Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird

Freilich hat Dr. Thilo Sarrazin einiges an medialen Geschossen abbekommen. Es sollte aber nicht außer Acht gelassen werden, dass er sich dabei ganz bewusst in seiner allgemein bekannten provozierenden Art selbst inszenierte. Wer andere anprangert, muss damit leben können, selbst an den Pranger gestellt zu werden. Auch Sarrazin selbst scheint nicht in Selbstmitleid zu zerfließen, was einige Äußerungen seiner Befürworter ob seiner Leiden sehr übertrieben erscheinen lässt. Dabei wird sein Buch von allen Seiten instrumentalisiert – die einen schwingen die Nazikeule, die anderen beschwören den Untergang der Meinungsfreiheit oder gleich des gesamten Abendlandes. Das geht völlig an der Sache vorbei, ist kontraproduktiv und entspricht überhaupt nicht der Intention des Buchautors selbst.


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Bei aller Sympathie für die klaren Worte, die Sarrazin für die Beschreibung der Missstände unserer Einwanderungsgesellschaft in seinem neuesten Buch findet, ist sowohl seinen Unterstützern als auch seinen Kritikern entgegenzuhalten, dass sie meist an der Sache vorbei reden und sich von der veröffentlichten Meinung ins Boxhorn jagen lassen. Ein gutes Beispiel bietet hier die Diskussion um Sarrazins Aussage hinsichtlich des „Juden-Gens“, die in den Medien als eine schlimme „Entgleisung“ dargestellt, von seinen Anhängern demgegenüber als eine Tatsache (weil ja angeblich wissenschaftlich belegt) gerechtfertigt, von allen Beteiligten in der Sache aber einfach nur missverstanden wurde. Sarrazin ist sicher nicht so blöd, allen Juden ein bestimmtes gemeinsames Gen im wörtlichen Sinne zu unterstellen, denn allein schon die Konvertiten würden außen vor bleiben. Abgesehen davon, dass alle Menschen auf der Welt weit mehr als nur ein gemeinsames Gen aufweisen. Als Cem Özdemir am 24. April davon sprach, dass der Atomausstieg bei den Grünen „quasi genetisch bedingt“ sei und dass zwischen den FDPler und den Grünen ein „genetischer Unterschied“ bestünde, wurde dies – völlig zurecht – nicht groß thematisiert, weil jedem die Metapher klar war. Auch Sarrazin wollte sich nicht zum Genforscher aufschwingen, sondern seine Ansicht über die kulturellen Unterschiede, wenn auch etwas unglücklich, bildhaft zum Ausdruck bringen. Der zweite Teil seines Satzes darüber, dass die Basken ein gemeinsames Gen hätten, hat übrigens niemanden gestört. Die Basken haben in Deutschland aber auch keinen Zentralrat…

Doch zurück zu den (gröbsten) Missverständnissen, denen beide Seiten in der Sarrazin-Diskussion (eigentlich sollte es eine Integrations-Diskussion sein, doch keine der beiden Seiten scheint dazu in der Lage und willens zu sein) zum Opfer gefallen sind.

1. „Sarrazin spreche nicht die Integrationserfolge an“ vs. „Die Zahl der erfolgreich integrierten Migranten ist zu gering, um sie zu erwähnen“.

Beide Seiten sprechen aneinander vorbei. Sarrazin schreibt kein Buch darüber, wie erfolgreich die Integration bisher war, sondern möchte das Gegenteil zu Papier bringen. Alles andere würde seine Darstellung relativieren.

Auch der Gegeneinwand entbehrt der Substanz, denn die Zahl gut integrierter Migranten – auch mit einem muslimischen Hintergrund – ist gar nicht so klein, wie oft angenommen. Viele von ihnen werden schlicht nicht mehr als muslimischen Migranten von den Statistiken erfasst, weil sie gleich dem deutschen Mainstream ihre Religion nicht aktiv ausüben und in unserer Gesellschaft vollständig integriert sind.

2. „Die Deutschen aber schaffen sich allmählich ab“ vs. „So etwas darf man doch nicht sagen!“ und „Das ist unseriös!“.

Zunächst einmal zum „Gegenargument“: Natürlich darf man das sagen. Jede Aussage darf aber auch hinterfragt werden, wobei es sich empfiehlt, sich des Verstandes zu bedienen.

