Biologie und Politik

Biologisch bedingte Ungleichheiten zwischen Menschen wie die zwischen Mann und Frau sind heutzutage hochgradig politisch unkorrekt. Eine Gesellschaft, die sie ignoriert, wird aber einen hohen Preis zu zahlen haben.


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Über den Missbrauch von Biologie für politische Zwecke ist schon viel geschrieben und gesprochen worden. Vieles davon bezieht sich auf vergangene Zeiten. Was wir aber heute noch fast täglich erleben, ist die Missachtung der Biologie aus ideologischen Gründen. Moderne Ideologen beäugen die Biologie stets sehr argwöhnisch. Dies ist aus ihrer Sicht auch berechtigt, denn würden wir heute mehr auf moderne biologische Erkenntnisse hören, wären manche hochfliegenden gesellschaftlichen Pläne und Bestrebungen rechtzeitig als unrealistisch oder utopisch entlarvt worden.

Unsere Zeit tut sich auf vielen Gebieten schwer, ein vernünftiges Maß zwischen den Extremen zu finden. Bezogen auf die Biologie bedeutet dies, den Menschen weder als Sklaven seiner Gene zu sehen, noch die Rolle von Vererbung und evolutionären Prägungen als irrelevant abzutun.

Was ist Evolution?

„Nichts in der Biologie macht Sinn, außer man betrachtet es im Lichte der Evolution“ – so Theodosious Dobzhansky. Nachdem Leben auf der Erde vor etwa 3,5 Mrd. Jahren infolge ganz besonderer Konstellationen entstanden war, bestand für mich das elementare Grundprinzip der Evolution darin, Leben und Speziesvielfalt um jeden Preis zu erhalten. Es ist allerdings nicht meine Absicht, damit in die Evolution etwas hineinzugeheimnissen. Die Evolution wirkt. Nicht mehr und nicht weniger. Die dafür eingesetzten Mittel und Mechanismen waren und sind ausgeklügelt und, man ist fast geneigt zu sagen, raffiniert und offensichtlich auch äußerst effizient. Im einzelnen bedient sich die Evolution bekanntlich eines komplizierten Verfahrens von Adaption und Selektion, also Anpassung und Auslese sowie der genetischen Übertragung vererbter Eigenschaften über lange Zeiträume hinweg.

Der evolutionäre Imperativ lautet daher: Selbsterhaltung und Fortpflanzung. Kämpfe um dein Leben, damit du dich fortpflanzen kannst! Das individuelle Leben ist, biologisch gesehen, unbedeutend. Entscheidend ist das Überleben der Gattung. Langfristig prämiert die Evolution daher alles, was in einem bestimmten Umfeld dem Überleben und damit der Fortpflanzung dient. Gleichzeitig eliminiert sie aber auch alles, was diesen Zielen entgegensteht. Ohne dieses „survival of the fittest“ unter widrigen Lebensumständen gäbe es auch uns heute nicht.

Politisch-gesellschaftlicher Stellenwert der Biologie

„Bio“ steht zwar in hohem Ansehen, wenn es sich um Bioprodukte oder biologischen Anbau geht. Jedoch versucht sich der moderne Mensch aus ehrenwerten kulturellen und humanitären Gründen dem „Diktat“ der natürlichen Evolution zu entziehen. Er hält es für unzumutbar, sich ihren strengen und unerbittlichen Vorgaben zu unterwerfen. Damit erhebt er sich über die gesamte restliche Natur. Der Mensch besitzt Geist, Kultur und Freiheit – ein einmaliges Experiment der Natur. Diese Fähigkeiten begründen seine heutige Sonderstellung auf der Erde.

Moderne Medizin und Sozialstaat, die Pflege von Alten, Kranken und Behinderten unterliegen in modernen Gesellschaften jedenfalls nicht den Regeln des Überlebens der Tüchtigsten. Moderne Menschen glauben auf die Prägungen der Millionen Jahre dauernden Steinzeit mit dem stolzen Bewusstsein der seither erreichten zivilisatorischen Emanzipation herabsehen zu können. Unser kultureller Firnis ist tatsächlich jedoch recht dünn, wenn wir die Entwicklung des Menschen auf ein Kalenderjahr zusammenpressen. Danach beginnt die Menschheitsgeschichte am 1. Januar 0 Uhr, während schriftlich überlieferte Geschichte und Kultur erst am 31. Dezember 2 Uhr entstanden ist. Durch diese Tatsache bin ich unverändert der Ansicht: Wir sind im Grunde immer noch Steinzeitjäger, wenn auch neuerdings mit Internetanschluss und Weltraumerfahrung.

