Im Namen Gottes gegen die Kinder Zions. Religiös motivierter Antisemitismus in Deutschland und seine Gründe.

Im ersten Teil dieses Artikels (erschienen in II/2020) analysierte Jörn Spindeldreher den politischen Antisemitismus der Gegenwart. Nun soll es um religiöse Formen des Judenhasses gehen.


ALLE Artikel im Netz auf aka-bklaetter.de lesen und auch das Archiv?

Jetzt kostenlos

Anmelden


Im ersten Teil dieses Artikels (erschienen in II/2020) analysierte Jörn Spindeldreher den politischen Antisemitismus der Gegenwart. Nun soll es um religiöse Formen des Judenhasses gehen.

In Deutschland kommt es immer wieder zu anti­semitischen Straftaten. Seit Jahren häufen sich die Berichte von Bürgern, die sich nicht mehr auf offener Straße als Juden zu erkennen geben möchten. Am bekanntesten ist sicherlich der versuchte rechtsextremistische Anschlag auf eine Synagoge an Jom Kippur, der nur misslang, weil eine Sicherheitstür den Täter davon abhielt, in die Gemeinderäume einzudringen. Zwar ist diese Aktion bisher eine Ausnahme geblieben, doch die Übergriffe gegen Juden in Deutschland sind zur Tagesordnung geworden.

Mehrere Beispiele belegen diesen besorgnis­erregenden Trend. Im April 2018 wurden zwei Kippa tragende Männer auf öffentlicher Straße beleidigt und angegriffen. Der Täter nutzte einen Gürtel und rief dabei immer wieder die Worte „Jude! Jude!“ Während der Gerichtsverhandlung äußerte der Angreifer, dass er keine antisemitischen Motive habe, sich aber im Recht gefühlt habe. Das Opfer hingegen sagte, dass es nicht mehr vorhabe, allein eine Kippa in Berlin zu tragen. Ein anderes Beispiel aus dem Oktober 2019: An diesem Tag kletterte ein Mann über die Absperrung einer Synagoge in Berlin-Mitte und zückte ein Messer. Da er sich weigerte zu gehen, setzten Objektschützer und Unterstützungskräfte Pfefferspray ein und überwältigten den Angreifer.

Ist jüdisches Leben in Gefahr?

Taten, wie sie jeder schon einmal irgendwo vernommen hat, doch etwas ist neu. Die besagten Männer trugen keine Springerstiefel und äußerten keine nationalsozialistischen Parolen. Der Gürtelangreifer, ein 19-jähriger Syrer, schrie das Opfer auf Arabisch an. Der andere Angreifer, ebenfalls Syrer, wiederholte mehrfach die Formel „Allahu akbar“ („Gott ist groß“). Vorkommnisse dieser Art haben die Politik längst hellhörig gemacht. So äußerte Philipp Amthor (CDU) am 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die Behauptung, dass der Antisemitismus in muslimischen Kreisen besonders stark vertreten sei und der Anstieg der Migration vielen jüdischen Bürgern Sorge bereite. Parteikollege Friedrich Merz fügte hinzu, dass der Judenhass in den Heimatländern vieler Migranten gepredigt werde. Kritiker dieser Warnungen weisen gerne auf die Ergebnisse der polizeilichen Kriminalstatistik hin und betonen, dass der Großteil antisemitischer Straftaten aus dem Rechtsextremismus komme. Nur zehn Prozent der Vorfälle seien religiös motiviert oder entstammen dem linken Spektrum.

Religiös motivierter Antisemitismus kaum erforscht

Wenn man genauer hinschaut, stellt sich die Lage jedoch anders dar. Einerseits sind die Statistiken lückenhaft und weisen eine Verzerrung nach rechts auf, wie ein vom Bundestag eingesetzter Expertenkreis unlängst feststellte. Graffiti mit Hakenkreuzen und Parolen wie „Juden raus“ gelten automatisch als rechts, auch wenn diese Straftaten im Zuge des antizionistischen Al-Quds-Marschs begangen werden.

