf denen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nun auch mein Name befände.

Mit dieser Erinnerung konfrontiert, fragte ich mich, ob ich das Eingangs erwähnte Schloss Beichlingen unter anderen politischen Bedingungen wohl auch kennengelernt hätte. Allerdings aus gänzlich anderer Perspektive und dann in einer wahrlich fatalen Situation.

Welches Bild der Westdeutschen, speziell der angehenden Akademiker, kann man aus den obigen Schilderungen ableiten? In der Mehrzahl hatten sie sich in dem erworbenen bzw. zu erwerbendem Wohlstand mehr oder weniger bequem eingerichtet, waren über Ost-West- bzw. deutschlandpolitische Fragen meist wenig informiert, häufig desinteressiert und zu damit zusammenhängenden politischen Fragestellungen Stellung zu nehmen nur punktuell motiviert. Und dann zumeist im Auftrag der falschen Herren. Ich erinnere nur an die Friedensbewegung und den Nato-Doppelbeschluss.

Beispielhaft hierfür möchte ich die Veröffentlichung einer Rockballade aus dem Jahre 1984 anführen. Veröffentlicht und gespielt von der – nicht nur damals – bekanntesten Rockband der DDR, den Puhdys. Da sang also diese Band – von der Zensur in der DDR erlaubt, aber zunächst mit Sendeverbot im DDR-Radio und Fernsehen belegt – wie schizophren – „Denke ich an Deutschland“ und berichtet über damit verbundene positive und negative Assoziationen. Sie singen: „Hier bin ich geboren, das ist mein Land“ und erzählen von Menschen „drüben und hier“, die gemeinsam nicht vergessen sollten, was ist und war.

Hier geschieht etwas, denke ich mir, aller Diskussionen würdig und reiche den Gesamttext bei der Redaktion der „Akademischen Blätter“ ein, die diesen auch vollständig mit dem lapidarem Hinweis, dass in der DDR ein Liedchen in Anlehnung an ein Heinrich-Heine-Zitat erschienen sei, veröffentlicht.

Kein Gespür für die Situation, kein Nachdenken, keine Diskussion.

Ich werde nicht vergessen.

Was war zwischenzeitlich in der DDR geschehen? Trotz Milliardenkrediten, ausgerechnet von Franz Joseph Strauß lanciert, trotz lukrativen Menschenhandels – blasphemisch Häftlingsfreikauf genannt – und neuer Märkte im Westen wurde die ökonomische Situation der zehntgrößten Volkswirtschaft der Welt – wie ging es eigentlich den übrigen 179 Staaten der Erde, fragt man sich – immer krisenhafter.

Die Sowjetunion musste das technologische Wettrüsten gegen Reagans SDI aufgeben, gleichzeitig brachen die ideologischen Fundamente, womit auch das realsozialistische Korsett des „kleinen Bruders“ in Wanken geriet.

Zunehmend bildeten sich Menschenrechts- und Umweltforen, die nicht mehr fernlenkbar sich der Situation vor Ort bewusst waren und zum Beispiel die katastrophale Umweltsituation, ausgelöst durch die auf Totalverschleiß gefahrene Großindustrie, kritisierten.

Maßgeblich unterstützt wurde diese Entwicklung durch den KSZE-Prozess, Korb-4, der eine ungehinderte Berichterstattung gewährleisten sollte und zunehmend auch konnte.

Dies nutzten die westlichen Medien reichlich, die teils schönfärberisch, aber auch kritisch und vor allem kontinuierlich über die Vorgänge in der DDR berichteten, so dass man mit Ausnahme einiger Teile Sachsens von einer gewissen, nicht mehr regulierbaren Informationsfreiheit ausgehen konnte.

Schließlich und endlich kam auch die vornehmlich Evangelische Kirche ins Spiel. Zunächst wohl mehr im Sinne einer gesellschaftlichen Nische aufgesucht, dann unter Nutzung ihrer geringen, aber vorhandenen technischen Möglichkeiten – Druckpressen, Telefone – beliebt, konnte sie schließlich einen Teil der im Atheismus aufgewachsenen Protestler Gegenwerte vermitteln, die sich schließlich in einer massenhaften friedlichen Revolution manifestierten.

Wende ohne Wandel?

Doch wo und wann setzt nun eigentlich die Wende ein? Bei Reagans SDI? Brandts Wandel durch Annäherung? Gorbatschows Glasnost und Perestroika? Bei Solidarnosc und Carta77? Oder der phasenweise Öffnung der ungarischen Grenze?

Versuchen wir es mit einer Definition. Wenn man sich einer Sache zuwendet, wendet man sich automatisch von einer anderen Sache ab, und umgekehrt. Verstetigt sich dieser Prozess in eine Richtung, so kann man von Wandel sprechen, wendet man sich jedoch hin und her, so würde man von einem „sich herum winden“ um eine Sache sprechen.