Kommt der Mensch als „unbeschriebenes Blatt“ auf die Welt?

Für Revolutionäre, Weltverbesserer und sogenannte progressive Pädagogen war und ist demgegenüber die Vorstellung von der Tabula rasa, dem unbeschriebenen Blatt, mit dem wir angeblich auf die Welt kommen, allzu verlockend. Einige Aufklärer sahen sich in ihrem euphorischen Optimismus für legitimiert und befähigt, das unbeschriebene Blatt lieber selbst vollzuschreiben, als es natürlichen Entwicklungen zu überlassen. Heute wissen wir, dass wir mit einem vollgeschriebenen und kleingedruckten „Blatt“ auf die Welt kommen, auf dem vieles eingraviert ist. Erst seit wenigen Jahrzehnten sind wir in der Lage, diese genetische „Schrift“ Schritt für Schritt zu entziffern.

Der britische Philosoph John Locke (1632–1704) führte die Vorstellung von der Tabula rasa mit nachhaltiger Wirkung in die Neuzeit ein. In seiner Philosophie wandte er sich vehement gegen die Existenz „angeborener Ideen“. John Locke hat bekanntlich entscheidenden Einfluss auf Geist und Inhalt der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ausgeübt. Nur die Überzeugung von der Tabula rasa berechtigt nämlich zu der darin enthaltenen Aussage: „all men are created equal.“ Bis heute ist jedenfalls im Unklaren verblieben, welcher Grad der Gleichheit damit gemeint ist. Politiker legen eben keinen Wert darauf, bedeutungsvolle Begriffe genau zu definieren, um sie dafür aber umso mehr interpretieren zu können. Sie lieben den Traum von der tatsächlichen Gleichheit und der grundsätzlichen Güte des Menschen. Die Evolution braucht und fördert dagegen aus gutem Grund die Ungleichheit. Sie benötigt nämlich die Diversität des Genpools. So ist auch jeder einzelne Mensch ein genetisches Unikat, abgesehen von eineiigen Zwillingen. Eine starre genetische Einheitlichkeit der Arten würde das Ende der Evolution für höhere Lebewesen bedeuten.

Auch hier ist unsere Zeit von einem eigenartigen Konflikt geprägt. Wir halten zwar unverändert die Fahne des wissenschaftlichen Fortschritts hoch, wenn es aber um das „Eingemachte“, nämlich die Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution geht, wird eine angemessene Korrektur der überlieferten Urteile und Bewertungen nicht zugelassen.

Wie steht es aber mit dem menschlichen Verhalten?

Mag schon sein, werden manche erwidern, dass wir vererbten körperlichen Ausprägungen unterliegen. Aber wir leben doch in einer Zeit, in der unser Verhalten von moralischen und zivilisatorischen Regeln bestimmt und kanalisiert wird und nicht durch biologische Verhaltensstrukturen.

Genau an dieser Stelle setzt der heiße Konflikt zwischen Kultur und Natur, zwischen anerzogen und angeboren ein. Ein Konflikt, der an die Grundfesten der Moderne heranreicht. Falls nämlich die Überzeugung der Moderne von der Dominanz ihrer freiheitlichen, auf der Vernunft basierenden Ideen und Ideale ins Wanken geriete und sich der alte Adam doch nicht so fügsam an ihnen orientierte, wäre dies ein Desaster.

Auffallend ist, dass ernsthafte Biologen kulturelle Komponenten menschlichen Verhaltens keinesfalls in Frage stellen. Sie erklären sogar. „Der Mensch ist von Natur aus ein Kulturwesen“. Es gibt heute niemanden, der einen strammen Biologismus fordert. Umgekehrt negieren aber Milieutheoretiker und Vertreter unterschiedlicher Ideologien die biologischen Wurzeln menschlichen Verhaltens. Oder sie sind davon überzeugt, sie ohne weiteres kulturell, also mit Hilfe des Umfeldes und der Gesellschaft, überwinden zu können.

Wer aber die Mechanismen der Evolution erkannt und verstanden hat, dem leuchtet unmittelbar ein, dass körperliche Ausstattung und Verhalten für das übergeordnete Ziel des Überlebens und der Fortpflanzung von Lebewesen zusammengehören. Was nützten sonst dem Adler die Krallen oder dem Löwen seine Pranken, wenn sie nicht gleichzeitig auch den Raubtierinstinkt mitvererbt bekommen hätten?