In weniger als hundert Jahren sollen nur noch 25 (bzw. gar 20) Millionen Deutsche verblieben sein. Eine kühne Behauptung, die angeblich wissenschaftlich belegt sein soll. Die einen klatschen Beifall, die anderen werfen Sarrazin eine „falsifizierte Prognose“ vor.

Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass es sich dabei um eine Modellrechnung handelt, die auf zielgerichtet ausgewählten statistischen Daten basiert. Dabei stellt auch Sarrazin unmissverständlich klar, dass es keine Prognose, sondern lediglich eine Modellrechnung bei Zugrundelegung ausgewählter Daten darstellt. Methodisch sauber, wissenschaftlich nichtssagend – frei nach dem Motto: Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast. Also mitnichten eine wissenschaftliche „Erkenntnis“.

Dass sich die Kritiker bestätigt fühlen, geht an der Sache vorbei – Sarrazin hat keine falsche, weil gar keine, Prognose aufgestellt. Dass aber sich einige intelligente Integrationsskeptiker einmal wieder in ihrer These, die Deutschen würden aussterben, bestätigt sehen wollen, spricht eindeutig gegen sie. Für eine solche Betrachtung muss zunächst definiert werden, was „deutsch“ bedeutet. Ist ein Wolgadeutscher noch ein Deutscher, ist ein deutscher Jude deutsch und ist der türkischstämmige Juraprofessor, der in der dritten Generation in Deutschland lebende Italiener oder Schwarzafrikaner schon Deutscher? Und ist ein Deutscher, der im Ausland lebt und kein Wort Deutsch mehr spricht, noch Deutscher? Fragen über Fragen.

Fazit: Mit Statistiken, Modellrechnungen und Prognosen sollte man äußerst vorsichtig sein, um sich nicht selbst zu disqualifizieren.

3. „Muslime integrieren sich schlechter wegen der kulturellen Besonderheiten“ vs. „Das ist ja rassistischer Quatsch.“

Quatsch ist, dass eine solche Aussage rassistisch sei. Kulturelle Besonderheiten sind tatsächlich vorhanden, und diese Diversität ist auch gut. Die Integrationsprobleme der muslimischen Migranten ausschließlich aus der Religion zu erklären ist aber mindestens genauso kurzsichtig, den Glauben der Menschen als eine Integrationshürde zu instrumentalisieren ist schlicht verlogen und undemokratisch. Dass wir selbst an nichts mehr als das Wachstum glauben gibt uns kein Recht dazu, die (noch) Gläubigen zu stigmatisieren.

Zwar resultieren die festen Familienstrukturen der Muslime großteils aus der Religion, es ist jedoch schlicht falsch zu unterstellen, dass diese nicht veränderbar seien. Das zeigt sich an vielen Muslimen, die sich in Deutschland integriert haben. Zu fragen ist, warum es einige schaffen und andere nicht, denn sie alle sind muslimischen Glaubens. Die Antwort ist einfach: Die gut integrierten Muslime kommen aus gebildeten Familien, die schlecht integrierten aus bildungsfernen. Die gut integrierten lebten oft in gemischten Stadtteilen mit vielen Deutschen zusammen, die schlecht integrierten in Ghettos, in die sie bewusst und systematisch von den „Urdeutschen“ durch die Städteplanung einquartiert wurden. Würden Sie als braver Urdeutscher freiwillig nach Neukölln ziehen und den Integrationsprozess aktiv unterstützen? Frau Künast wahrscheinlich aber auch nicht. Ein Russe, Pole oder Spanier, der in einem Ghetto lebt und aus einem Unterschichtenhaushalt kommt, wird sich sicher nicht besser integrieren als ein muslimischer Einwanderer.

Thilo Sarrazin hat also nur im Ergebnis Recht: Es gibt zu viele schlecht integrierte Muslime (aber auch andere Migranten!) in Deutschland. Falsch ist aber, dass er dafür hauptsächlich eine und dazu auch noch eine falsche Ursache benennt. Alle diese Muslime (und andere Migranten) leben in Ghettos wie Neukölln, Wilhelmsburg oder Marxloh und kommen aus bildungsfernen Familien. Wir haben daher kein religiöses, sondern ein Unterschichtenproblem.

