Suche nach dem republikanischen Wir

Identitätspolitik gehört zu den Moden unserer Zeit, in Schattierungen beliebt auf der Rechten wie auf der Linken. Schwierig, das gemeinsame Wir zu finden, jenseits von Kleinkollektiven, die sich für das Ganze ausgeben. Simon Strauß, Schriftsteller und FAZ-Feuilletonist, fand es beim HES im gemeinwohlorientierten Bürgersinn am Beispiel der Römischen Republik.


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Eigentlich bräuchten wir eine neue Sprache. Zu beladen sind unsere Begriffe mit historischen Deutungen und Missdeutungen, wendbar in viele Richtungen. „Bürger“ und „bürgerlich“ sind dafür Beispiele. Nach der sächsischen Landtagswahl entspann sich ein kurioser Streit darum, ob man eine rechnerisch mögliche schwarz-blaue Koali­tion „bürgerlich“ nennen dürfe, wie eine Journalistin das halb im Versehen tat. Alexander Gauland, AfD-Vorsitzender mit Bürgerlichkeitsvorstellungen aus dem neunzehnten Jahrhundert, wunderte sich in einem FAZ-Beitrag, wer mittlerweile auf den Begriff alles Anspruch erhebe, wo doch, vor wenigen Jahrzehnten, das Bürgertum allseits für tot erklärt worden sei, namentlich von der politischen Linken. Um dann wortreich seine eigene Deutung zu verteidigen. – Witzig zu lesen, doch im Grunde Spiegelfechterei; beide Seiten meinten mit dem gleichen Wort einfach unterschiedliche Dinge.

Man muss darum genau verstehen, was Simon Strauß uns in Halle sagen wollte, als er den Bürgersinn anpries als Bindemittel der postidentitären Gesellschaft. Er meint nicht: Bürgerlichkeit im Sinne eines Lebensstils, bestimmter Besitz- und Bildungsgüter, der kennzeichnenden Merkmale einer Schicht oder Klasse. Er meint auch nicht: Bürger als Status, mit dem Rechte und Ansprüche einhergehen und den man vorsichtiger oder großzügiger vergeben sollte. Sondern er meint das Verantwortungsgefühl für das ganze Gemeinwesen, neben und über den Gruppenzugehörigkeiten, und ein meritokratisches Elitenverständnis, das den Einsatz für dieses Gemeinwesen belohnt. Orientiert am Verständnis der Römischen Republik, aber bewusst über das historische Beispiel hinaus idealisierend mit Mut zur Utopie.

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Versöhnung der Identitätskollektive

Das Gegenmodell bildet für Strauß, was er Gesellschaft von Singularitäten und mentale Kleinstaaterei nennt – die um sich greifende Mode der Identitätspolitik, die vor allem die Zugehörigkeit zu Gruppen betont. Und zwar an beiden Enden des politischen Spektrums; auf der Linken, die nach der Emanzipation von Minderheiten aller Art strebt und überall Diskriminierung wittert, ebenso wie auf der Rechten, die eine ethnisch oder kulturell definierte Gruppenidentität idealisiert und gegen ein Übermaß an Fremdheit zu schützen sucht. Diese neue Links-Rechts-Achse bildet für Strauß die markante Trennlinie unserer Zeit, nach den alten Trennlinien von Konfession und Ideologie. Was zu versöhnen allein eine neue Bekenntniskultur leisten könne, mit dem Bild des Staatsbürgers im Zentrum, das anders als verbrauchte ideologische Konzepte relativ unbeschädigt durch die Jahrhunderte gekommen sei seit der römischen Antike.

Dass die Orientierung am Alten Rom einen Angriffspunkt bietet, sieht Strauß natürlich; was auch in der Diskussion deutlich wurde. Gewiss fällt es leichter, den Dienst an der Gemeinschaft zum Maßstab zu erheben, wo Arbeit keine ist, weil die eigentliche Arbeit andere tun, Plebejer und Sklaven; „Bürger“ waren in Rom die längste Zeit nur wenige. Gewiss zentriert sich das Reich in der einen großen Metropole, regieren Senat und Volk der Stadt Rom und bilden ihr staatsbürgerliches Bewusstsein aus im relativ engen Kreis der Polis. Strauß sieht das; hält aber die alten römischen Begriffe in ihrem Kern für modernisierbar und Politik jedenfalls für einen geeigneten Inte­grationsfaktor. Integration übrigens, die am Ende nicht in vollendete Harmonie führt, denn gestritten muss weiter werden, worin gerade die Römer es in öffentlicher Rede zu großer Meisterschaft brachten. Streit freilich, der Ambivalenzen und Paradoxien erträgt, ohne in einen Existenzkampf von Freund und Feind auszuarten.

Dr. Simon Strauß: geboren 1988, vom Studium Altertumswissenschaftler, ist Schriftsteller und Journalist und schreibt für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Daneben veröffentliche er u. a. die Romane Sieben Nächte und Römische Tage.

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