Da es für mich DIE Wende nicht gibt, möchte ich nachfolgend mögliche Wendepunkte kritisch beleuchten:

September 1989 – Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderswo: Mit den Worten „Wir sind das Volk“ klagen die Bürger zunächst  Mitspracherechte ein und wenden sich von der Doktrin der führenden Rolle der Partei ab.

September 1989 – Palais Lobkowicz: DDR-Bürger stürmen die bundesdeutsche Botschaft in Prag. Welch unsinnige Schlagzeile. Sie erhielten Zugang, wie es jedem Deutschen gemäß Grundgesetz zusteht. Sie hatten sich aber abgewandt von ihrer Regierung, ihrem Staat, was gemäß Verfassung der DDR identisch war. Nach den Worten von Hans-Dietrich Genscher „Wir sind hier, um Ihnen mitzuteilen …“ rollten die Züge und sichtbar für alle Welt hielten sie weder Ochs noch Esel auf.

09.11.1989 – Das Nine-Eleven des Politbüros oder die Mauer fällt: Zur Überraschung vieler und Enttäuschung weniger findet kein Massenexodus statt. Man will nur mal „gucken kommen“ und geht am nächsten Morgen wieder zur Arbeit. Der emotionale Höhepunkt, da sich beide Seiten erstmals physisch begegnen und einander über Wochen zuwenden – deutschlandweit – „Wir sind ein Volk“.

28.11.1989 – Man mag zu ihm stehen, wie man will: In den Nächten vor dem 28.11. formuliert Helmut Kohl gänzlich undemokratisch in kleinstem, fast familiärem Kreis unter Ausschluss fast aller damit Befassten sein politisches Meisterwerk – den Zehn-Punkte-Plan für Deutschland.

In alleiniger Verantwortung vor der Geschichte – wie er wohl sagen würde.

Ausgehend von konföderativen Strukturen entwickelt er scheinbar einen innenpolitisch ausgerichteten Fahrplan für eine denkbare Wiedervereinigung. In Wirklichkeit aber reißt er das Heft des außenpolitischen Handelns an sich, indem er den vorgeschlagenen Weg in europäisches Handeln eingebettet sehen will. Die Agenda für 2+4 steht. Keine Wende, sondern praktizierte Überzeugung eines Pfälzers.

18.03.1990 – Vorgezogene Volkskammerwahlen: Die Modrow-Regierung bremst, wo sie nur kann, während der runde Tisch noch über eine Demokratisierung der DDR räsoniert. Das Volk wendet sich radikal ab, die Wahlergebnisse zeigen es, auch von den Bürgerrechtlern, die alsbald in der Anonymität untergehen.

Der Wählerauftrag: „Schafft euch ab“ – und die Volksvertreter folgen diesem Auftrag mit äußerstem Fleiß und großer Disziplin.

Eines bleibt: dieses Parlament war das einzig demokratische in dieser „demokratischen“ Republik und in seiner Arbeitswut das einzige, welches den überwiegenden Wählerwillen zu 100 % umgesetzt hat – danke Volkskammer!

08.08.1990 – Währungsunion: keine Wende, sondern echter Wandel. Wir kommen später darauf zurück.

12.09.1990 – Abschluss der 2+4-Verhandlungen: Die verdrängte Vierfach-Wende und der  unumkehrbare Wandel – 45 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation heben die Alliierten das 4-Mächte-Statut gemeinsam auf und gewähren damit der BRD, der DDR und Gesamtberlin die volle völkerrechtliche Souveränität.

03.10.1990 – Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes gemäß Artikel 23 – Der formale Abschluss vieler Wirrungen, Wendungen und beginnender Wandlungen.

Folgt man meinen Ausführungen zu den verschiedensten Wendepunkten, so wird man unschwer erkennen, dass für mich der 09.11.1989 den eigentlichen Tag der inneren Wiedervereinigung darstellt. Dieses Datum stand auch zur Diskussion, wurde jedoch politisch verworfen.

Wäre der Bundesbürger überfordert gewesen, gleich dreier wesentlicher geschichtlicher Ereignisse der Ausrufung der ersten Republik, der Reichspogromnacht und der Wiedervereinigung zu gedenken? – Ich denke nicht.

Doch wie kam nun eigentlich der 03.10.1990 zustande, zumal beide Parlamente den Beitritt schon seit längerer zeit zugestimmt hatten und beide Regierungen den Vertrag längst ratifiziert hatten. Nun, dieses Datum hing direkt vom Abschluss der 2+4 –Gespräche ab, zu deren Ende am 02. Oktober 1990 die Vier-Mächte zunächst in Form einer Erklärung das Ruhen ihrer Sonderrechte für das vereinte Deutschland ausdrückten. Es Bestand also ein junctim  zwischen Souveränität und Wiedervereinigung. Der eigentliche Vertrag trat erst am 15. März 1991 in Kraft. Dieser Tag ist daher für mich der Tag der äußeren Wiedervereinigung, nicht nur Deutschlands sondern ganz Europas.