Der andere Grund ist offensichtlich. Religiös motivierter Antisemitismus betrifft heute vor allem den Islam und weniger das Christentum. Zwar ist die Geschichte der Kirchen von antijudaistischen Ressentiments geprägt, man erinnere sich nur an die Judenverfolgung zur Zeit des Ersten Kreuzzuges oder Martin Luthers zahlreiche „Judenschriften“. Allerdings verschwanden diese Tendenzen durch die Säkularisierung und durch die Aufarbeitung des Nationalsozialismus aus der christlichen Lehre. Nur bei einzelnen Gläubigen wird die These vom Gottesmördervolk noch vorhanden sein.

Ist der Islam antisemitisch?

Ganz anders sieht es im Islam aus. Genau wie in der Bibel finden sich auch im Koran Diffamierungen gegen Juden. Das hat jedoch keine inhärent theologische Ursache, sondern liegt an Mohammeds Konflikt mit den jüdischen Stämmen in Medina. Die negativen Aussagen sind dabei insgesamt eingebettet in die historische Situation der Entstehung des Islams. Durch die Jahrhunderte hinweg gab es zwar immer wieder Diffamierungen und Gewalt, jedoch sind sich Historiker einig, dass es den Juden unter islamischer Herrschaft besser ging als im europäischen Abendland. Man kann daher nicht davon sprechen, dass der Islam strukturell antisemitisch ist.

Religion als Legitimationsgrund

Allerdings hat sich die Lage im Nahen Osten und der arabischen Welt gewandelt. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts begannen islamische Gelehrte, Elemente des europäischen Antisemitismus mit der islamischen Glaubenslehre zu verschmelzen. Auf diese Weise reproduzierten sich all jene Stereotype, die wir bereits aus der rechtsextremen Ideologie kennen: So wirft man den Juden die Herrschaft über die Finanzwelt und die Wirtschaft vor und glaubt darüber hinaus, dass die jüdische Elite Konflikte schüre, um sich einen Vorteil in der Welt zu verschaffen. Immer wieder verweisen die Diffamierungen auf die Protokolle der Weisen von Zion, ein auf Fälschungen beruhendes antisemitisches Pamphlet, das die jüdische Weltverschwörung beweisen soll. Doch warum entstand der Antisemitismus in der MENA-Region? Vor allem, weil das „Dritte Reich“ die Verbreitung dieses Gedankenguts vorantrieb und in der Person des Groß-Muftis von Jerusalem Amin El-Husseini einen Freund fand, der sich vor der Errichtung eines jüdischen Teilstaats fürchtete. Mit der Gründung des Staates Israels und den anschließenden Niederlagen des arabischen Raums verfestigte sich der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung.

Daher ist der Begriff „religiös motivierter Antisemitismus“ irreführend, weil er politischen Gruppierungen als Legitimationsgrundlage im Kampf gegen Israel dienen soll. So pflegen Staaten wie Iran, Ägypten, Syrien und Saudi-Arabien eine antisemitische Sozialisation, um ein Feindbild zu erhalten. So veranstaltet der Iran jährlich einen sogenannten „Holocaust-Karikaturen-Wettbewerb.“ Wahrlich nicht das einzige Beispiel für die aggressive Haltung dieses Staates gegen Israel.

Der Psychologe Ahmad Mansour – der sich gegen die Radikalisierung junger Muslime engagiert –warnt daher eindringlich, dass Menschen aus diesen Regionen ihre Weltanschauung nicht einfach ablegen, wenn sie nach Deutschland migrieren. Die Zahlen geben Mansour leider Recht, immerhin vertreten 25 Prozent der Muslime in Deutschland antisemitische Stereotype.

