Öl ist ein ganz besonderer Saft

Weiterentwickelte Fördertechniken und neue Marktteilnehmer sind dabei, die Strukturen der globalen Energiemärkte umzuwälzen. Eine Einschätzung von Bertram Schurian.


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Politisch einflussreiche Kreise in Deutschland meinen, dass die Erzeugung von Energie aus Nuklearkraftwerken zu gefährlich und zu teuer (Entsorgungskosten) und dass deshalb ein Umstieg auf erneuerbare Energiequellen geboten sei. Viele andere Staaten dagegen, auch solche, die Mineralöl exportieren, haben den Beschluss gefasst, Nuklearkraftwerke zur Energiegewinnung zu errichten. Die Gründe hierfür sind einleuchtend: verlässlicher Energielieferant gegen relativ niedrige Preise. Nur in Deutschland hat man – ohne Konsultation der europäischen Partner – den sofortigen Ausstieg aus der Nuklearenergieerzeugung kurzfristig beschlossen unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse in Fukushima. Die sogenannten nachhaltigen Energieformen wie Wind-, Wasser- und Sonnenenergieträger seien angeblich verlässlicher, milieufreundlicher, billiger und ungefährlicher. Wie dies in der Praxis aussehen soll, ist noch nicht eindeutig geklärt (1) und absolut nicht durchdacht (6); die Absicht besteht jedenfalls, alle noch bestehenden Nuklearkraftwerke in Deutschland innerhalb von zehn Jahren abzuschalten. Die andauernde schlechte Wirtschaftsentwicklung in Europa zwingt jedoch zum Überdenken der bisherigen Energiepolitik. Ein Land nach dem anderen kürzt die generöse finanzielle Unterstützung für erneuerbare Energie. Der Solar-Branche geht es schlecht, die meisten Unternehmen sind bankrott und/oder haben arg unter der chinesischen Konkurrenz zu leiden. Deutschland hat jetzt schon die höchsten Preise für elektrische Energie in Europa, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Preise noch steigen werden (8). Bei mäßigem Einkommenszuwachs für die Bürger drücken die hohen Kosten für Energie negativ auf den Konsum. Siemens hat mit seinem Erneuerbare-Energien-Projekt ein milliardenschweres Fiasko erlebt. So weit, so schlecht.

Umso größer war mein Erstaunen, als ich einen kleinen Bericht las, wonach ein deutsch-kanadisches Konsortium, die Central European Petroleum Company, beträchtliche Mengen Mineralöl in Brandenburg in der Nähe der Lausitz gefunden hat. Gegenwärtig wird die Menge auf 92 Millionen Tonnen Mineralöl (ist gleich, abhängig von der Qualität des Mineralöls, zwischen 650 und 680 Millionen Fass) geschätzt. Es soll von ausgezeichneter Qualität sein.

In Hessen wollte die kanadische Tochterunternehmung der US-amerikanischen Firma BNK Petroleum Inc. aus Kalifornien die Erlaubnis bewirken, in Nordhessen nach Schiefergas zu suchen. Ein 5.212 Quadratkilometer großes Areal sollte getestet werden, ob es sich für „Fracking” eignet, eine Methode, die in den USA zu einem wahren Boom an Erdgaserzeugung geführt hat. Bisher wurde diese Erlaubnis nicht erteilt, obwohl die Firma gesetzlich ein Recht darauf hätte, eine „Aufsuchungserlaubnis” zu erhalten. Die CDU-Umweltministerin von Hessen verhinderte die Erlaubnis aus reinen wahltaktischen Gründen, weil auch die Hessen-SPD „dauerhaft das Fracking verhindern” will (2). Politischer Opportunismus verhindert also eine rationale und objektive Überprüfung dieser Methode in Deutschland – noch.

Steigende Reserven

Schon vor Jahren gab es Meldungen, die besagten, dass die Republik Polen auf riesigen Erdgasreserven sitzt, die selbst so groß sein sollten, dass das Erdgasmonopol der Russen in Gefahr kommen könnte. Es gibt jedenfalls genug Anzeichen, dass in der Welt und auch in Europa sehr wahrscheinlich genug Mineralöl und Erdgas für einen Verbrauch für die kommenden hundert Jahre vorhanden ist. So betrugen die nachgewiesenen Weltreserven im Jahre 1980 rund 700 Milliarden Fass. Bis zum Jahre 2011 sind diese nachgewiesenen Reserven, trotz des inzwischen gestiegenen Mineralölverbrauchs, auf ca. 1,6 Billionen Fass angewachsen.

