The Beauty and the Nerd

Wenig ist einem so zuwider wie das, was man nicht ist. Doch weil wir es insgeheim doch gerne alle wären und die Flimmerkiste im Wohnzimmer seit ihrer Erfindung zum Projektil solcher geheimen und offenen Wunschphantasien geworden ist, haben sich im visuellen Rundfunk Formate durchgesetzt, die den schönen Schein mit einem Wettbewerbsgedanken verknüpft haben, an dessen Ende ein strahlender Sieger oder eine strahlende Siegerin steht. Auf die Spuren dieses Erfolgsrezept hat sich Rudolf Bede begeben.


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VOM TELLERWÄSCHER ZUM SUPERSTAR

Im Mittelpunkt solcher Casting-Shows stehen zu meist Praktiken, in denen die Kontestanten mehr oder weniger drastisch – öffentlich gut aufbereitet – erniedrigt werden, um danach als strahlende Gladiatorenkämpfer qua Publikumsgnade wieder auferstehen zu können. Wenige Typen Mensch sind so gehässig wie die Zuschauer einer Casting-Show. Das rund und stimmig aufbereitete Potpourri aus Erniedrigung, Wiederauferstehung und heldenhaftem Sieg, dass den Leistungsethos unserer Gesellschaft überspitzt wiedergibt, ist geheiligt und duldet keine Störung des Ablaufes. Das musste auch ein gewisser Andreas Kümmert, ein pummeliger Pop- und Rocksänger, der so gar nicht in unsere Vorstellungen eines erfolgreichen Pop-Stars passte, 2015 erleben, als er seinen ersten Platz bei der Casting-Show Unser Song für Österreich im Rahmen des Eurovision Song Contest 2015 ablehnte und sowohl live in der Show als auch virtuell auf Facebook durch die Zuschauer, deren Gnade er ablehnte, filetiert wurde.

SIEGESZUG DES AFFEKTFERNSEHENS

Das Sendungsformat einer Reality-TV-Show, gemischt mit Casting-Elementen, kennen wir schon länger, doch erst seit 1999 die niederländische Firma Endemol Entertainment die erste Staffel Big Brother produzierte, explodierte das Format. Allein im US-amerikanischen Raum wurden zwischen den Jahren 2000 und 2010 rund 100 Sendungen produziert, die im Casting-Show-Bereich zu verorten sind. 2000 folgte in Deutschland die Sendung Popstars, 2002 wurde die erste Staffel von Deutschland sucht den Superstar ausgestrahlt. (Wer erinnert sich heute übrigens noch an den Gewinner der ersten Staffel? Es war ein gewisser Alexander Klaws.) 2004 durften wir die erste Staffel Dschungelcamp bewundern, 2006 folgten Let’s Dance und Germany’s Next Top Model, 2009 The Biggest Loser. Keine dieser Sendungen konnte als dramaturgisch anspruchsvolles Unterhaltungsfernsehen gesehen werden. Eher profan war der Spannungsbogen, der mit den immer gleichen Elementen versuchte, Entertainment beim Zuschauer zu erzeugen. Nicht zuletzt deswegen eigneten sich solche Sendungen immer gut, um sie während des Kochens anzusehen – oder am Morgen nach dem Stiftungsfest. Sie sind alle dem Mediengenre „Affektfernsehen“ zuzuordnen, das allgemein betrachtet all jene Fernsehsendungen umfasst, „in denen einzelne Menschen bzw. Einzelschicksale im Mittelpunkt stehen und in denen häufig zum Zwecke von unterhalts- bzw. sensationsorientierten Effekten geltende Tabus in Frage gestellt, ignoriert, oder einfach gebrochen werden.“1

