Digitaler Sozialismus

1989 gilt als die Geburtsstunde des Internets. Mehr als zwanzig Jahre später wirft Jaron Lanier, einer der Internet-Pioniere, einen kritischen Blick auf die Entwicklung der Netzkultur seit der Jahrtausendwende – und macht sich damit nicht nur Freunde in der Cybergemeinde.


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Das südlich von San Francisco im US-Bundesstaat Kalifornien gelegene Silicon Valley ist zum Inbegriff und Symbol des digitalen Zeitalters geworden. Neben mächtigen Konzernen wie Intel, Hewlett Packard, Apple, eBay und Yahoo! haben hier auch die Internetgiganten Google, Facebook und Twitter ihren Sitz. Bereits in den 80er Jahren tummelte sich in der Hauptstadt des Silicon Valley, Palo Alto, eine kleine Horde von Idealisten, die mit neuen digitalen Technologien experimentierte.

Könnte man heute einen Blick in eine der damaligen WGs in Palo Alto werfen, begegnete man Leuten wie John Perry Barlow (Mitbegründer der Electronic Frontier Foundation und Verfasser der „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“), Kevin Kelly (Herausgeber der elektronischen Zeitschrift Wired), Richard Stallmann (Aktivist der Free-Software-Bewegung) und Jaron Lanier (Autor des vorliegenden Buches und Erfinder des Begriffes „Virtuelle Realität“). Inmitten eines Gewirrs von Kabeln sähe man junge Leute mit Brillen, Handschuhen und Ganzkörperanzügen hantieren, um virtuelle Körper auf dem Computerbildschirm zum Tanzen zu bringen. Der mittlerweile 50jährige Jaron Lanier scheint sich im Rückblick auf diese Zeit verwundert die Augen zu reiben. Wie kann man der heutigen Generation nur erklären, welch unglaubliche Faszination das Spiel mit der virtuellen Realität damals auf ihn und seine Mitstreiter ausübte? Im Jahr 2011 bewegen sich junge Leute ganz selbstverständlich in virtuellen Parallelwelten wie Second Life (Online 3D-Welt, in der man sich als Kunstperson („Avatar“) entwirft und mit anderen Avataren auf vielfältige Weise interagiert).

Große Teile des Internets sind zu einer Parallelwelt geworden. Durch die Mitgliedschaft in Online-Netzwerken wie Facebook und StudiVZ, der Nutzung von Chat-Diensten wie ICQ und AIM und Portalen wie WordPress legen wir uns eine zweite digitale Haut zu, die unsere reale Persönlichkeit auf vielfache Weise überdeckt. Hier sind wir bei den Fragen angekommen, die Jaron Lanier umtreiben: Wie verändert das derzeitige technische Design des Internets unsere zwischenmenschlichen Beziehungen? Wird sich das Individuum auch in Zeiten von „Cloud Computing“ und „Schwarmintelligenz“ noch behaupten können?

„Willkommen in der Cloud!“

Letzlich, so Jaron Lanier, geht es um die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Noch haben wir die Dinge in der Hand und können die Weichen entsprechend setzen: Wagen wir es groß vom Menschen zu denken, indem wir seine Einzigartigkeit wahrnehmen und anerkennen, oder folgen wir dem Dogma einer sich avantgardistisch gerierenden Internetgemeinde, nach der die „Cloud“, also die Gesamtheit der Internetznutzer und –aktivitäten, eine höhere Bewusstseinsform besitzt als jedes einzelne ihrer Mitglieder? Dass das Kollektiv der Gefahr gefährlicher Schwankungen ausgesetzt ist, wie sich zuletzt in der Finanzkrise des Jahres 2008 zeigte, wird von den Vertretern des digitalen Sozialismus geflissentlich ignoriert. Nicht zuletzt besteht bei Kollektiven stets die Gefahr von Stillstand und Blockierung. Jeder, der sich schon einmal in eine lächerliche Endlosstreiterei in einem x-beliebigen Forum hat hineinziehen lassen, wird das bestätigen können.

Die Hauptursache für den bisweilen äußerst kruden Umgangston in Internetforen liegt für Jaron Lanier in einer durch die Technologie ermöglichten „beiläufigen“, folgenlosen Anonymität. Es ist heutzutage Usus, sich nicht unter dem richtigen Namen, sondern unter einem Pseudonym im Netz zu Wort zu melden. Das wiederum öffnet Tür und Tor für unanständiges Verhalten bis hin zu gezieltem Internet-Mobbing. Laniers These geht in etwa so: Echte zwischenmenschliche Kommunikation erfordert die volle Präsenz. Solange wir uns hinter Pseudonymen verstecken und mit einem ebenso anonymen Gegenüber in Kontakt treten, das wir weder sehen noch hören können, ist ein substanzieller Meinungsaustausch nicht möglich.