Fazit: Auch hier lohnt es sich, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und nachzudenken, statt nachzusprechen.

4. Der Streit um die Vererbung von Intelligenz.

Dass Begabungen vererbbar seien soll in diversen Studien belegt worden sein, und dass nicht alle Menschen gleich begabt, also von Natur aus ungleich, sind, ist wohl auch nicht zu bestreiten. Es gibt jedoch (und das ist auch gut so) keine Untersuchungen darüber, wie „intelligent“ bestimmte Völker im Vergleich zu anderen sind. Die Intelligenz daher gar noch an einer Religion fest zu machen (ist die Religion auch vererbbar oder genetisch bedingt??) und deshalb bestimmten Bevölkerungsschichten eine geringere Intelligenz zu unterstellen ist nichts anderes als Rufmord. Das tut Sarrazin jedoch nicht, sondern seine „Unterstützer“. Sarrazin: „Deutschland wird völlig unabhängig von der Migration … durchschnittlich dümmer.“

Der Intelligenz-Vererbungsstreit kann aber auch dahin stehen, weil es alles andere als erwiesen ist, dass die Intelligenz und Integration überhaupt in irgendeinem Zusammenhang zueinander stehen. Es gibt hier schlicht keinen Zusammenhang. Der Punkt ist aber, dass der normale Mensch sowieso nur ca. 7 % der Leistung seines Gehirns nutzt. Auch dann noch, wenn ich nur über 50 % der Hirnleistung anderer verfügen würde, könnte ich durch die effektive Nutzung meines Hirns „intelligenter“ sein als jemand mit 100 % (diese Rechnung ist genauso einfach und richtig, wie die Modellrechnungen von Sarrazin). Darüber hinaus brauchen wir nicht lauter Einsteins in der Bäckerei oder im Büro.

Fazit: An unseren Politikern sieht man, dass auch Menschen mit einem unterdurchschnittlichen IQ etwas werden können. Es ist daher müßig, sich über den IQ einzelner Menschen oder Gruppen zu unterhalten. Es ist erforderlich, sie entsprechend zu fördern und auszubilden. Und das mit Nachdruck.

Schluss

Allen Beteiligten sollte bewusst sein, dass in Deutschland über 15 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund leben (das ist nur die offizielle Zahl!). Einige schlecht integrierte, besonders laute und freche, oft jugendliche Migranten fallen uns als erstes ein, wenn wir über die Integration sprechen. Von den anderen Millionen sprechen wir nicht, wir bekommen nicht einmal etwas von ihnen mit, weil sie so gut integriert und unauffällig sind, dass sie uns nur noch wegen ihrer ausländisch klingenden Namen auffallen.

Wer undifferenziert alles durcheinander wirft, bekommt auch ein undifferenziertes Durcheinander von Zahlen und Fakten heraus, die einzeln für sich allein vielleicht richtig sind, jedoch gerne leichtfertig oder absichtlich in falsche Zusammenhänge gebracht werden. Und das nicht von Thilo Sarrazin selbst, der ein gutes und mutiges Sachbuch geschrieben hat, sondern von seinen Kritikern und von seinen Befürwortern, die meinen, ihm damit einen Gefallen zu tun. Doch gut gemeint ist bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht.

Genosse Sarrazin schrieb dieses Buch nicht, damit die Mehrheit der Bevölkerung „Der Mann hat recht“ schreit und sich über seine Kritiker mokiert, sondern damit Deutschland sich seiner Migranten annimmt. Er hat nicht einmal daran gedacht, die Migranten aus unserer Gesellschaft auszuschließen, sondern dazu aufgefordert, alle Anstrengungen zu unternehmen, die Problemgruppen nach allen Kräften zu integrieren und ihnen alle Chancen zu geben, sich in Deutschland einzubringen. In unserer demografischen Lage haben wir auch keine andere Wahl. Oder sind Sie als braver Urdeutscher bereit und in der Lage dazu, drei oder vier Kinder in die Welt zu setzen? Denken Sie darüber nach.

Es sind nicht die Migranten, die Deutschland abschaffen. „Deutschland schafft sich ab.“


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Pavel Usvatov

geb. 1983, Jurist, VDSt Straßburg-Hamburg-Rostock.



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