DIE KULTUR DER SELBSTINSZENIERUNG

Die Herauskehrung des (ehemals) vollkommen Intimen auf die Bühne der Öffentlichkeit kann als Versuch des allzu alltäglichen Fernsehens gedeutet werden, seine Konsumenten durch innovative Formate an sich zu binden.2 Dabei mag der Rundfunk einem gewissen Selbstzwang unterliegen, der durch die Logik anderer Sender, nicht nachstehen zu wollen, geprägt ist. Oder anders gesprochen: Jedes Format wird irgendwann wieder zum Alltag und muss noch weiter gesteigert werden. Doch trifft jedes Angebot natürlich auch auf eine Nachfrage; und es ist allgemein gesprochen die symbiotische Beziehung zwischen Konsument und Rundfunkanbieter, die das Programm bestimmt. In diesem kulturellen Arrangement verschmilzt sich das Image zusehends mit dem eigenen Ich. Wir sind einem ständigen Zwang zur performativen Selbstdarstellung genötigt, um uns als Manager und Hüter unseres eigenen Images aufzubauen, um mit dem Soziologen Erving Goffman zu sprechen. Mittel dieser Selbstinszenierung ist die permanente, gezielte Nutzung von Medien. Fast jede Lebensregung lässt sich heute medial spiegeln. Und eine etwas unheimliche Zahl an Menschen bereitet sich akribisch und mit aller Raffinesse auf den großen Auftritt und den unendlich verführerischen Moment des Gesehen-Werdens vor – ganz gleich, ob dieser auf der eigenen Homepage, dem Facebook-Profil, dem Blog stattfindet, kniend vor einem Jurymitglied von RTL, auf dem Weg in das Dschungelcamp, im Big-Brother-Container oder beim Schlagabtausch in einer Talkshow. Das beschränkt sich nicht mehr nur auf Prominente und etablierte Medienprofis.

WAS IST DA EIGENTLICH ECHT?

Beauty & The Nerd spart an Gegensätzen zwischen dem vermeintlich Idealen und dem Absonderlichen wenig aus.3 Südafrika, das Setting der Serie, wird als Land extremer Gegensätze beschrieben, während visuell Strandszenen respektive die Gesäße weißer Touristen eingespielt werden, unterlegt mit einer dramatischen Musik. Ein – so der Einspieler der Sendung – idealer Ort für einen Wettkampf zwischen den „heißesten Frauen Deutschlands“ und einigen der „nerdigsten Jungs Deutschlands.“ Der Drehort, eine Villa, befindet sich laut Einspieler 60 Kilometer außerhalb von Kapstadt, entfernt von vermeintlichen Gegensätzen Südafrikas, auf die der Einspieler sowieso nicht eingeht. Durch die Verlegung des Settings, sofern dies wahrheitsgetreu wiedergegeben ist, erfährt der Zuschauer eine Betonung des Experimentcharakters des Schauspiels, dessen er gewahr wird. Korrelierend dazu wird die „Nerdigkeit“ (engl. nerd = Fachidiot, Schwachkopf, Langweiler, Streber) der Männer visuell durch eine Szene unter Beweis gestellt, in der drei zottelige junge Teilnehmer mit Unterhose und jeweils gleichem Bademantel  bekleidet vor einem Schachspiel sitzen. Überhaupt sei das Faible eines Kandidaten für Gesellschaftsspiele schon einmal ein Makel größerer Absonderlichkeit. Im Gegensatz dazu erscheinen die weiblichen Teilnehmerinnen auch beinfrei, aber zumindest gut gebräunt. Ein ordentlicher Vorbau erschien zudem als Grundbedingung für die Show-Teilnahme. Beide Seiten sind somit in einem für sie einheitlichen Stil bekleidet und ausgestattet. Kernidee des Ganzen: Wie reagieren junge Männer, wenn sie auf schöne Frauen treffen? Dieser eigentlich recht profanen Frage wird Brisanz durch die Überspitzung der jeweiligen Charaktere hinzugefügt. Die Frauen erinnern an Top-Models, die Männer erinnern an die (eben falls überspitzten) Figuren aus der ProSieben-Serie The Big Bang Theory. Folgend der Argumentationslinie der Sendemacher stellen wird fest: Wer sich für Mathematik und Physik interessiert, muss auch aussehen wie ein Waldschrat. Zugutehalten muss man den Verantwortlichen hier immerhin, dass sie die Klischees beidseitig verteilen. Blond zu sein und volle Lippen zu haben, muss ein Indiz dafür sein, mit einem Gehirn von der Größe einer Erbse gesegnet zu sein.

