Religion und Bürgergesellschaft

Der Historiker und Publizist Paul Nolte (*1963) veröffentlicht mit seinem Essay Religion und Bürgergesellschaft. Brauchen wir einen religionsfreundlichen Staat? die überarbeitete Version einer Rede, die er unter dem Titel Vom Störfall zur neuen Ressource. Brauchen wir einen religionsfreundlichen Staat? als zweite der (mittlerweile zehn) Berliner Reden zur Religionspolitik im Jahr 2006 gehalten hat.


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Nolte ist als Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin von Berufs wegen mit der Thematik befasst, zieht sich aber keineswegs auf einen wissenschaftlich-neutralen Standpunkt zurück. Die im Untertitel des Buches gestellte Frage beantwortet der Autor unumwunden mit ja; Nolte plädiert offen für einen religionsbewussten Staat. Zu Beginn führt er seine These ein, dass „Religion auf vielfältige Weise auf die Gesellschaft im ganzen ausstrahlt und damit – sagen wir es pointiert – nützlich für die Bürgergesellschaft ist“ [S. 11]. Ausgangspunkt und Anlass der Überlegungen des Autors ist die Rückkehr der Religion in den gesellschaftlichen Dialog in Deutschland. Während Nolte keine gesteigerte Religiosität oder gar volksmissionarische Ansätze in der Gesellschaft erkennen kann, lasse sich doch feststellen, dass im Gegensatz zu früheren Zeiten heute verstärkt religiöse Motivationen und Argumentationsgänge in der Öffentlichkeit verhandelt werden. Dabei ist nicht nur an die Anschläge des 11. Septembers 2001 und ihre etwaigen religiösen Hintergründe zu denken. Auch in Fragen der Bioethik, insbesondere der Humanmedizin, werden auf religiösen Überzeugungen basierende Standpunkte nicht mehr per se als anachronistisch abgetan. Ebenso werden in der heutigen Geschichtswissenschaft durchaus religiöse Verbindungen und Bezüge in der Ökologie- und Friedensbewegung oder bei der Überwindung des Kommunismus in Osteuropa gesehen und benannt. Schließlich zeigt sich an den migrationsbedingten Änderungen der religiösen Landschaft Mitteleuropas deutlich, dass alte Selbstverständlichkeiten nicht mehr gelten und neu reflektiert werden müssen. Dieser Prozess findet in der Mitte der Gesellschaft statt, wie etwa das Kruzifix-Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichts oder die Debatte um das öffentliche Auftreten des Islam belegen. Auch die Schwierigkeit des Religionsunterrichts im Gebiet der ehemaligen DDR, in dem 68 Prozent der Menschen keiner Religionsgemeinschaft angehören, wirft Fragen auf, wie Religion und Moderne sich zueinander verhalten.

Angesichts des Umfangs der Thematik beschränkt sich Nolte bewusst auf das bundesdeutsche Gebiet, soweit es die Bürgergesellschaft betrifft. Entsprechend subsumiert er unter Religion die beiden großen christlichen Konfessionen, denen nominell noch etwa 66 Prozent der Bundesdeutschen zugerechnet werden; die vier Prozent muslimischer Bürger wirken sich für Nolte noch nicht in entsprechendem Umfang auf die Bürgergesellschaft aus.

In einem kurzen historischen Abriss erinnert Nolte an die schleichende Erosion des Fortschritts- und Machbarkeitsglaubens, der sich seit der Aufklärung im europäischen Denken behauptet hat. Das Vertrauen auf stetiges Wachstum, wie es sich in der Wirtschaftsform des Kapitalismus ausdrückt, und beständige Fortentwicklung der Menschheit durch rationale, wissenschaftlich zu optimierende Prozesse bekam nach Noltes Ansicht mit der Ölkrise 1973/74 einen ernsten Schock und wurde in der Folge immer weiter in Frage gestellt. Neben den Abschied von der Vorstellung unbegrenzten Wachstums und von der „Wissenschaftsgläubigkeit“ tritt die Erscheinung der Individualisierung der Gesellschaft, da alte Bindungsmuster und Lebensentwürfe nicht länger feste Strukturen bilden. Nolte macht dies etwa an der Auflösung des Arbeitermilieus und dem Mitgliederschwund bislang etablierter Großvereinigungen wie Parteien, Gewerkschaften und Kirchen fest. Persönliche Lebensentwürfe und strukturelle Bindungen innerhalb der Gesellschaft befinden sich in einem Wandel und bieten zugleich Ansatzpunkte für eine Rückkehr der Religion.

Allerdings einer Religion, wie sie sich konkret in Deutschland verwirklicht. Deren Anhänger in den beiden großen christlichen Bekenntnissen sind seit Jahrhunderten an die Herausforderungen der Säkularisierung gewöhnt, stellt Nolte fest. Spätestens mit der Aufklärung bricht die mittelalterliche Einheit von Kirche, Staat und Gesellschaft auseinander. Der jeweilige Mensch ist nicht mehr nur in einem geschlossenen System zu Hause, sondern muss seine Bindungen zwischen verschiedenen Polen austarieren. Dieser Prozess, der bei den einzelnen Konfessionen und beim einzelnen Gläubigen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen kann, ist nach Noltes Ansicht eine deutliche Bereicherung für alle, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, und damit für die ganze Gesellschaft. Anders als etwa Jürgen Habermas sieht Nolte keinen Gegensatz zwischen den religiösen Bürgern auf der einen und den säkularen Bürgern auf der anderen Seite unseres Gemeinwesens. Vielmehr, so stellt er heraus, sind nahezu alle religiösen Bürger gleichzeitig säkulare: Sie stehen auf dem Boden der staatlichen Ordnung, zahlen ihre Steuern und engagieren sich gemeinnützig, sogar in nachweislich größerem Umfang als religiös Ungebundene. Mit Ausnahme weniger fundamentalistischer Gruppen haben es die Religiösen geschafft, Religion und Bürgergesellschaft gleichzeitig hochzuhalten.

