Unbedingte Bündnistreue

In der Frühphase der Julikrise streiten die Wiener Diplomaten über die richtige Reaktion auf das Attentat von Sarajevo und bemühen sich um die Unterstützung des deutschen Bündnispartners. Am Ende stehen die Entscheidung für den Militärschlag gegen Belgrad und der berüchtigte Blankoscheck aus Berlin. Aber der Prozess ist gekennzeichnet von Halbheiten und Unaufrichtigkeiten auf allen Seiten.


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Buendnis_1Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges resultierte aus einer Reihe komplexer, miteinander verwobener Handlungsstränge. Die Akteure auf staatlicher und individueller Ebene wurden dabei von kulturellen, gesellschaftlichen, politischen und sozialen Gesichtspunkten determiniert.

Dieser Artikel wird nur ein spezialisiertes Themenfeld herausgreifen, welches im Rahmen der sogenannten Julikrise einzuordnen ist. Die Julikrise, also der Zeitraum zwischen der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo und des Ausbruch des Krieges, wurde auf dem diplomatischen Parkett Europas von intensiven Verhandlungen bestimmt.

Wir widmen uns dabei einem Thema „aus österreichischer Sicht“, dem Wirken der österreichischen Diplomatie in den ersten Tagen der Juli-Krise. Und darin speziell der sogenannten „Mission Hoyos“.

Graf Hoyos

Der namensgebende, österreichische Diplomat Alexander von Hoyos führte damals als Kabinettschef im k.u.k Aussenministerium ein einflussreiches Beratergremium an. Auf dieses verließ sich der damalige Außenminister Graf Berchtold – selbst ein entschlussschwacher Mann – in Beraterfragen fasst vollständig. Hoyos vertrat in seinem Wirken den Standpunkt einer „aktiven“ Außenpolitik, um „den maroden k.u.k. Staatskörper zu heilen“. Bereits erfolgreich wirkte er für die deutsche Zustimmung zur Annexion Bosniens durch den k.u.k.-Staat im Jahre 1908.

Als sich das Kabinett des Außenministers am Morgen nach dem Attentat im Büro von Hoyos zur Besprechung trifft, macht bereits der Plan eines Militärschlages mit anschließender Besetzung Serbiens die Runde. (Eine Beteiligung serbischer offizieller Stellen an dem Attentat, die sich später in Teilen bestätigt, wird zu diesem Zeitpunkt bereits vermutet.) Man einigt sich, dass Hoyos einen Brief aufsetzen soll, der im Namen des Kaisers Franz Joseph an den deutschen Kaiser Wilhelm II. geschrieben werden und die Unterstützung für einen Militärschlag einholen soll. Darin wird bereits sichtbar, dass der greise Kaiser von politischen Entscheidungsprozessen weitgehend abgekoppelt ist.

Auf der Sitzung des k.u.k. Ministerrates, die am selben Abend stattfindet, ist der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza der einzige, der in einer realistischen Lageeinschätzung gegen die Pläne opponiert. Er fürchtet nach einer Annexion Serbiens eine Stärkung der Slawen in der ungarischen Reichshälfte ebenso wie einen in diesem Fall drohenden Krieg mit Russland. Damit steht er jedoch alleine im Ministerrat. Einig ist man sich, dass in jedem Fall die Unterstützung des Deutschen Reiches eingeholt werden soll, dem man zum einem mit dem Dreibund verbunden ist und das zum anderen als mächtigste Militärmacht Europas gilt.

Der Weg zum Blankoscheck

Dazu soll ein Memorandum verfasst werden, das der aktuellen politischen Bündnislage gerecht wird. Denn Deutschland sieht sich, ebenso wie Österreich-Ungarn auf dem Balkan, von feindseligen Mächten eingekreist. Einen zentralen Punkt nimmt dabei der Balkan ein. Denn hier versuchen die europäischen Mächte analog zum Verfall des osmanischen Reiches die neu entstandenen Nationen an sich zu binden. Serbien zählt zum russischen Lager, während sich die Mittelmächte um Bulgarien und Rumänien bemühen.

