Wir Kinder des Internets

Die Erfolgsgeschichte des Weltnetzes lässt nach den Folgen für das Zusammenleben in der realen Welt fragen.


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Als ich 1998 Abitur machte, war das Internet (von engl. „interconnected networks“: „untereinander verbundene Netzwerke“) noch eine Sache von wenigen Computerfreaks. Genau genommen erinnere mich nur an zwei Klassenkameraden, die schon damals regelmäßig im Netz surften. Nur dreizehn Jahre später hat sich das Internet zu einem Leitmedium unserer modernen Gesellschaft entwickelt. Ein Siegeszug, der staunen macht. Ohne dass wir es gemerkt haben, hat sich das World Wide Web (zu deutsch: „weltweites Netz“) zu einem nicht mehr wegzudenkenden, sämtliche Bereiche durchdringenden Bestandteil unseres Alltagslebens entwickelt. Morgens schnell die E-Mails (von engl. „electronic mail“) checken, sich auf Spiegel-Online mit den neuesten Nachrichten versorgen, während des Tages immer mal wieder Internetseiten öffnen, sich treiben lassen in den schier endlosen Weiten des digitalen Raumes. Abends ins ICQ (gleichlautend mit engl.  „I seek you“, zu deutsch: „Ich suche dich“) gehen, um mit Freunden zu chatten (von engl. „to chat“: „plaudern, sich unterhalten“), auf der Pinwand von StudiVZ (Abkürzung für Studierverzeichnis, Online-Netzwerk für Studenten mit derzeit etwa 6 Millionen registrierten Nutzern) eine Nachricht hinterlassen. Ein letztes Mal das E-Mail-Fach öffnen, man könnte ja eine wichtige Nachricht verpassen. Bei der Gelegenheit kann man auch gleich noch den Blog (Wortkreuzung aus engl. „World Wide Web“ und „Log“ für Logbuch) aktualisieren.

Nahezu 80 % der jugendlichen Deutschen und immerhin 68 % der Erwachsenen nutzen regelmäßig das Internet. Woher ich das weiß? Na klar, aus der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia (Kofferwort, zusammensetzt aus „Wiki“, der mit dem hawaiischen Wort für „schnell“ bezeichneten Technik zur kollektiven Erstellung von Internetseiten, und „encyclopedia“, dem englischen Wort für Enzyklopädie) – dem digitalen Gehirn der jungen Generation.

Wenn so viele Menschen das Internet nutzen, kann das doch nur bedeuten, dass das Internet unser Leben einfacher macht. Schließlich erlaubt es uns, schneller und effektiver zu kommunizieren, als dies früher per Briefpost der Fall war (wer schreibt heute eigentlich noch Briefe?). Oder will irgendjemand ernstlich bestreiten, dass man mit Hilfe von E-Mails mehr Informationen in kürzerer Zeit und über größere Distanzen austauschen kann? Spätestens jetzt wird der allzeit gestresste junge Erwachsene zwischen 20 und 35 Jahren aufstöhnen: Das E-Mail-Fach quillt über, Freund B. beschwert sich über StudiVZ, dass man sich nicht zurückgemeldet hat, obwohl er bereits vor 2 Tagen (!) eine Nachricht hinterlassen hat: „Bitte melde Dich asap! (von engl.: „as soon as possible”). Zu allem Überfluss ist die Internetleitung mal wieder viel zu langsam. Dabei müsste man doch dringend Freund B. antworten.

Reaktionär, kulturpessimistisch, nicht auf der Höhe der Zeit? Drei Gründe für einen maßvollen Umgang mit dem Internet:

1. Die Googleisierung der Gesellschaft geht einher mit einer neuen Bildungsfeindlichkeit

Im Internet scheinen alle Hemmungen zu fallen. Schaut man sich die Online-Auftritte der großen deutschen Qualitätszeitungen (und nicht nur dieser) an, stellt man fest, dass sich unter den Beiträgen in großer Zahl hasserfüllte Kommentare befinden. Nicht selten steht dahinter der Versuch, den Autor zum Schweigen zu bringen oder ihn mindestens lächerlich zu machen. In der harmloseren Variante werfen die Hobbyschreiber den Autoren „Abgehobenheit“, „feuilletonistisches Wortgeschwurbel“ und „Bildungshuberei“ vor. Tiefgreifende Analysen, das Hinterfragen von Sachverhalten, die Auseinandersetzung mit sperrigen Themen scheinen nicht mehr gefragt zu sein. Das Erheischen von Aufmerksamkeit und der schnelle Effekt haben demgegenüber Vorrang.

2. Reizüberflutung macht krank

Dass unser menschliches Gehirn mit Multitasking überfordert ist, ist keine neue Erkenntnis; zahlreiche Studien belegen dies. Aufmerksamkeitsstörungen und psychischer Dauerstress sind die Folge. Im schlimmsten Fall kann die ständige Reizüberflutung gesundheitliche Folgeschäden nach sich ziehen.

Mit den Auswirkungen des digitalen Informationsbombardements befasst sich auch der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinem Buch Payback. Schirrmacher ist einer der prominentesten Vertreter einer neuen Kulturavantgarde, die die Schattenseiten des Internetzeitalters offen thematisiert. Er befindet sich damit in guter Gesellschaft. Immer mehr Familien schützen sich aktiv gegen die mediale Dauerberieselung. Fernsehen und Internet waren gestern. Spieleabende in der Familie, gemeinsame Aktivitäten mit Freunden, regelmäßige Stammtische mit Vereinskollegen und bürgerschaftliches Engagement in der Nachbarschaft stehen heute auf dem Programm!

3. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“

Dieser Satz des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber misst der zwischenmenschlichen Beziehung den ihr gebührenden Stellenwert zu. Damit sich eine fruchtbringende, tragfähige zwischenmenschliche Beziehung entwickeln kann, bedarf es mehr als bloßem digitalem Informationsaustausch. Foren, Chatrooms, Blogs & Co. sind eben kein Ersatz für das richtige Leben. Martin Buber würde es vermutlich so formulieren: Eine wirklich dialogische Beziehung zwischen zwei Menschen kommt nur dann zu Stande, wenn die Gesprächspartner nicht über etwas, sondern von- und miteinander sprechen. Dazu bedarf es Offenheit, Empathie und Mut zu rückhaltlosem Sprechen. Folgt man dem Denken Martin Bubers, so hat die virtuelle Kommunikationsweise mit dem „echtem Leben“ in etwa so viel zu tun wie ein billiges Imitat mit dem Original. Bleibt nur eins: Sich ins ICQ einloggen und Freund B. samt Freundin zum Spieleabend einladen.


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Stefan Martin

geb. 1979, Ingenieur, VDSt Freiberg.



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