Aber ausgerechnet beim Menschen sollte die Evolution sich allein auf dessen kulturelle Verhaltensregeln verlassen? Und ausgerechnet seinen Überlebenstrumpf, nämlich die Intelligenz, weitgehend den Einflüssen der Umwelt überlassen? Spätestens der Fall Sarrazin hat ganz aktuell gezeigt, dass die (teilweise) Vererbung von Eigenschaften immer noch zum Tabuthema erhoben wird, weil sonst einige ideologische Kartenhäuser zusammenstürzen würden.

Das Menschenbild der Moderne

Am Anfang einer jeden modernen politischen Ideologie steht ein ganz bestimmtes Menschenbild, das, wie wir wissen, sehr verschieden ausfallen und auf unterschiedlichsten Quellen und Präferenzen beruhen kann. In den letzten rund 200 Jahren konnten wir mehrere „Experimente“ dieser Art beobachten.

Auch wenn dem Menschen mit Empirie allein nicht beizukommen ist, halte ich dennoch die Beiträge der evolutionären Verhaltensforschung (die zunehmend aus angelsächsischen Ländern stammen) für überaus bedeutsam, weil wir damit festen Boden unter die Füße bekommen. Dennoch bleibt der Mensch ein zwischen Natur und Kultur verstricktes und damit schwer zu entwirrendes Lebewesen.

Einen besonders folgenschweren Fall der Weigerung, biologische Prägungen auch beim Menschen anzuerkennen, zeigt die heutige Auffassung über das angeblich kulturell bedingte sogenannte Rollenverständnis von Mann und Frau. Feministen wollen partout nicht einsehen, dass die Evolution die Rolle von Mann und Frau in der Geschlechterbeziehung nicht der Beliebigkeit überlassen hat. Es wäre aber doch völlig absurd und gegen den evolutionären Imperativ gerichtet, wenn die Evolution Weibchen und Männchen im Tierreich und Mann und Frau beim Menschen nicht mit spezifischen, biologisch begründeten Eigenschaften und Verhaltensweisen ausgestattet hätte.

In der biologischen Verhaltensforschung ist ferner seit längerer Zeit bekannt, dass menschliche Intelligenz zu 50 bis 80 % vererbt ist. Die gute Nachricht lautet daher: Das vererbte Begabungspotential lässt sich durch Einflüsse des Umfeldes im Extremfall maximal ausschöpfen oder total vernachlässigen. Die schlechte: Vererbte Begabungsgrenzen lassen sich auch durch noch so gut gemeinte und teuer bezahlte Maßnahmen nicht aus der Welt schaffen.

So aber sind die Mechanismen der Evolution ein ewiges Ärgernis für Verfechter gesellschaftlicher Experimente. Evolutionäre Deutungen sind vielfach geradezu skandalös politisch unkorrekt, weil sie zum Beispiel gegen Gleichheit und für die Überlebenstüchtigen ausgerichtet sind. Weil sie den Verzicht auf eigene Kinder mit ihren Mitteln rücksichtslos ahndet, weil sie Gefühle der Stammesbindungen über kosmopolitische Ideen stellt und uralte Empfindungen der Xenophobie wach werden lässt. Eine gute Lehrmeisterin ist die Evolution dagegen bei allen Themen, die das Überleben und die Fortpflanzung betreffen: Liebe, Partnerschaft, Sex, Kinderaufzucht, aber auch bei den Anlagen, die den (reziproken) Altruismus, die Kooperation und die Verwandtenselektion fördern.

Wie also vorgehen?

Im Idealfall sollte der Natur soviel Raum gegeben werden wie unabdingbar und der Kultur soviel wie langfristig sinnvoll und vernünftig. Ob eine solche Symbiose jemals erreicht werden kann, ist nach allen Erfahrungen ohnehin zweifelhaft. Ideologisch geleitete Planer lassen sich von der Biologie nicht belehren.

Konkret bedeutet dies aber, dass eine Vielzahl heutiger individueller und gesellschaftlicher Probleme letztlich auf diese Ignoranz zurückzuführen ist. Für eine abgehobene kulturelle Hybris werden wir daher weiterhin einen hohen Preis zu zahlen haben.


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Werner Kunze

geb. 1927, VDSt München, Autor zahlreicher philosophischer Bücher, u. a. „Philosophie für Neugierige“ (Grabert, 2006) und „Die Moderne. Ideologie, Nihilismus, Dekadenz.“ (Bublies, 2011).



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