Das Memorandum wird mit gebotener Dramatik geschrieben und betont die Gefahr des durch Serbien und Russland ausgehenden „Panslawismus“. Durch Hoyos Initiative umfasst es eine persönliche Note. Der deutsche Kaiser wird als „treuer Freund“ bezeichnet, auf den „immer Verlass sei“. Bezeichnend ist abermals, dass Franz Joseph das Schreiben nur zur Unterschrift vorgesetzt bekommt. Es spricht viel dafür, dass Hoyos sich als langgedienter und erfahrener Diplomat der Tragweite der außenpolitischen Möglichkeiten durch das Attentat wohl bewusst war. Entsprechend ist auch die direkte Ansprache Wilhelms zu verstehen. Hoyos selbst besitzt durch die Ehe seiner Schwester mit dem ältesten Sohn Bismarcks beste Kontakte in die höchsten Kreise des Deutschen Reiches. Auch dem Kaiser selbst ist Hoyos durch die bosnische Annexionskrise bereits bestens bekannt. Seit damals besitzt Hoyos eine gewisse Kenntnis von Wilhelms bisweilen überhöhten Denkmustern und darin dessen Überzeugung, dass unbedingte Bündnistreue, ja Nibelungentreue fest zum monarchischen Ehrgefühl gehört. Dementsprechend die Anschrift an Wilhelm, dass dieser ein verlässlicher Partner sei. Für den deutschen Kaiser ergibt sich damit gar keine Möglichkeit mehr, dieser Verpflichtung zu entgehen.

Am 3. Juli wird Hoyos offiziell entsandt, um das Memorandum zu übergeben. Am 5. Juli trifft er in Berlin ein. Die meisten Spitzen der Deutschen Politik befinden sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Sommerurlaub. So trifft Hoyos auf den Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Arthur Zimmermann. Eine Unterredung mit Zimmermann interpretiert Hoyos gegenüber seinem Vorgesetzten Berchtold später bereits als „90 % Zustimmung zu einem Krieg gegen Serbien“, obwohl Zimmermann nicht stellvertretend für die Reichsleitung sprechen konnte. Zimmermann, aufgewachsen in der wilhelminischen Zeit, ist ebenso Corpsstudent wie der Kaiser selbst. Und er neigt zu einer aufgeblasenen Ausdrucksweise, die Hoyos als Kenner der deutschen „Upper-Class“ eigentlich bekannt ist. Auch wird Hoyos an die Führung in Wien berichten, „dass das Reich militärisch so stark sei, dass es ohne Probleme einen 2-Fronten Krieg gegen Russland und Frankreich führen kann“.

Von seiner anschließenden Audienz bei Kaiser Wilhelm wird er später mitteilen, „dass die Reichsführung bereits vor seiner Ankunft den Schluss gezogen hatte, dass Österreich-Ungarn nun handeln müsse, auch wenn daraus ein europäischer Krieg entstünde“.

Für diese Behauptung existieren keine Belege. Bestätigen lässt sich jedoch, dass der Kaiser und seine Entourage die ersten Tage der Krise mit Routine-Geschäften verbrachten.