Auch die Erdgasreserven reichen laut Schätzung der IEA bei unverändertem Verbrauch für die kommenden drei Jahrhunderte (7). Auch die technische Entwicklung zum Finden neuer Reserven von Mineralöl und Erdgas stand keineswegs still. Im Gegenteil, es gab einen Quantensprung in den Möglichkeiten der Ausbeutung von Mineralöl und Erdgas in der Welt. Auch in Europa könnten in schon bestehenden Mineralöl- bzw. Erdgasfeldern immer noch neue Vorkommen gefunden und ausgebeutet werden. Dies gilt in besonderem Maße für Deutschland – wenn der politische Wille vorhanden wäre. Tatsache ist jedoch auch, dass in immer unwirtlicheren Gegenden und dadurch unter schwierigeren und teureren Umständen nach neuen Quellen gesucht werden muss. Beispiele dafür sind u. a. die Arktis, die Tiefseebohrungen im Atlantik vor der Küste von Brasilien und das Gebiet rund um die zwischen China und Japan umstrittenen Diaoyu/Senkaku-Inseln. Andererseits gibt es auch Berichte von riesigen Mineralölfunden in Süd-Australien (3).

Die machtpolitischen Verhältnisse verschieben sich

Alle diese neuen Funde können und werden das gegenwärtige machtpolitische Verhältnis in der Welt verändern. Der Einfluss der in der OPEC organisierten Mineralölexportländer könnte nachhaltig geschwächt und vermindert werden. Es ist keineswegs gesagt, dass die Rolle der aus fossilen Quellen erzeugten Energie ausgespielt ist und deren Preis für die Konsumenten steigen muss. Eher kann man Fragezeichen setzen hinter die Überzeugung, dass die sogenannten „dauerhaften” Energieträger wie Wind, Wasser und Sonne das Nonplusultra der Energieversorgung sind.

Die Öl-Multis stehen unter Druck

Kein Geringerer als Prinz Alwaleed bin Talal, Spross der königlich-saudischen Familie und Chef der „Kingdom Holding Company”, wird im Wall Street Journal vom 30.7.2013 mit einer Warnung an die saudische Regierung, im besonderen an den Öl-Minister Ali al-Naimi zitiert: Er mache sich ernsthafte Sorgen darüber, dass der US-amerikanische „boom of shale oil and gas” die Nachfrage nach saudischem Mineralöl nachhaltig beeinflussen wird. Er fordert daher die saudische Regierung auf, die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft auf Mineralölexporte zu überdenken und für eine diversifizierte Wirtschaft in Saudi-Arabien zu sorgen. Derzeit hängen praktisch 92 % der Ausgaben im saudischen Budget von den Einnahmen aus dem Mineralölexport ab.Aber auch für die Ölmultis drohen Gefahren, die ernst zu nehmen sind. So titelt der „Economist”(4) in seiner Ausgabe vom 3.8.2013 in einem Gemisch aus Englisch und Deutsch „Supermajordämmerung” und meint damit, dass die Tage der riesigen integrierten Öl-Multis gezählt sind. Die „supermajors” bzw. die gigantischen Öl-Multis, die sich aus den „Sieben Schwestern“ durch Fusionen entwickelt haben, verfügten in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch über 85 % der globalen Mineralölreserven. Jetzt, also im Jahre 2013, verfügen sie über maximal 10 % der bewiesenen Mineralölreserven, 90 % sind in den Händen nationaler Öl-Gesellschaften. Früher konnten die Öl-Multis noch mit vorzüglicher Technologie in der Suche nach und Produktion von Mineralöl punkten. Außerdem hatten sie die Fähigkeit, Großprojekte ordentlich und kostengünstig zu managen. Und verfügten über Raffinerien und die erforderlichen Absatzkanäle auf den Märkten der entwickelten Welt.

Diese Situation hat sich drastisch geändert. Viele der nationalen Ölgesellschaften, wie beispielsweise Aramco von Saudi-Arabien, Petrobras von Brasilien oder Petronas von Malaysia, Pemex von Mexiko oder China National Offshore Oil Corp. bzw. China Petroleum and Chemical Corp. sind inzwischen imstande, diese Funktionen selbst zu übernehmen. Öl-Service-Gesellschaften wie Halliburton und Schlumberger bieten eine Skala von Diensten und Expertise an, die seinerzeit in der Hauptsache von den „Sieben Schwestern” geliefert wurden. Die Struktur der Ölindustrie hat sich dauerhaft verändert.