Mit untrüglichem Instinkt spürt Lanier den Schattenseiten des Internets nach. Wie sehr sich die Internet-Kultur seit der Jahrtausendwende verändert hat, wird einem bewusst, wenn man in die 90er Jahre zurückblickt. In dieser Frühphase des Netzes verwendeten die Menschen viel Zeit und Mühe darauf, ihre persönliche, ganz individuelle Homepage zu gestalten und sich kreativ in Szene zu setzen. Stolze Selbstdarstellung war angesagt! Diese Phase der bunten Vielfalt ist mittlerweile einer eintönigen Uniformiertheit gewichen. Ob bei Facebook, studiVZ oder Xing, überall wird der Internet-Nutzer zu einem Multiple-Choice-Wesen degradiert. Standardisierte Persönlichkeitsprofile haben die ursprüngliche Vielfalt des persönlichen Ausdrucks ersetzt. Man ist entweder „politisch“ oder „unpolitisch“, „solo“ oder „vergeben“, und was es sonst noch geben mag an holzschnittartigen Charakterzuschreibungen. Tat-sächlich zeigt sich hier ein merkwürdiges Paradox. Während wir jegliche Art von Bevormundung seitens des Staates und der Kirche energisch ablehen, lassen wir uns von Google, Facebook & Co. bereitwillig durchleuchten, manipulieren und in Schablonen pressen. Lanier sieht hier gar einen kybernetischen Totalitarismus am Werk, der sich anschickt, die Rolle der Religion zu übernehmen.

Die Ideologie des Internets: Der Glaube an eine kollektive Weisheit

Mit seiner Kritik an der Anonymität und Uniformität des Internets trifft Lanier einen wunden Punkt. Wir modernen Menschen neigen dazu, uns dem digitalen Kollektiv zu fügen und uns kleiner zu machen als wir sind. Die Sehnsucht nach Kontakten und Anerkennung verleitet uns dazu, uns unter Wert zu verkaufen. Beispiel Facebook: Nur durch eine bewusste, masssive Entwertung des Wortes „Freundschaft“ ist es zu erklären, dass junge Leute stolz sind, Hunderte oder gar Tausende von Facebook-„Freunden“ zu haben. Was ist los mit einer Welt, in der ein Ausraster eines Flugbegleiters dazu führt, dass er plötzlich 200 000 Facebook-„Freunde“ gewinnt? (Berühmt wurde der Fall des Stewards Steven Slater, der nach einem Streit mit einer Passagierin zunächst die Fluggäste per Lautsprecher wüst beschimpfte, dann die Notrutsche aktivierte und sich über das Rollfeld davonmachte.)

Weil wir nicht den Mut oder die Kraft haben, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen, übertragen wir diese Aufgabe einer übergeordneten Instanz, der „Computing Cloud“, mit ihrem digitalen Heilsversprechen. Die künstliche Cyberwelt entfernt sich dabei immer mehr von der Sphäre des realen menschlichen Miteinanders. Mediziner würden vermutlich Schizophrenie attestieren. An abstrusen Ideen, was die Zukunft des Internets anbelangt, fehlt es nicht. Leute wie der Google-Mitbegründer Larry Page erwarten, dass das Internet irgendwann lebendig wird und ein Eigenleben führt.

Jaron Lanier zieht ein ernüchterndes Resümee. Entgegen seinen Hoffnungen als junger Student in Palo Alto, das digitale Zeitalter würde die Individualität befördern und die zwischen-menschliche Kommunikation intensivieren, habe das technologische Design des World Wide Web zu einer Verherrlichung des Kollektivs und einer Verflachung der Kommunikation geführt. Erfreulicherweise bleibt er nicht bei seiner Kritik stehen, sondern müht sich redlich, Lösungen aus der aktuellen Misere aufzuzeigen. So wäre es ein Leichtes für den Internet-Nutzer, Kommentare nur noch in Ausnahmefällen anonym ins Netz zu stellen, etwas Mühe darauf zu verwenden, persönliche Websites zu schaffen (statt sich von Facebook eine Identität aufzwingen zu lassen), einen Blog-Kommentar erst dann zu veröffentlichen, wenn man etwas Substanzielles zu sagen hat und dergleichen mehr. Welche der Vorschläge tatsächlich sinnvoll und umsetzbar sind, muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Eine gesunde Skepsis gegenüber dem Internet in seiner jetzigen Form scheint jedenfalls angebracht.

Der Gewinn beim Lesen des Buches wird leider durch eine, man kann es nicht anders sagen, misslungene Übersetzung ins Deutsche geschmälert. Schon der Titel des Buches – „Gadget – Warum die Zukunft uns noch braucht“ – ist ein Ärgernis. Als Leser hätte man gerne erfahren, was ein „Gadget“ ist. Nichtsdestoweniger ist dieses Buch längst überfällig. Nach nunmehr 20 Jahren Internet sind wir in eine Art lethargische Selbstgenügsamkeit verfallen. Kaum jemand scheint sich noch ernsthaft Gedanken darüber zu machen, welche Auswirkungen das technische Design des Internets auf unser menschliches Zusammenleben hat und wie wir das Verhältnis Mensch–Technologie in Zukunft gestalten wollen. Hierfür gibt das Buch wertvolle Anstöße.

 

Jaron Lanier: Gadget – Warum die Zukunft uns noch braucht, Suhrkamp-Verlag 2010, 247 S., 19,90 Euro, ISBN-13: 978-3518463116


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Stefan Martin

geb. 1979, Ingenieur, VDSt Freiberg.



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