VON KREATIVEN REDAKTEUREN

Geeignete Teilnehmer für so eine Sendung zu finden, stellte die Macher der Serie, die Shine Germany AG, eine Abteilung von Endemol, vor gewisse Herausforderungen. Und so stellten die Redakteure bei ihrer Suche nach den Nerds zu erst eine Anfrage an den Chaos Computer Club. Diese lautete: „Gesucht werden junge Männer zwischen 25 und 32, die auf den ersten Blick geeky wirken, aber intelligent und symphatisch sind und das Potential zu einem Dr. Dr. Sheldon Cooper haben.“ Der Chaos Computer Club antwortete süffisant: „Im Angebot haben wir im Moment vor allem junge Hackerinnen zwischen 15 und 45, die intelligent und symphatisch sind und das Potential zu einer Marie Curie haben (echte Physikerin).“ Erwiesen sind in der Sendung Manipulationen, bei denen einzelnen Nerds die Aufgaben schwieriger gemacht wurden als den anderen. Erwiesen ist auch, dass beim äußeren Auftreten der Kandidaten von den Produzenten nachgeholfen wurde. So trug beispielsweise nach den „Make-Overs“ (Verhübschungen) der männlichen Kandidaten keiner mehr eine Brille, und es müsste auch sehr verwunderlich sein, Menschen mit dem ursprünglichen Outfit der Kandidaten im Alltag anzutreffen. Zumindest hat der Autor dieses Artikels so etwas noch nie erleben dürfen.

DIE FROHE BOTSCHAFT AM SCHLUSS

Sprechen wir bei Fernsehen von einem Medium mit intellektuellen Anspruch, so müsste sich hinter jeder Sendung, hinter jedem Film und jeder Serie, insbesondere hinter Reality-TV-Shows, die ja einen Anspruch erheben, einen Teil Wirklichkeit abzufassen, eine Botschaft stecken, die dem Zuschauer als lehrreich präsentiert werden kann. Denken wir an Beauty & The Nerd, so mag selbige darin liegen, dass Äußerlichkeit eben doch wichtig ist (als Verbindungsstudent ist man hier natürlich immer stilsicher). Damit die Frohe Botschaft aber nicht nur auf einer Seite gepredigt wird, waren es auch die weiblichen Kandidatinnen, die aus der Sendung etwas mitnehmen, so die Reaktion der Kandidatin Martina aus der ersten Staffel, die weinend und voller Rührung feststelle, das Äußerlichkeit ja doch nicht alles ist und die Nerds ja von Herzen gut seinen. Ende gut, alles gut.

SCHLUSSBEMERKUNG

Es ist legitim, sich seichte Unterhaltung anzusehen, genauso wie es legitim ist, jeden Tag im Bett liegend zu verbringen. Manchmal lohnt sich aber der Blick auf unsere Motive und Reaktionen beim Konsum dieser Sendungen. Die Erkenntnis könnte uns überraschen.

LITERATURTIPPS

Erving Goffman: Verhalten in sozialen Situationen, Gütersloh 1971.
Ders.: Interaktionsrituale, Frankfurt am Main 1955/1971.

Quellen

1Bernhard Pörksen, Wolfgang Krischke (Hg.): Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien, Köln 2010.
2Birgit Leidenfrost, Dagmar Schadler: Strukturelle Aspekte derInszenierung von KandidatInnen als Stars und „ordinary persons“ in der Castingshow Starmania, Wiener Linguistische Gazette 72-A (2005) 17–50.
Bernhard Pörksen, Wolfgang Kirschkeb(Hg.): Die Casting-Gesellschaft. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien, Köln 2 2012, 9.
3 Vgl. dazu: Fernsehkritik TV: Folge 109 vom 25. Februar 2013.

Bilderlizenz: CC0 Public Domain


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Rudolf Bede

geb. 1986, Soziologie und Erziehungswissenschaftler, Chefredaktion.



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