Bleibt noch die Frage: Hat sich das wiedervereinigte Deutschland gewandelt?

Sichtbar – ja, hörbar – nein. Dies gilt zumindest zunehmend für die Generation der heute über 45jähringen. Sichtbar gewandelt haben sich im wahrsten Sinne des Wortes die ehemaligen LPG-Betriebe, die nach ihrer Privatisierung zu den ertragreichsten Flächen in der EU-Landwirtschaft wurden – blühende Landschaften halt.

Sichtbar verändert haben sich Infrastruktur, Städte und Dörfer und Umwelt. Anstatt Ruinen zu schaffen ohne Waffen, wurde hier eine Komplettrestaurierung eines Fünftels der Bundesrepublik durchgeführt, zugegebenermaßen unter Vernachlässigung entsprechender Instandhaltungsmaßnahem im Westen.

Hörbar wird dies im Westen in den Vordergrund gestellt, anstatt sich gemeinsam dieser exorbitanten Leistung zu erfreuen.

Sichtbar sind auch die wenigen neuen, extrem wettbewerbsfähigen Industriestandorte, die an Stelle von Kombinaten traten, deren Aufbau und Technologie zeitweise noch aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg stammten. Das immer wieder hörbare Schlagwort vom „Platt machen“ greift insofern nicht, als die DDR-Wirtschaft mit Ausnahme der Anfangsjahre mit einer Produktivität von 40 – 60 % vergleichbarer westlicher Wirtschaften ausschließlich – von Ausnahmen abgesehen – im Rahmen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (nomen est omen) wettbewerbsfähig war.

Allein der Zusammenbruch dieser Vereinigung der Ostblockstaaten (auch Comecon genannt) hätte zu einem Totalbankrott der DDR-Volkswirtschaft geführt. Deswegen ist trotz vieler Fehlleistungen eine Pauschalkritik an der Treuhandanstalt sicherlich unberechtigt, zumal die Umstellung der Währung im Rahmen der Währungsunion ausschließlich politischem Willen, nicht aber wirtschaftlicher Vernunft entsprach.

Kaum sichtbar und fast unhörbar aber vollzog sich die radikale Wandlung zweier Armeen, jede von ihnen als Speerspitze ihres jeweiligen Militärpaktes gedacht, zu einer gesamtdeutschen demokratischen Parlamentsarmee.

Eigentlich Anlass genug für ihre Führung, von ihrer Bonner Hardthöhe herabzusteigen und endlich in die Bundeshauptstadt zu ziehen – die übrigen verbliebenen Ministerien könnten gleich mitkommen.

Will man all das Gesagte nicht vergessen, will man vielleicht sogar Lehren daraus ziehen – so muss man sich erinnern können.

Die Erinnerungsmöglichkeiten – modern Erinnerungskultur genannt – erscheinen mir jedoch im Vergleich zu denen, die unsere Vergangenheit widerspiegeln, recht dünn gesät. So sie vorhanden sind, sind sie fast ausschließlich auf die neuen Bundesländer beschränkt und befassen sich fast ausschließlich mit Aktivitäten des MfS, als ob dieses die Ursache und nicht eine Folge der zweiten Diktatur auf deutschem Boden war.

Unter diesen Voraussetzungen würden wir auch vergessen, dass z. B. im Bundesvorstand der SPD gerade einmal sieben Genossen für die Wiedervereinigung stimmten und dass der Hauptstadtumzugsbeschluss keineswegs mit überwältigender Begeisterung im Bundestag aufgenommen wurde, wir würden auch verdrängen, dass der organische Hintergrund der Partei „Die Linke“ immer noch von SED-Kadern gestellt wird – Wolfgang Leonhardt lässt grüßen.

Fazit – 20 Jahre nach der Wiedervereinigung

Ja wir sind ein Volk, engagiert in Vereinen und allem, was uns persönlich betrifft. Wir ärgern uns über unsere jeweilige Landesregierung und schimpfen mehr oder weniger gemeinsam über jede Bundesregierung.

Sogar ein gemeinsames Nationalsymbol beten wir an in Form von 11 Männern und – emanzipiert wie wir sind – 11 Frauen auf grünem Rasen. Da schwenken wir unsere gemeinsame Nationalfahne und das Bier fließt in Strömen und unsere geschichtliche Erfahrung sagt uns, das war so – ist so – und wird wohl auch so bleiben!


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Rüdiger Rosowski

geb. 1959, Dr. med. vet., VDSt Hannover.



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