Die Religiösen sind damit nach Nolte ein wichtiger Impulsgeber für den Rest der Gesellschaft: Von ihrem Glauben her sind sie zu gemeinnützigem Einsatz motiviert, wollen in der Gesellschaft wirken. Zugleich stellen sie sich der Herausforderung der säkularen Umwelt und setzen sich für Menschenrechte, insbesondere auf Meinungs- und Religionsfreiheit ein, damit ein echter Diskurs verschiedener Einstellungen möglich ist. Auch die staatlich besoldeten theologischen Fakultäten haben nach Noltes Ansicht eine wichtige Funktion inne, weil sie den Kirchen den Dialog mit anderen Wissenschaften aufzwingen und so vermeiden, dass sich obskure Sonderkulturen ohne Rückbindung an die restliche Gesellschaft bilden. Neben diesem In- und Miteinander von Religion und Bürgergesellschaft sieht Nolte aber auch ein Gegeneinander. Der Religiöse kann mit keiner Form von Gesellschaft je ganz zufrieden sein, nirgendwo seine religiösen Überzeugungen vollends verwirklicht sehen. Dieses Konfliktpotential führt nach Noltes Überzeugung aber nicht nur zu einer Privatisierung von Religion oder zu Versuchen, eine Theokratie zu errichten. Statt dessen ist zu beobachten, dass gerade von religiösen Bürgern Initiativen für Frieden und Gerechtigkeit ausgehen, für eine menschenfreundlichere Gesellschaft. Diese Ziele, die von den Religiösen aufgrund ihrer Überzeugungen verfolgt werden und gewissermaßen von außerhalb der Bürgergesellschaft stammen, dienen dieser letztendlich.

Damit stellen die Religiösen mit ihrem vor der Vernunft und der Gesellschaft verantworteten Glauben ein gewaltiges gesellschaftliches Kapital dar und bringen Kompetenzen in die Bürgergesellschaft ein, die von nicht-religiösen Bürgern nicht auf diese Weise zu erwarten sind.

Entsprechend wünscht sich Nolte eine Akzeptanz der Religion in der Gesellschaft. Statt streng zwischen religiösen und säkularen Bürgern zu unterscheiden, vertritt der Berliner Professor das Ideal des religionsbewussten Bürgers, der – ob selbst religiös oder nicht – um den Wert von Religion für alle Bereiche der Gesellschaft weiß.

Der Staat dagegen, die formalste Ebene menschlichen Miteinanders, sollte sich nicht nur der Religion und ihrer Wirkungen bewusst sein, sondern ein geradezu religionsfreundliches Milieu schaffen. Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann, erinnert Nolte. Die unbedingt notwendigen Ligaturen zwischen einzelnen Bürgern sind nicht durch staatliche Verordnung und Kollektivierung zu erreichen, sondern nur durch ein Engagement einzelner in dem Miteinander, das als Bürgergesellschaft charakterisiert wird. In diesem Rahmen findet das eigentliche soziale Leben der Menschen statt, und alles, was dieses Leben tragen und fördern kann, ist ganz im Sinne des Staates. Jedem also, der nicht nur ein formales Verhältnis von Staat und Individuum wünscht, sondern ein Miteinander und eine echte und freiwillige Gemeinschaft innerhalb der Bürger möchte, muss Religion als ein nützlicher Faktor erscheinen, wie immer man persönlich zu ihr stehen mag.

Nolte beschränkt sich auf die bundesdeutsche Situation der Gesellschaft; wenn er von „Religion“ spricht, sind die evangelischen und katholischen Ausprägungen des Christentums gemeint. Inwiefern die Überlegungen auf andere Gesellschaften übertragbar sind, führt Noltes Aufsatz nicht aus, will dies auch nicht.

Beim Lesen ist das Staunen des Autors über den Umfang religiös motivierten Handelns deutlich zu spüren, fast, als wäre Religion ein ganz neuer Faktor im gesellschaftlichen Miteinander. Tatsächlich beschreibt Nolte allerdings nur, was im Augenblick Stand der Dinge ist. Auch die apologetische Haltung gegenüber der Kirchensteuer und der staatlichen Finanzierung scheinbar religionsspezifischer Interessen ist obsolet.

So bietet der kurze Essay Noltes eine schöne Zusammenstellung des historischen und gegenwärtigen Nutzens der Religion für die heutige Gesellschaft in Deutschland, ficht aber auch alte Schlachten neu aus. Nun sind Spekulationen über das zukünftige Verhältnis von Religion und Bürgergesellschaft nicht das Handwerk eines Historikers, und entsprechend tut Nolte gut daran, leise den Blick vom Gestern und Heute auf das Morgen zu lenken und seinen Lesern das dafür nötige Rüstzeug an die Hand zu geben.

 

Paul Nolte, Religion und Bürgergesellschaft. Brauchen wir einen religionsfreundlichen Staat?, Berlin University Press 2009, 136 S., 24,90 Euro


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Dominik Matuschek

geb. 1982, Dr. theol., VDSt Bonn, Chefredaktion.



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