Fehlinformation und -interpretation

Und so wirkt die erste Reaktion Wilhelms auf die Audienz des k.u.k. Botschafters zunächst zurückhaltend, er spricht von „ernsthaften Konsequenzen die auf europäischer Ebene zu fürchten sind, und dass man insofern noch keine Zusage geben kann“ – zumal Österreich noch keinen Handlungsplan vorlegt und zunächst nicht deutlich macht, welche Maßnahmen es zu treffen gedenkt. Erst nach einem gemeinsamen Spaziergang nach dem Mittagessen, wird Wilhelm eine Aussage zur „gewohnten Bündnistreue zwischen Deutschland und dem k.u.k. Reich“ treffen. Zu beachten ist hier allerdings, dass Wilhelm ein Bekenntnis zur Bündnistreue quasi gewohnheitsmäßig abspult. Konkrete Handlungsvorschläge an die Donaumonarchie liefert er dabei nicht, rechnet nun aber mit einem Vergeltungsschlag des gesamten k.u.k Reiches gegen Serbien. Über das Zögern Tiszas, der immerhin als Ministerpräsident die ungarische Reichshälfte vertrat, wurde er nicht informiert; ebenso wenig wie über die mögliche Annexion serbischer Territorien. Dazu muss man verstehen, dass das europäische Ausland einer begrenzten Strafaktion gegenüber Serbien durch Österreich durchaus Verständnis entgegenbrachte. Und mit einer ebensolchen rechnet auch der deutsche Kaiser. Der präventive Charakter des Krieges wird noch durch Behauptungen Hoyos betont, die völlig an den Haaren herbeigezogen sind. So spricht dieser von mobilen Truppenverbänden Österreichs, die bereits bereit stünden, um Serbien im Handstreich zu nehmen. Die Aufzeichnungen der damaligen Zeit sprechen hier eine andere Sprache, nicht nur war diese Behauptung falsch, sondern war die Donaumonarchie am 6. Juli überhaupt allenfalls zu einer Teilmobilisierung fähig. Die meisten Wehrpflichtigen befanden sich nämlich wegen der beginnenden Erntezeit auf den Höfen der Familien.

In Berlin spricht Kaiser Wilhelm noch am folgenden Tag mit Reichskanzler Bethmann Hollweg: „Direkter Anregungen und Ratschlägen müsse man sich enthalten, da mit allen Mittel gegen einen internationalen Konflikt gearbeitet werden muss. Jedoch müsse Kaiser Franz Joseph wissen, dass Deutschland auch in ernster Stunde Österreich-Ungarn nicht verlassen werde.“

Im Ministerrat in Wien, der am 7. Juli die Entscheidung zum Krieg fixieren wird, hörte sich selbiges dann folgendermaßen an: „Deutschland steht unbedingt auf unserer Seite, auch wenn der Schlag gegen Serbien einen großen Krieg auslösen würde. Sie raten uns zum sofortigen Losschlagen.“ Durch die Ereignisse, die dann letztlich zum Kriegsausbruch geführt haben, die Bündnisverpflichtungen im europäischen Raum, hatte diese unvollständige Information des deutschen Kaisers und die Interpretation seiner Aussagen durch die österreichische Gesandtschaft die Folge, dass das Deutsche Reich nun als zentraler Kriegstreiber im Raum stand, da seine Haltung die Internationalisierung des Konfliktes ermöglicht hatte.

Zwar forderte das Deutsche Reich die Österreicher nach der Besprechung am 6. Juli mehrfach zu einem raschen Handeln auf, um das Momentum der internationalen Empörung über das Attentat nicht verstreichen und Russland und Serbien keine Gelegenheit zu präventiven Maßnahmen zu lassen. Dies war jedoch ein bedingtes Drängen. Wenn Österreich handeln wollte, dann bitte schnell. Aber über das Ob sollte Wien autonom entscheiden. Als die Serben dann auf das österreichische Ultimatum am 25. Juli mit weitreichendem Entgegenkommen antworteten, sah Wilhelm II. die Gründe für einen Krieg entfallen. Dabei waren in den Ministerien die Würfel aber schon gefallen. Am 28. Juli eröffnete Österreich mit der Beschießung Belgrads die Kampfhandlungen; die russische Mobilisierung folgte, die Bündnisfälle traten ein.

Alexander von Hoyos übrigens, der nach dem Krieg pensioniert wurde, litt Zeit seines restlichen Lebens am Erfolg seiner Mission und bezeichnete diese als „großes Unheil“.


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Rudolf Bede

geb. 1986, Soziologie und Erziehungswissenschaftler, Chefredaktion.



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