Einfluss in Deutschland

Der weltanschauliche Hintergrund von Geflüchteten ist jedoch nur das geringste Problem. Viel besorgniserregender ist die versuchte Einflussnahme islamistischer Gruppen, die sich als legalistische Organisationen verstehen. Sie wollen Deutschland durch politisches Engagement
gesellschaftlich verändern. Der Verfassungsschutz spricht hier von einer bewussten Radikalisierung durch antisemitisches Gedankengut, gerade bei Menschen, die im Nahen Osten sozialisiert wurden. Vereine wie die „Muslimbruderschaft“ oder „Millî Görüş“ versuchen, ihren Einfluss auf Muslime in Deutschland auszudehnen. Letztere spricht offensiv davon, dass alle von Menschen eingesetzten Ordnungen nichtig seien. Gerecht sei nur der Gottesstaat. Gleichzeitig ist eine Wirtschaftsordnung geplant, die frei von Zionisten und Imperialisten sei und damit positioniert sich dieser Verein eindeutig.

Die fehlende Debatte

Es ist wiederum Ahmad Mansour, der auf die fehlende Debatte in Deutschland hinweist. Während jeder wisse, wie er zum Rechtsextremismus zu stehen habe, sei das Thema Islam schwierig. Viele hätten Angst, abgestempelt zu werden. Daher schweige man lieber, als sich einzumischen. Das führte unlängst dazu, dass legalistische Islamisten Teil antirassistischer Bündnisse wurden und dort unter dem Deckmantel des „Kampfes gegen antimuslimischen Rassismus“ ihre politische Agenda verfolgen.

Vor kurzem wurde darüber hinaus Nurhan Soykan als Beraterin ins Auswärtige Amt berufen. Sie ist Teil eines Netzwerks, dass den türkisch-nationalistischen „Grauen Wölfen“ zugerechnet wird. Erst als einer breiten Öffentlichkeit Soykans Verharmlosungen antisemitischer Demonstrationen bekannt wurde, beugte sich das Auswärtige Amt und zog die Notbremse.

Ist Islamkritik rassistisch?

Insgesamt ist die Situation aufgeheizt. Viele gesellschaftliche Akteure pauschalisieren berechtigte Bedenken und rücken sie in die Nähe von Pegida und AfD. Man unterstellt dabei, dass der Kritiker den Muslimen unveränderbare Eigenschaften zuschreibe. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass man nur kritisiert, wenn man etwas verändern will und davon ausgeht, dass dies auch möglich ist. Vertreter von Pegida wollen das nicht. Ihnen geht es nicht um Menschen unterschiedlicher Herkunft, die sich den Werten der bürgerlichen Gesellschaft verschreiben. Ihnen geht es um einen ethnisch begründeten Volksbegriff. Menschen anderer Kulturkreise kommen darin nicht vor. Wohlverstandene Islamkritik dagegen steht in der Tradition Adornos und versteht den Antisemitismus als das „Gerücht über die Juden.“ Die Aufgabe besteht schlicht darin, dieses Gerücht aus der Welt zu räumen.

1 www.welt.de/politik/deutschland/article178198916/Guertel-Attacke-in-Berlin-19-Jaehriger-nach-Schlaegen-gegen-Kippa-Traeger-zu-Arrest-verurteilt.html

2 www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/vor-der-neuen-synagoge-in-berlin-mann-mit-messer-ueberwaeltigt/25087282.html

3 www.welt.de/politik/deutschland/article205449325/Judenfeindlichkeit-Antisemitismus-bei-Muslimen-kaum-erforscht.html

4 www.welt.de/politik/deutschland/article205449325/Judenfeindlichkeit-Antisemitismus-bei-Muslimen-kaum-erforscht.html

5 www.luther2017.de/de/wiki/martin-luther-und-die-juden/martin-luther-und-die-juden-fragen-und-antworten/

6 Vgl. Sure 2, Verse 61, 75, 91, 100; Sure 3, Verse 21, 78; Sure 4, Verse 46, 155; Sure 5, Verse 13, 51, 70; Sure 9, 29

7 www.deutschlandfunk.de/psychologe-mansour-ueber-islamdebatte-die-mitte-schweigt.886.de.html?

 

...mehr Lesen in den akademischen Blättern oder ganze Ausgaben als PDF?


Jetzt hier kostenlos Anmelden