Die Zukunft ist schwer einzuschätzen

Ein weiterer schwerwiegender Punkt ist die Einschätzung der Nachfrage nach Öl und Ölprodukten. Die meisten Öl-Multis und die IEA sind der Meinung zugetan, dass sich die Nachfrageentwicklung weiterhin wohl im mäßigen Tempo, aber stetig nach oben bewegen wird. Da die Nachfrage nach Mineralölprodukten in der entwickelten Welt seit Mitte 2000 sinkend ist, muss die gesteigerte Nachfrage von den in industrieller Entwicklung befindlichen Ländern kommen. Dies könnte sich jedoch als große Fehleinschätzung herausstellen. Die technische Entwicklung in der Motorindustrie hat zu einem unglaublich sparsamen Verbrauch von Mineralöl und -produkten geführt. Auch die Entwicklungsländer sind heutzutage imstande, sparsame Automobile zu produzieren und zu liefern. Zudem macht die starke Zunahme an Erdgas, dank neuer und technisch ausgereifter Methoden wie dem „Fracking”, dem Mineralöl gewaltige Konkurrenz.

Wahrscheinlich ist auch, dass die Preisbindung zwischen Mineralöl und Erdgas auf die Dauer nicht halten wird. Die meisten Öl-Multis haben die neuen technologischen Entwicklungen verschlafen. Es waren die kleinen Gesellschaften, die diese Methode entwickelt und zu einem wirtschaftlichen Erfolg gemacht haben. Die Öl-Multis müssen, da die leichteren Gewinnungsorte in vielen Fällen von den nationalen Ölgesellschaften besetzt sind, Umschau in immer unwirtlicheren Gegenden halten. Interessante Gebiete sind die Arktis und die Möglichkeiten im Atlantik und Pazifik. Jedoch: Die Kosten, in diesen Gebieten wirtschaftliche Förderung zu betreiben, sind entsprechend hoch und können kaum mit Ländern wie Saudi-Arabien konkurrieren. Der durchschnittliche Kostpreis für gefördertes Mineralöl in Saudi-Arabien pro Fass (159 Liter) ist US$ 10, während er im Falle von gefördertem Mineralöl pro Fass im Pazifik bzw. Atlantik US$ 100 wäre. Beim gegenwärtigen Preis von US$ 110 pro Fass auf dem internationalen Öl-Markt und den hohen Schwankungen dieses Preises in den vergangenen Jahren sind dies keine besonders günstigen Voraussetzungen für die Öl-Multis. Auch die politischen und technischen Risiken nehmen in diesen Gebieten stark zu. Shell hat große Schwierigkeiten mit der Erkundung der Arktis. Und BP befindet sich in großen Schwierigkeiten mit seiner Tochterunternehmung in Russland.

Trotz all dieser Schwierigkeiten sollte man nicht davon ausgehen, dass die „supermajors” von heute auf morgen verschwinden. Sie haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie eine hartnäckige Überlebensfähigkeit besitzen. Aber alles in allem genommen kann heute gesagt werden: Die neuen Entwicklungen rund um das Erdöl und das Erdgas werden weltpolitische Auswirkungen mit sich bringen.

 

(1) Knapp vorbei am Stromausfall, Die Energiewende ist übereilt, Frank Umbach im Gespräch in der „Zeit“ Nr. 33 vom 8.8.2013, Seite 24 ff.

(2) Fracksausen in Wiesbaden, Der Spiegel Nr.32 5.8.2013, Seite 40 ff.

(3) The Biggest Oil Discovery in 50 Years? von Michael Snyder, 23.7.2013 in http://

theeconomiccollapseblog.com/archives/the-biggest-oil-discovery-in-50-years

(4) „The Economist” vom 3.8.2013, Seite 20 ff., The global oil industry, Supermajordämmerung

(5) Warnung von Saudi-Milliardär Prinz Alwaleed bin Talat von Reuters newservice, 30.7.2013

(6) Energie und Klima, Chancen, Risiken, Mythen, von Horst-Joachim Lüdecke, Expert-Verlag, April 2013, ISBN: 9783816931959

(7) Die Energie-und Klimapolitik Europas steckt in der Sackgasse! von Walter Boltz in „Die Presse” vom 17.8.2013

(8) Mehr Erdgas! von Daniel Yergin und Ralf Wiegert in „Die Zeit“ Nr.2 vom 2.1.2014


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Bertram Schurian

geb. 1942, VDSt Wien "Philadelphia".

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